„Das Entscheidende ist, wach zu sein“

Der Autor, Theaterintendant, Schauspieler und Regisseur Steffen Mensching erhielt im März den Berliner Literaturpreis der Preußischen Seehandlung. Damit einher geht seine Berufung zur Gastprofessur für deutschsprachige Poetik am Peter Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft.  Annika Böttcher hat mit ihm gesprochen.

Autor und Gastprofessor am Peter Szondi-Institut: Steffen Mensching. Bild: Lisa Stern.

FURIOS: Wie kamen Sie zum Schreiben? 

Steffen Mensching: Ich wollte relativ früh Journalist werden. Mit 14 oder 15 habe ich angefangen, Lyrik zu schreiben. In der DDR gab es ein sehr starkes Fördersystem für Schreibtalente. Dazu gehörte unter anderem das „Poetenseminar“, was stark politisch instrumentalisiert war. Aber es bot jungen Menschen die Möglichkeit, sich mit Autor*innen oder Literaturwissenschaftler*innen zu treffen und unter deren Anleitung zu tun, was wir hier machen wollen: sich gegenseitig Texte vorlesen und über sie diskutieren. Da sind auch Freundschaften entstanden, die ich bis heute habe. Ich halte so ein Fördersystem – ganz unabhängig von der Frage, ob das politisch sein sollte oder nicht – für ungemein wichtig. Letztendlich geht es beim Schreiben doch um Fragen der gesellschaftlichen Relevanz: Wie wollen wir zusammen leben? Und eigentlich müssten diese Fragen – gerade auch unter jungen Leuten – viel stärker thematisiert werden. 

Sie sind auch am Theater: Beeinflusst sich das gegenseitig? 

Ja, auf jeden Fall. Ich bin früh auf die Bühne gegangen. Das Schöne am Schauspielern ist, dass man Erfahrungen durchspielen kann, die einen aufs Leben vorbereiten. Die Geschichten der Figuren werden Teil des eigenen Erfahrungsschatzes; das macht uns reicher, klüger, nachsichtiger, kritischer. Meine Art zu schreiben ist dadurch stark beeinflusst worden. Denn wenn man auf der Bühne steht und Text spricht, mit Text spielt, braucht dieser Text eine gewisse „gestische Qualität“, um Brecht zu zitieren. Er muss Prägnanz haben, es muss sich mit dem Text eine Verbindung zum Publikum herstellen. Insofern ist das Theater eine erbarmungslose Kunst, erbarmungsloser als Literatur. 

Klar, Schriftsteller*innen leiden unter schlechten Kritiken und schlechten Verkaufszahlen. Aber wenn die eigene Überzeugung groß genug ist, ist ihm*ihr die ausbleibende Kommunikation relativ egal. Bei Schauspieler*innen ist das anders: Wenn die im Saal stehen und merken, dass nichts ankommt von dem, was sie tun, ist das eine körperliche Erfahrung, die viel schmerzvoller ist als für Literat*innen, die vielleicht einmal eine Lesung haben, die nicht funktioniert wie geplant. Das Theater hat mein Schreiben stark verändert, vor allem meine Lyrik, die sehr rhetorisch ist, die auf Vorgänge setzt; meine Lyrik ist sehr prosaisch. 

Sie haben bei ihrer Antrittsvorlesung den Berliner Dialekt als skeptisch bezeichnet. Welche Rolle spielt der Dialekt bei Ihrem Schreiben und sind auch Sie ein Skeptiker? 

Ich bin vor allem, glaube ich, ein Ironiker. Eine Sache ernst zu nehmen und sie trotzdem von der Seite anzusehen, auch sich selbst nicht so wichtig zu nehmen – das ist Berlinerisch: schnell im Witz, schlagfertig, schnodderig. Das ist mehr Hip-Hop als Operette. Und das Sprechen formt das Denken und das Denken formt das Sprechen und natürlich formt das dann auch das Schreiben. 

Das Schreiben meint in dem Sinne, wie man selbst schreibt, aber auch das von Autor*innen, die man sich als Fixsterne sucht. Als ich jung war, war für mich zum Beispiel Ernest Hemingway anregend – cool und schnell und bis heute ein Grund für meine Affinität zu den USA. Einerseits, weil er mir gefiel, aber auch, weil ich in seinem Schreiben etwas fand, das meinem Naturell entsprach. 

Den Einfluss des Berlinerischen in meinen Texten einmal linguistisch nachzuweisen, wäre sicher interessant. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es so ist. Meine Prosa ist zum Beispiel sehr arm an Adjektiven. Verben und Substantive machen Texte dichter und kompakter; das ist eine ästhetische Grundposition, die ich habe, die kommt aber sicher auch aus meinem Dialekt. 

Was inspiriert Sie denn zum Schreiben? 

Das ist keine einfache Frage. (lacht) Die Inspiration zu schreiben ist immer da. Ich war eigentlich nie in der Situation, dass ich nicht an irgendeinem Projekt gearbeitet habe. 

Vor vielen Jahren beispielsweise war ich für drei Monate als Writer in Residence in New York und schlenderte durch die Antiquariate. Irgendwann stieß ich auf eine Adresse in einem Viertel, wo normalerweise keine Buchläden sind. Das Geschäft, in dem ein alter Herr deutsche Bücher vertrieb, lag im Hinterhof eines Industriegebiets. Im Scherz sagte er, dass ich, wenn ich wollte, alle 4.000 Exemplare kaufen könne. Das waren keine wertvollen Bücher, sondern bloß Restbestände. Er hat das im Scherz gesagt, aber ich habe ihn ernst genommen und sie tatsächlich alle erworben. 

Diese Investition in meine Überzeugung, dass in diesem Bücherberg Geschichten existieren, hat mich fast in den Ruin getrieben. Letztendlich hat es sich aber ausgezahlt, weil ich mit dem daraus entstandenen Buch Jacobs Leiter genügend Einnahmen machen konnte. Auch ist aus diesem Berg irgendwann ein Buch über den Grafologen Rafael Schermann gefallen, der dann die Hauptfigur meines vierten Romans Schermanns Augen wurde. 

So ergab sich immer die eine Geschichte aus der anderen: Wenn ich diesen Buchkauf damals nicht gemacht hätte, wenn ich den Buchladen nicht gefunden hätte und zurückgegangen wäre, dann wäre meine Schriftstellerei, mein ganzes Leben eigentlich, anders verlaufen. 

Inspiration ist das eine, das andere ist: Man muss bestimmte Dinge machen. Es gibt da kein Rezept. Das Entscheidende ist, glaube ich, wach zu sein; dass man das Besondere im Moment erkennen kann, aus dem man irgendwann einmal eine Geschichte baut. 

Ist das auch Ihr Rat an junge Schreibende? Wach zu sein? 

Wach zu sein und in sich hineinzuhorchen, was einen wirklich interessiert, was einem auffällt. Ganz entscheidend ist, dass man bei sich anfängt, aber nicht bei sich stehen bleibt. Bei sich anfangen muss man, um herauszufinden: Was interessiert mich an einer Landschaft, an einer Geschichte, einem Menschen – und was davon kann ich erzählen? Wenn man versucht, sich irgendwie anzupassen und einem Trend hinterherzulaufen, ist man auf dem besten Weg, ein Allerweltsschreiber zu werden, aber nicht, etwas Besonderes einzubringen. 

Wir sind nicht voraussetzungslos so reich, dass wir immer in uns hineinhorchen können und eine ewige Quelle von kreativen Einfällen haben; wir müssen uns anreichern. Man muss viel lesen und sehen, wie andere Autor*innen Geschichten entwickeln. Von anderen lässt sich eine Menge lernen. 

Was können die Teilnehmer*innen der Literarischen Werkstatt, die Sie in diesem Semester am Peter Szondi-Institut abhalten, erwarten? 

Schreiben und Geschriebenes öffentlich zu machen ist ein Vorgang, der Mut verlangt, weil man viel von sich preisgibt und Gefahr läuft, sich lächerlich zu machen oder verletzt zu werden. Diesen Schritt sollte man unterstützen; ich will andere dabei bestärken.

Alle können dabei ihre Forderungen stellen: ob sie mehr Handwerkliches machen wollen, mehr Methodisches, mehr Textarbeit oder das Erstellen von neuen Texten. Letztendlich lege ich mich gar nicht so fest. Ich empfinde es als wichtig, Texte ernst zu nehmen, sie genau anzuschauen und zu versuchen, über sie zu reden. Was ist das? Geht mich das etwas an? Oder auch nicht? Wo habe ich Fragen? Indem man versucht, sich Texten zu nähern, können alle auch an Fremdtexten lernen: Wie funktioniert Literatur? Wie lesen andere? Jede*r hat seine eigene Art und Vorlieben. Mir ist wichtig, das Gespräch zu suchen und die Einsamkeit des Allein-Lesens hinter sich zu lassen. Denn das ist zwar schön, aber umso schöner ist es, sich dann darüber auszutauschen. 

Autor*in

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