3Plusss: Ein 34-minütiger Heulkrampf

In seinem neuen Album weine jetzt, lache später führt 3Plusss einen Kampf: Gegen das System, gegen rechts, aber auch gegen seine Depressionen und seinen Pessimismus. Schafft er mehr, als bloß schlechte Laune zu verbreiten? Von Matthis Borda.

Der Rapper 3Plusss. Foto: Lukas Richter / All Artists Agency

Auf dem ersten Song des Albums, PHASE II, teilt 3Plusss gleich richtig aus: Er macht sich über den Diskurs um Cancel Culture lustig, nennt Dieter Nuhr eine Missgeburt und wünscht sich Julian Reichelt an der Hundeleine. Auch vor den Musikstreamingdiensten macht er nicht halt: „Du musst diesen Song hier jetzt tausendmal streamen, damit ich brutto um die vier Euro verdien’.“ Spotify scheint dies persönlich genommen zu haben, denn seit dem Release der Single finden seine neuen Songs zufälligerweise nicht mehr ihren Weg in die für Promotion wichtigen Playlists.

In DINGE knüpft er sich ausnahmsweise mal niemanden vor, sondern spricht direkt zu Menschen, die unter Depressionen leiden. Gerade der Refrain ist besonders einprägsam, denn hier wiederholt er die gleiche Zeile immer wieder, als würde er ein Mantra aufsagen:

„Das sind nur Dinge, die wir tun.

Das bist nicht du, das bin nicht ich.

Manche nennen es Depression, zig Definition‘

und Symptome und Begriffe für die Dinge, die wir tun.

Das sind nur Dinge, die wir tun …“

Ohne dabei die Krankheit herunterzuspielen, nimmt er ihr etwas Kraft und gibt sie den Personen zurück, die unter ihr leiden. Auch in DANKE greift er dieses Thema auf. Er schildert, wie sein Umfeld mit seinen Depressionen umgeht und er deswegen auf Nachfrage, wie es ihm gehe, nur noch mit „Danke, gut“ antwortet.

Richtig persönlich wird es dann in dem Zweiteiler WAS IST DAS PT. I und FÜR EIN LEBEN PT. II. Der Rapper erzählt von dem Ort, in dem er aufgewachsen ist, den armen Verhältnissen, Perspektivlosigkeit, Ungerechtigkeiten, Schwerverbrechen und Alkoholsucht. Doch nutzt er das nicht – wie üblich im Deutschrap -, um sich als hart darzustellen, sondern übt Systemkritik.

Diese Mischung aus Politischem und Persönlichem zieht sich durch das ganze Album. Lines wie „Dieses Leben ist ein Spiel und der Endboss ist mein Vater. Wir kämpfen nicht, er nennt mich nur Versager und das war’s dann“ oder „Und ab jetzt geht es sehr schnell, wir sind bald wie die Dinos, doch der Kapitalismus, der bleibt alternativlos“ spiegeln genau dieses Verhältnis wider.

Doch darin liegt auch die Schwäche von weine jetzt, lache später. 3Plusss schreibt eher Lines als Songs. Die meisten seiner Lieder sind eine Sammlung an Punchlines, Erzählungen und Systemkritik. Es fehlt ein roter Faden. Doch wenn er diesen dann gefunden hat, entsteht ein Meisterwerk wie DINGE. Längst nicht jeder Song erreicht dieses Niveau, doch auf jedem Track findet sich eine Auswahl kongenialer Textstücke.

Diese Texte lassen einen gleichzeitig mitleiden und schüren den Hass auf alles, was in Deutschland gerade schiefläuft. Gepaart mit den düster-atmosphärischen Beats von Produzent Peet, die sich rhythmisch mehr am Text zu orientieren scheinen als umgekehrt, wird hier ein Gefühl kreiert, das sich am besten als heilsame schlechte Laune beschreiben lässt. Denn durch all das persönliche Leid und den systemverachtenden Zynismus wird der eigene unterdrückte Weltschmerz hervorgeholt und es entsteht eine Art Katharsis. So endet das Album mit dem komfortablen Gefühl der Ruhe, nach einem 34-minütigem Heulkrampf. Einmal alles rausgelassen ist es doch schön zu wissen, dass Musik einen so bewegen kann.


“Weine jetzt, lache später” ist 3Plusss’ viertes Album und am 08.04.2022 bei Walk This Way Records erschienen.

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