„Everybody is a goddess“ auf dem Festival Frequenzen: Feminismen global

Wehende Plakate im Wind, ein gläsernes Bücherzelt und mehrsprachige Gesprächsfetzen, die sich über das Festivalgelände tragen, das erleben Jojo Streb und Anna Süß auf dem Festival Frequenzen: Feminismen global des Goethe-Instituts. Ein Erfahrungsbericht.

Das Banner des Festivals. Foto: Jojo Streb

Neugierig bahnen sich die Besucher*innen den Weg durch die verschiedenen Gebäude des Pfefferberg-Geländes. Hier fand vom 19. bis 21. Mai das vom Goethe-Institut veranstaltete Festival Frequenzen: Feminismen global statt. Das Programm: ein buntes Potpourri aus Workshops, Diskussionen, Performances und Lesungen, das die Wichtigkeit vielfältiger Feminismen unterstreicht.

Kulturen der Gleichberechtigung

Die ersten Worte, die im Theater auf dem Pfefferberg erklingen, sind auf Urdu. Sabika Abbas trägt in ihrer Muttersprache ein Gedicht über Schamlosigkeit vor. Ein Zugang zum Thema über die Kunst soll das Einnehmen verschiedener Perspektiven ermöglichen. Unter dem Leitthema „Kulturen der Gleichberechtigung“ wird in der Eröffnungsveranstaltung feministischer Widerstand in der Kunst diskutiert.

Kunst sei erst nach und nach als Teil der feministischen Bewegung verstanden und sich angeeignet worden, erzählt Urvashi Butalia, die sich seit Langem in der indischen Frauenbewegung engagiert. Fragen und Probleme seien weltweit oft die gleichen, wobei sich Unterschiede zwischen den Ländern und den Generationen abzeichnen. Diese könnten durch die Kunst vermittelt werden.

Unterdrückte erzählen ihre Geschichten immer über die Kunst

Genau das macht Aram Han Sifuentes, Textilkünstlerin mit Migrationsgeschichte, in ihren Workshops. Teilnehmende kreieren dort gemeinsam Protestbanner aus Stoffen. Über das kollektive künstlerische Schaffen finde immer wieder ein Austausch von Positionen statt, berichtet sie. Die dabei entstehenden Arbeiten sind in feministische Aktionen eingebunden, sie können anschließend in einer Protest Banner Lending Library ausgeliehen werden. Ausprobieren kann man das übrigens direkt selbst, die Künstlerin bietet auch einen Workshop auf dem Festival an.

Foto: eedahahm, Aram Han Sifuentes, Ishita Dharap, Lillstreet Art Center

Die Kunst sei eine der wenigen Möglichkeiten, die Frauen in Afghanistan aktuell bleibe, um ihre Protestaktivitäten weiterzuführen, erklärt die Künstlerin Nabila Horakhsh die Situation von Frauen in ihrem Heimatland. „Unterdrückte erzählen ihre Geschichten immer über Kunst, diese ist damit zwangsläufig politisch“, ergänzt Aram Han Sifuentes. Die Diskussion lässt einen mit neuen Denkanstößen und Fragen zurück, die an den weiteren Festivaltagen thematisiert werden.

Feministischer und diversitätssensibler Journalismus

Wie funktioniert feministischer Journalismus? Mit dieser Frage befasste sich der interaktive Workshop von Sonja Eismann und Penelope Dützmann aus der Redaktion des Missy Magazine. Das Ziel am Samstagmorgen: im Laufe des Seminars gemeinsam einen Instagram-Beitrag für @missymagazine zu erstellen, der das Frequenzen-Festival thematisiert.

Die beiden Vortragenden richten sich hierbei an junge Menschen ohne redaktionelle Vorerfahrungen: Neben der Betonung des gesellschaftlichen Stellenwerts von Journalismus bieten Eismann und Dützmann eine grundlegende Einführung in Recherchearbeiten an. Wie viel Raum gebe ich bestimmten Informant*innen? Wie schreibe ich diversitätssensibel und reproduziere nicht bloß Klischees und Stereotype?

Nerven ist wichtig, um etwas zu erreichen

„Nerven ist wichtig, um etwas zu erreichen“, setzt Dützmann dem Einwand der sich ständig vervielfältigenden Anzahl an Fachbegriffen entgegen. Wenn man marginalisierte Menschen mitmeinen wolle, müsse das Verprellen anderer Leser*innen in Kauf genommen werden. Der Journalismus habe die besondere Pflicht, machtkritisch zu berichten und die Dominanz der herrschenden Perspektive zu hinterfragen.

Diesem seichten und kurzweiligen Einstieg für Neulinge fehlt etwas die Spur: Ein Instagram-Post lässt nicht viel Kreativität und Austausch zu und fungiert nur bedingt als Projektziel. Die Teilnehmenden irren auf ihrer Suche nach einem passenden Fotomotiv teils in der Bearbeitungszeit ratlos umher. Umso schöner, dass die Leiterinnen im gemeinsamen Gespräch kompetent auf Rückfragen antworten und das Erarbeitete immer auf diversitätssensible Formulierungsweisen zurückführen.

Not the Olympics of oppression

„These are not the Olympics of oppression“, erklärt Rafia Shahnaz. Es ist früher Nachmittag des dritten und letzten Festivaltages; gemeinsam mit Kholoud Shahnaz leitet Rafia den Workshop zu Anti-Rassismus und Kritischem Weißsein. Schon in der Eröffnungsrunde fällt auf: Weiße Personen verfallen beim Erkennen eigener Privilegien schnell in defensive Abwehrhaltung. Verschiedene Diskriminierungsformen stünden dabei nicht im Konkurrenzkampf, betonen die Vortragenden geduldig.

Halb ironisch erklären die beiden, genügend Jacken” anzuhaben: Sie möchten einen Safe Space kreieren, in dem jede*r sagen kann, was ihr*ihm in den Sinn kommt. Rafia und Kholoud stellen sich auf unglaublich sympathische Weise als Lexikon, als erklärende Instanz vor, die die weißen Teilnehmenden bei der Selbstreflexion und im gemeinsamen Kampf gegen Rassismus unterstützen möchten. Diese Rolle sei keine erwartbare Norm, unterstreichen sie.

Rassismusdebatte steckt in intellektuellen Bildungskreisen fest

Diskriminierung nicht nur erkennen, sondern auch dagegen handeln: Niemandem sei geholfen, wenn sich die Rassismusdebatte fortwährend in intellektuellen Bildungskreisen fortführe. Sondern es müssten strukturelle Unterdrückungsmechanismen im Alltag benannt und angegangen werden. Mit dieser Forderung hinterlassen Rafia und Kholoud die Anwesenden aus einem intensiven, dreistündigen Workshop, der sich mehr den persönlichen Fragen der Teilnehmenden widmet, statt sich zu stark an eine vorgegebene Struktur zu klammern. „Everybody is a goddess“, erinnert uns Kholoud scherzhaft – was für eine geeignete Allegorie für das gesamte Frequenzen-Festival.

Mit einer Stärkung in der Hand lauschen wir der Lesung von Nana Darkoa Sekyiamah, die ihre Anthologie The Sex Lives Of African Women vorstellt. Der Blick auf das Programm verrät: Es gibt noch so viel zu entdecken, das können wir gar nicht alles schaffen. Und doch begeben wir uns – vorbei an all den herzlichen Beteiligten – mit dem genügsamen Eindruck auf den Nachhauseweg, Zeuge eines ermutigenden Festivals gewesen zu sein. Unverkrampfte Selbstermächtigung und aufklärerische Solidarität steckten in jeder Faser der inspirierenden Veranstaltung.

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