Unbequeme Wahrheit

Die Leipziger Hochschulzeitung luhze berichtete kritisch über eine Immobilienfirma – und wurde dafür angeklagt. Wie man auf Einschüchterungsversuche reagiert und was es heißt, eine unabhängige Hochschulzeitung zu sein. Von Caroline Blazy.

Profit versus Pressefreiheit? Illustration: Minette Lee

Dass Journalist*innen und Redaktionen auch mal von Einzelpersonen oder ganzen Unternehmen die Aufforderung erhalten, über bestimmte Themen weniger kritisch oder gar nicht zu berichten, ist nichts Neues. Der investigative Journalismus ist diesem Risiko regelmäßig ausgesetzt. Gerade dann, wenn es aus Sicht von großen und finanzstarken Unternehmen eine unliebsame oder rufschädigende Berichterstattung gegeben hat. Im schlimmsten Fall liegt dann irgendwann das Anwaltsschreiben im Briefkasten der Redaktion und es kommt zur Gerichtsverhandlung. Doch wie sieht das eigentlich bei Hochschulzeitungen aus?

Der Leipziger unabhängigen Hochschulzeitung, kurz: luhze, ist Ende letzten Jahres genau das passiert. Im Dezember berichtete luhze über ein Mietshaus im Leipziger Stadtviertel Reudnitz, das zu einem Milieuschutzgebiet gehört. In der Gegend rund um den Lene-Voigt-Park wohnen vor allem Studierende und junge Berufstätige.  

Luhze zitierte in ihrem Artikel Mieter*innen, die das Vorgehen der Immobilienfirma United Capital kritisierten, indem sie ihr „Schikane“ vorwarfen. So seien Mieter*innen mit „ständigen Anrufen, stundenlangem Beobachten des Hauses und Beschädigungen der Wohnungen“ gezielt „mürbe gemacht“ worden. In dem Artikel heißt es weiter, United Capital kaufe Wohnungen in dem Haus auf und vermiete sie für 18 Euro pro Quadratmeter weiter als WG-Zimmer.

Einschüchterungsversuch per Anwaltsschreiben

Die Immobilienfirma behauptete daraufhin, die Zitate würden nicht von den Mieter*innen stammen, sondern von luhze selbst. United Capital forderte die Hochschulzeitung dazu auf, die betroffenen Passagen aus dem Artikel zu nehmen – luhze verweigerte dies mit der Begründung, die Zitate seien als solche kenntlich gemacht worden. 

Der Weg vom Zitat bis zur Veröffentlichung In journalistischen Texten werden direkte Zitate von Dritten in der Regel entweder durch Anführungszeichen hervorgehoben oder durch die indirekte Rede und den Konjunktiv deutlich gemacht. Vor Veröffentlichung legen Journalist*innen die Passagen, in denen Quellen zitiert wurden, den befragten Personen zur Autorisierung vor. Diese können die Zitate freigeben und haben dabei auch die Möglichkeit, Änderungen und Korrekturen vorzunehmen. Erst dann kann der Artikel oder das Interview veröffentlicht werden. Die Autorisierung ist in Deutschland eine gängige journalistische Praxis, obwohl sie im Pressekodex nicht vorgeschrieben wird.

Was folgte war für die Redaktionsmitglieder eine emotionale Achterbahnfahrt. In der Nacht vor Heiligabend kam das Mahnschreiben der Anwaltskanzlei. Dieses forderte eine vollständige Beseitigung der von United Capital bemängelten Passagen bis zum 30. Dezember. „Wir waren fast alle zu Hause bei unseren Familien und mussten uns plötzlich mit juristischen Problemen herumschlagen“, sagt Chefredakteurin Adefunmi Olanigan im Gespräch mit FURIOS. Die Zeit sei sehr anstrengend und kräftezehrend gewesen, da parallel dazu auch noch eine Zeitung produziert werden musste. Auch Chefredakteur Franz Hempel stellt fest: „Das hat auf jeden Fall Weihnachten verschossen. Die Fristen, die uns von United Capital und ihren Anwälten gesetzt worden sind, waren sehr knapp.”

„United Capital bestreitet die Aussagen der von uns zitierten Mieter*innen. Das ist ihr gutes Recht. Aber statt die Vorwürfe durch Aufklärung zu beseitigen, legt man uns die zitierten Aussagen als eigene in den Mund.“

Pressemitteilung Luhze e.V.

Luhze setzte sich mit einer Pressemitteilung und der Social-Media Kampagne #luhzeprozess zur Wehr. Das Medieninteresse war groß. „Wir haben die Pressemitteilung veröffentlicht, versucht, das über Social-Media-Kanäle weiterzutragen und in einer Reichweite gedacht von: ‚Ok, jetzt berichten der Kreuzer oder mephisto über uns, bis hin zu: Vielleicht schreibt auch der Spiegel.’ Und dann hat sich das eben verselbstständigt. Wir haben von der Zeit, dem Deutschlandfunk und der Süddeutschen Zeitung Interviewanfragen bekommen“, erzählt Adefunmi. Franz sagt: „Das war auf jeden Fall unsere Absicht. Wir wollten genau diese Reaktion. Natürlich war das ein Risiko, es hätte ja auch andere Berichterstattung geben können. Aber wir brauchten die Aufmerksamkeit, eben weil wir das finanziell nicht hätten stemmen können“. Die Anwaltskosten, die United Capital versuchte geltend zu machen, lagen bei rund 2000 Euro.

U für Unabhängigkeit

Luhze ist eine unabhängige Hochschulzeitung, finanziert sich durch Crowdfunding und Anzeigen und hangelt sich so von Ausgabe zu Ausgabe. Eine allgemeine finanzielle Unterstützung von luhze durch die Universität besteht nicht. Adefunmi und Franz befürworten dennoch die Unabhängigkeit der Hochschulzeitung, die acht Hochschulen in Leipzig vereint. „Wenn man Teil der Hochschule ist, dann traut man sich vielleicht doch nicht manche Spitzen gegen die Uni zu fahren oder schwierige Situationen kritisch zu beleuchten“, so Adefunmi.

Franz erzählt, vor einigen Jahren habe die Leipziger Volkszeitung Interesse daran gehabt, die Hochschulzeitung, die damals noch student! hieß, zu übernehmen. Sie wäre dann wahrscheinlich als Beilage erschienen. Ihrem eigenen Anspruch hätten sie dann aber nicht mehr gerecht werden können, so Franz. Aus Sorge um die Eigenständigkeit und redaktionelle Unabhängigkeit seien die Gespräche daher recht früh abgelehnt worden. „Bei aller Erschwernis, die eben damit einhergeht, dass wir jeden Monat erneut schauen müssen, wie wir uns finanzieren und wo die Anzeigen herkommen – es macht uns doch auch große Freude und ich bin sehr stolz auf das U in luhze, was für Unabhängigkeit steht.“

Zittern bis zur letzten Minute

Zu der angekündigten gerichtlichen Verhandlung kam es letztendlich nicht. United Capital ließ den Antrag auf einstweilige Verfügung eine Stunde vor Verhandlungsbeginn fallen. Womöglich auch, weil der Medienrummel und die ausgelöste Debatte über eine mögliche Einschränkung der Pressefreiheit der Immobilienfirma mehr Aufmerksamkeit verschafften, als ihr eigentlich lieb war. Adefunmi vermutet, United Capital habe die Reichweite der Hochschulzeitung zunächst überschätzt und sah sich in dem Artikel schlecht weggekommen. „Ich glaube, dass sie eigentlich gar keine Presse wollten und wenn, dann gute Presse.” 

Der fallengelassene Antrag löste in der Redaktion gemischte Gefühle aus. „Bei aller Freude bin ich auch ein bisschen sauer, dass sie den Antrag so spät zurückgezogen haben. Jetzt im Nachhinein haben wir den Eindruck gewonnen, dass sie das ein paar Tage vorher auch schon so geplant hatten und trotzdem bis zur letzten Minute gewartet haben“, sagt Franz.

Adefunmi und Franz nehmen jedoch auch Positives aus dem Fall mit. Sie würden jetzt eine Anwaltskanzlei kennen, die signalisiert habe, mit luhze zusammenzuarbeiten und ihnen auch preislich entgegenzukommen. Zudem würden sie auch ihre Sensibilität beim Korrekturlesen weiter erhöhen und noch genauer darauf achten, woher Informationen kommen und dass das Zwei-Quellen-Prinzip eingehalten wird. „Da wir ein Ausbildungsmedium sind, haben wir auch immer wieder sehr unerfahrene Autor*innen. Deswegen bin ich noch sensibler und genauer geworden, wenn es um kritische Passagen geht“, stellt Franz in diesem Zusammenhang fest.

Ein Erfolg für die Pressefreiheit?

Über das Thema Wohnen wird luhze jedenfalls auch weiterhin berichten, so Adefunmi. Es betreffe schließlich Grundsatzfragen wie: Kann man aus etwas Kapital schlagen und andere Menschen ausbeuten, indem man die Mietpreise sehr hoch ansetzt? Es sei wichtig, auf diese Fragen aufmerksam zu machen und genau hinzuschauen, um gesellschaftliche Diskurse anzuregen.

Als einen Sieg für die Pressefreiheit verbuchen die beiden Chefredakteur*innen das abgesagte Gerichtsverfahren allerdings nicht. Sie hätten ja keine Verhandlung gewonnen, sondern das Unternehmen habe kalte Füße bekommen, so Franz. Adefunmi fügt hinzu: „Aber es war auf jeden Fall ein Sieg für uns und dass man sich als kleine Zeitung trotzdem nicht niedermachen lässt. In dem Sinne dann vielleicht ja doch ein Sieg für die Pressefreiheit.“ 

Auch das bedeutet unabhängiger Journalismus: Unangenehme Fragen stellen und über Missstände berichten – ungeachtet dessen, ob sich die Kritik an Unternehmen, die Politik oder die eigene Universität richtet. Luhze geht als Ausbildungsmedium mit gutem Beispiel voran. 

Autor*in

Ähnliche Artikel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.