„Kritik ist eine gesellschaftssprengende Praxis” 

Am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft gibt es eine neue Zeitschrift, die Großes vorhat: Die Universität wieder als politischen Raum begreifbar machen. Annika Böttcher hat bei der Redaktion des Magazins nachgefragt, was dahinter steckt.

Die erste Ausgabe von explOSIv – Anmerkungen zum Universitätsbetrieb liegt nun überall am Campus aus und ist mit ihrem roten Cover kaum zu übersehen. Bild: Jahne Nicolaisen

Sie liegt in Zeitschriften-Regalen, Mensen und Cafés der FU: Die erste Ausgabe des Magazins „explOSIv – Anmerkungen zum Universitätsbetrieb”.  Die studentische Zeitung am Otto-Suhr-Institut (OSI) soll ein Platz zum Austausch und Kritiküben für Studierende sein. Jahne Nicolaisen und Fabian Bennewitz sind Teil der Redaktion von „explOSIv” und haben mit FURIOS über ihr Heft gesprochen.

FURIOS: Eure Zeitschrift heißt explOSIv – Anmerkungen zum Universitätsbetrieb. Das wirkt im ersten Moment ein wenig provokant. Ist das beabsichtigt?

Fabian: Wir hatten einfach große Lust, ein Wortspiel mit OSI zu machen. Lacht. Nein, im Ernst: Vielleicht ist es ein zu großer Anspruch, über kritisches Denken zu radikalen Ideen zu kommen, die dann zu Veränderungen führen, zum „Explodieren” also. Aber tatsächlich war und ist es doch oft so: Kritik ist eine gesellschaftssprengende Praxis. Mit dieser Vorstellung von Kritik stellen wir unser Projekt – wie in den Vorbemerkungen des ersten Heftes ausgeführt – in die Tradition der Aufklärung.

Jahne: Der Untertitel „Anmerkungen zum Universitätsbetrieb“ ist gewissermaßen eine Relativierung. „Anmerkungen am Rande” – Das drückt doch aus, dass wir nicht die eine große Hoffnung oder das zentrale Organ am OSI sind. Da wollen wir ehrlich mit uns selbst sein. 

Was wollt ihr mit dem Magazin erreichen?

Jahne: Das Interesse, sich hochschulpolitisch zu engagieren, ist gesunken. Das Bewusstsein dafür, dass die Universität als politischer Raum von Studierenden mitgestaltet werden kann, schwindet. Wir wollten herausfinden, warum das so ist und warum die Universität nicht mehr als Ort gesellschaftlicher Widersprüche wahrgenommen wird.  

Es geht uns dezidiert nicht darum, abstrakte Thesen über die Gesellschaft aufzustellen, sondern mit den Menschen Perspektiven bezüglich aktueller Probleme zu schaffen. Schreiben und Lesen können Möglichkeiten sein, eine Distanz zum Geschehen zu bekommen. In Bezug auf die Universität heißt das dann zum Beispiel: Wo geht es hin mit dem OSI? Oder: Wo geht es hin mit der Bildung an der Universität? Unser Anspruch ist, dass unsere Texte zu einer kritischeren Praxis, beispielsweise  in den Fachschaften, beitragen.

Wer steckt hinter explOSIv?

Jahne: Wir sind zu viert. Alle Redaktionsmitglieder sind oder waren auch in der Fachschaftsinitiative Otto-Suhr-Institut (FSI*OSI) aktiv oder engagieren sich an anderen Stellen der Hochschulpolitik, beispielsweise dem AStA.

Fabian: Ähnlich einer Arbeitsgruppe wollten wir unabhängig von der FSI an der Publikation dieser Zeitschrift arbeiten, allerdings deren Kanäle nutzen, um die Reichweite zu erhöhen. Jetzt planen wir, eigene Kanäle ins Leben zu rufen. Der Arbeitsumfang ist abhängig davon, wer noch alles zum Team dazustößt. 

Wie kam es zur Gründung der Zeitschrift?

Jahne: Seit Juni 2021 gibt es zwar wieder eine OSI-Zeitung, trotzdem sahen wir eine publizistische Lücke. Die war nie die gesellschaftskritischste Zeitschrift der Uni und auch thematisch sehen wir da Leerstellen. Zum ersten Mal kam die Idee auf, als wir im Archiv auf eine Wahlzeitung aus dem Jahr 1999 gestoßen sind. Daraus stammen die ersten beiden Artikel unserer ersten Ausgabe. Zudem war der frühe, journalistisch tätige Marx eine Inspiration, der in einem Brief an Arnold Ruge 1843 die Tendenz ihres neuen gemeinsamen Zeitschriftenprojekts erläutert, nämlich die: „Selbstverständigung (kritische Philosophie) der Zeit über ihre Kämpfe und Wünsche“. Diese Tradition der Aufklärung wird auch in unserer „Vorbemerkung zur Kritik“ aufgegriffen.

Fabian: Inspirationsquellen waren auch Zeitschriften oder andersartige gesellschaftskritische Organe. Dazu gehört beispielsweise die Zeitschrift HUch der HU, die sich unter anderem für die Auseinandersetzungen in der Hochschulpolitik interessiert. Aber auch das Magazin des Hamburger AStA, die New Critique – Zeitschrift für und wider, diente als Vorbild, das nicht nur berichtet, sondern auch Theoriearbeit und Gesellschaftskritik leistet. 

Warum habt ihr euch für das recht hohe Sprachniveau entschieden?

Jahne: Uns ist klar, dass wir damit viele Leute ausschließen und die Zeitschrift beispielsweise für Erstsemester nicht so anschlussfreundlich ist. Trotzdem war es uns wichtig, die teilweise komplexen  Themen nicht vereinfacht darzustellen.

Fabian: Kompliziert kann auch anregend sein, sodass man einen Text eventuell nochmal liest. Dieses mehrfache Lesen an sich ist auch schon ein interessanter Prozess. Gerade in den Geistes- und Sozialwissenschaften geht es darum, sich intensiv mit einer Sache zu beschäftigen. Klar kann man dann immer noch falsche Argumente haben, die kritisiert werden können, aber das Gesamt-Niveau soll schon auch erschlossen werden.

Jahne: Außerdem erzeugt der neue Strukturwandel der Öffentlichkeit durch digitale Formate immer kürzere Texte. Unsere Aufmerksamkeitsspanne sinkt und damit auch die Bereitschaft, sich mit längeren und komplizierteren Texten auseinanderzusetzen. Dem wollen wir etwas entgegensetzen. Diese Bereitschaft, sich auf unser Heft einzulassen, würde ich noch am ehesten bei Studierenden erwarten.

Wer ist eure Zielgruppe?

Jahne: Grundsätzlich richten wir uns an alle politisch interessierten Studierenden und an alle anderen, die Interesse daran haben, wie die Universität in der Gesellschaft steht. Die Zielgruppe ist also nicht auf die FU beschränkt. Um zu verstehen, wie es dazu kam, ist die aktuelle Ausgabe vermutlich besonders spannend für diejenigen, die unter der aktuellen BA-Studienordnung 2019 studieren. Natürlich ist das OSI unser thematischer Ausgangspunkt, alle Artikel gehen aber auch über das Fach hinaus.  

Die erste Ausgabe ist da – Wie geht es jetzt weiter?

Fabian: Am Anfang stand ganz groß die Idee einer Zeitung im Raum, aber das erschien uns vorerst zu umfangreich. Deshalb haben wir uns entschieden, erstmal nur ein Heft zu machen. Jetzt haben wir die Ambitionen wieder hochgeschraubt und planen weitere Ausgaben, auch mit Gastartikeln. Anfang Mai soll es deshalb den ersten offenen Call for Papers geben. Während des Sommersemesters soll dann die nächste Ausgabe entstehen.


Wer mehr über explOSIv erfahren möchte, kann am 19. Mai, um 16 Uhr, im Otto-Suhr-Institut (Ihnestr. 21, Hörsaal B) einer Veranstaltung beiwohnen, bei dem unter anderem die erste Ausgabe diskutiert wird. Bei Interesse an der Mitarbeit sowie Kritik und Anregungen freut sich das Team von explOSIv auch über eine Mail an explosiv-redaktion@riseup.net.

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