Furios fragt sich: Wie waren bei den Zugezogenen die ersten Monate Berlin?

Ob zufällig, aus Überzeugung oder notwendigerweise – Menschen, die aus mehr oder weniger guten Gründen in Berlin landen, sind fortan dem Guten und Schlechten, dem Wunder und Wahnsinn dieser Stadt ausgesetzt. Welche Anekdoten lieferten die ersten Monate Berlin? Von Carl Friedrichs.

Berlin – eine Stadt der Gegensätze. Copyright: Pexels

In der Ferienserie „Furios fragt sich” stellen sich Autor*innen die kleinen und großen Fragen des Lebens.

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne – fast. Am allerersten Abend in Berlin ging ich mit meinem neuen Mitbewohner in eine Bar. Ein paar Bierchen, lustige Gespräche über dies und jenes, es wurde spät. So weit, so gut. So ähnlich hatte ich mir meinen Alltag hier vorgestellt. Doch zu fortgeschrittener Stunde kam ein Mann an unseren Tisch und verkündete – wohl angesichts unserer Unterhaltung über den Umzug aus Hamburg – in breitem Lokalakzent: „Ick hasse Fischköppe!“ Dieser lustige, wenn auch nicht sehr freundliche Empfang ließ teilweise erahnen, was kommen sollte. Auch wenn dies seither das einzige derartige Willkommen blieb.

Kalte Schnauze und Traubenzuckerlolli

Denn die notorisch rotzige Tonart der Hauptstadt, wie ich sie am ersten Abend kennenlernte, zeigt sich immer wieder. Meist jedoch in Verbindung mit einer faszinierenden Herzlichkeit. So zum Beispiel bei der Kassiererin neulich im Supermarkt. Beim Abkassieren bemerkte sie ein Baby, das in der Schlange hinter mir quengelnd im Kinderwagen lag. Prompt versuchte sie, es mit Papierrascheln und angedeuteten Küsschen aufzuheitern. In meinem, durch die Maske halb verdeckten, Gesicht meinte sie daraufhin scheinbar etwas Neid erkannt zu haben; und stellte mir beim Bezahlen darauf die etwas flapsige Frage, warum ich denn so ein Gesicht zöge. Ich war zunächst leicht irritiert, verließ den Laden dann aber mit einem geschenkten Traubenzuckerlolli und der augenzwinkernden, aber nüchternen Versicherung: Wäre ich ein paar Jahre jünger gewesen, hätte ich „schon ooch noch een paar Flugküssken“ bekommen.

Neben der manchmal etwas versteckten Herzlichkeit, ist leider auch der scheinbare Wahnsinn der Stadt allgegenwärtig. Beispielsweise beim Fahrradfahren, das teilweise eine nahtod-ähnliche Erfahrung ist. Die Verkehrssituation Berlins scheint Hitzköpfe am Steuer zu geistigen und fahrerischen Höchstleistungen zu treiben. So schrie mir einer von ihnen nach seinem ,erfolgreichen‘ Überholmanöver zornentbrannt zu: „Verpiss dich oder wie du heißt!“ Kryptisch und eindeutig zugleich. Dass das Fahrrad in Berlin nicht das stressfreiste Verkehrsmittel ist, war mir spätestens ab diesem Moment klar. Doch auch Alternativen bieten ihre Tücken.

Wunder und Wahnsinn: Besser gemeinsam

Denn nirgendwo liegen Gutes und Schlechtes der Stadt so kontrastreich nah beieinander, wie in den öffentlichen Verkehrsmitteln. Zwischen zentral platzierten menschlichen Hinterlassenschaften im S-Bahnhof und der Frau, die einen mit dem Rucksack in der Bahntür eingeklemmten Schüler heldinnenhaft freistemmt, liegen manchmal nur wenige Schritte und Minuten. Beide Szenen reichen wohl nicht, um ein ausgewogenes Bild von Berlin zu zeichnen – hintereinander gestellt zeigen sie aber die Wechselhaftigkeit und teilweise Absurdität des Alltags hier.

Und dann gibt es noch die Grenzfälle, in denen Wahnsinn und Wunder Berlins verschwimmen, sich gleichzeitig und in einem zeigen. Als nur ein Beispiel sei hier die sehr freundliche, aber sehr strikte Nudismus-WG genannt, die auch das Kennenlernen splitterfasernackt abhalten wollte.

Dieser Text soll weder Berlin-Bashing, noch eine Liebes- oder Hassliebeserklärung an den romantisierten Sehnsuchtsort Großstadt sein. Davon gibt es genug. Gute wie schlechte Seiten Berlins werden meist schnell deutlich, das zeigen Gespräche mit anderen ,Neulingen‘. Sich über Erfahrungen auszutauschen, sie gemeinsam zu erleben und weiter zu erzählen, wird im kommende Präsenzsemester wieder besser möglich sein. Ich für meinen Teil kann die Anekdoten der anderen Studierenden kaum erwarten. Denn – und jetzt wird es doch noch mal kitschig – ganz gleich wann, wie oder warum man hierhergekommen ist: Berlin wird besser, wenn man es gemeinsam erlebt.

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