Ein professorales Präsidium?

Vier Professor*innen kandidieren als Vizepräsident*innen der FU. Wer sind sie und wofür stehen sie? Marie Blickensdörfer und Valentin Petri haben mit ihnen gesprochen.

Am 15.06.2022 werden die neuen Vizepräsident*innen gewählt und somit auch die Leitung der FU. Illustration: Marius Westermann

Die Präsidiumswahlen an der FU gehen in die letzte Runde. Am 15. Juni wählt der erweiterte Akademische Senat (eAS) die vier Vizepräsident*innen der FU. 

Als Team für den wiedergewählten FU-Präsidenten Günter Ziegler treten vier Professor*innen an: Die amtierende Vizepräsidentin Verena Blechinger-Talcott bewirbt sich als Erste Vizepräsidentin und damit ständige Stellvertreterin des Präsidenten. Als weitere drei Vizepräsident*innen kandidieren der Philosoph Georg Bertram, der Friedens- und Konfliktforscher Sven Chojnacki und die Molekularbiologin Petra Knaus.
Außerdem bewirbt sich mit Janik Besendorf zum ersten Mal seit mehreren Jahren wieder ein Student als Vizepräsident. Das Porträt über Janik Besendorf und seiner Kandidatur findet ihr hier. Alle Kandidat*innen wurden Ende April vom erweiterten Akademischen Senat (eAS) nominiert. Insgesamt gibt es also fünf Kandidaturen auf vier Posten.

Verena Blechinger-Talcott

Verena Blechinger-Talcott. Foto: Bernd Wannemacher.

Ein ganz normaler Morgen auf WebEx, zwei Kacheln mit wartenden Gesichtern: Es könnte auch ein sehr kleines Seminar sein, in dem sich heute einige freigenommen haben. Doch wir sind an diesem Morgen mit Verena Blechinger-Talcott verabredet, der amtierenden Vizepräsidentin für Internationales, Gleichstellung und Diversity, die sich nun als Erste Vizepräsidentin bewirbt.

Seit 2018 sitzt die Professorin für Politik und Wirtschaft Japans im Präsidium. „Die Arbeit macht mir großen Spaß”, erklärt sie auf die Frage nach ihrer Motivation für ihre Bewerbung. Außerdem stehe die FU vor großen Herausforderungen, die sie gerne mit angehen möchte. 

„Versäulung der Universitätskultur”

Als Erste Vizepräsidentin soll Blechinger-Talcott für die „Universitätskultur” zuständig sein. Genau hier brauche es Verbesserung. „Wir haben in den letzten Jahren eine Versäulung an der FU beobachten können”, stellt Blechinger-Talcott fest. Die einzelnen Bereiche – die Verwaltung, die wissenschaftlichen Mitarbeitenden und die Professor*innen – seien nicht miteinander ins Gespräch gekommen. „Ich glaube, dass es wichtig ist hier gemeinsam an der Sache FU zu arbeiten.”, fährt Blechinger-Talcott fort. Querschnittsthemen, wie Nachhaltigkeit, müssten gebündelt und gemeinsam besprochen werden. Konkret solle das durch Gesprächsforen geschehen.

Eine weitere Herausforderung sei der demographische Wandel: „Der schlägt zu und wir werden aktiver um Studierende und Lehrende werben müssen.” Themen wie Nachhaltigkeit oder Diversity, die Studierenden wichtig seien, müssten darum stärker miteinbezogen werden. Gleichzeitig sollen sich Studierende selbst stärker einbringen können, beispielsweise durch studentische Projekte und Initiativen.

Beim Thema Diversity ist Blechinger-Talcott klar: „Die FU soll für jede und jeden offen sein, es geht auch um Diskriminierungsarmut.” Gleichzeitig müsse stetig an der Förderung von Frauen gearbeitet werden, denn die 50 Prozent an Professorinnen seien noch lange nicht erreicht. Dieses Thema liegt ihr selbst am Herzen, wie im Gespräch deutlich wird

Japan und Erkenntnisse über Konflikte

„Ich bin japanisch sozialisiert, da ist es wichtig, dass man allen auf Augenhöhe begegnet und bei der nächsten Begegnung keinen Ballast mitbringt.” Erkenntnisse aus der Japanologie, wie in Konflikten ruhig zu bleiben und das Gespräch zu suchen, seien ihr in den letzten Jahren im Präsidium sehr nützlich gewesen, meint Blechinger-Talcott, die in der Hochschulpolitik als wichtige Vermittlerin gilt.

Auf die abschließende Frage nach etwas Mutigem fallen Blechinger-Talcott nach und nach einige Dinge ein. Sie schließt nachdenklich: „Das Thema Diversity gleich 2018 auf die Agenda zu setzen. Da gab es viele Widerstände und gegen diese Widerstände das Thema durchzusetzen war schon mutig.”

Georg Bertram

Georg Bertram. Foto: Andreas Meichsner.

Georg Bertram empfängt uns an der Eingangstür des roten Backsteingebäudes, in dem das Graduiertenkolleg Normativität – Kritik – Wandel sitzt. Das Gespräch führen wir in seinem spartanisch eingerichteten Büro an einem unerwartet leeren Schreibtisch. Das Kolleg sei hier gerade erst eingezogen, sagt er entschuldigend.

Bertram ist Professor für Theoretische Philosophie mit Schwerpunkten in Ästhetik und Sprachphilosophie und seit Kurzem Sprecher des Graduiertenkollegs. Nun bewirbt er sich um das Amt des Vizepräsidenten für Berufungen. Eigentlich habe er einmal Musiker werden wollen, sei dann aber Philosoph geworden, erzählt Bertram. Während seiner Schulzeit hat er Dirigieren und Komposition gelernt und ist Keyboarder in einer Funk-Jazz-Band gewesen. Er spricht ruhig und prägnant, stockt selten.

Berufungen als Bestenauslese

Im Präsidium wäre er für das Ressort Berufungen zuständig, also den Auswahl- und Besetzungsprozess für Professuren, der an Universitäten traditionell einen sehr hohen Stellenwert hat. Das Berufungsverfahren sei als eine Bestenauslese ausgestaltet, erklärt Bertram.

Man besetzt strikt nach dem Gedanken: „Wer ist von den wissenschaftlichen Leistungen der*die Beste zur Besetzung dieser Stelle?“ Als zuständiger Vizepräsident wäre er für das Gelingen, aber auch die strategische Weiterentwicklung der Verfahren verantwortlich. „Meine Aufgabe ist es, Schnittstelle zu sein zwischen der Stabsstelle für Berufungen, den Dekanaten und dem Präsidenten.“ Als ein Ziel für sein angestrebtes Amt nennt Bertram die Internationalisierung und Diversifizierung des Lehrkollegiums. „Wir sollten schauen, wie es uns gelingt sowohl internationaler als auch diverser zu berufen“, beschreibt er sein Vorhaben.

Was die Zusammenarbeit im Präsidium angehe, hätten die vier professoralen Kandidat*innen und FU-Präsident Günter Ziegler verabredet, dass alle wichtigen strukturell-strategischen Entscheidungen gemeinsam als Team getroffen werden sollten. „Das heißt nicht, dass es nicht klare Zuständigkeiten geben muss“, meint Bertram. Dabei sei es richtig Konflikte offen anzusprechen und eine regelrechte Konfliktkultur zu pflegen. Das gelte aber auch im Verhältnis des Präsidiums zur Uni und anderen Gremien. Als wichtigen Punkt hebt Bertram die Zusammenarbeit mit dem Akademischen Senat (AS) hervor. Das Präsidium solle wichtige Fragen sowohl formell wie auch informell regelmäßig mit den Gruppen des AS besprechen. Informelle Formen des Zusammenkommens hätten immer ein Legitimationsdefizit. Insofern müsse man sie offiziell mit dem AS rückkoppeln.

„Ich sehe Improvisation nicht als Krücke, sondern als Grundlage vernünftiger Entscheidungspraktiken”

Georg Bertram

Zum Ende unseres Gesprächs kommt der Philosoph in Bertram nochmal deutlich durch: „Es gibt keine letzte Sicherheit in der Selbstgestaltung der Universität”, meint Bertram. Es sei notwendig, immer wieder neue Impulse zu generieren, um die Strukturen der Universität weiterzuentwickeln. „Insofern sehe ich die Improvisation nicht als eine Krücke, die eigentlich nur dann von Nöten ist, wenn die Dinge eigentlich nicht so funktionieren, sondern als Grundlage vernünftiger Entscheidungspraktiken.”

Sven Chojnacki

Sven Chojnacki schmunzelt verhalten mit Pflanze im Hintergrund.
Sven Chojnacki. Foto: Privat.

Es dauert eine halbe Stunde bis Sven Chojnacki am Interview-Treffpunkt eintrifft, denn er ist auf dem Campus stets ohne Smartphone oder Uhr unterwegs. Dafür mit Laufweste über dem blau-weiß gemusterten Hemd. Gekonnt springt er über die grüne Rasenfläche und joggt auf die Veggie Mensa zu. Das vorige Meeting habe länger gedauert, erklärt er entschuldigend, bevor wir unseren Campus-Spaziergang beginnen. 

„Ich bin mehrere”

Auf die Frage, wer er denn sei, antwortet Chojnacki: „Ich bin mehrere” und verweist auf seine Identität als Staatsbürger, Friedens- und Konfliktforscher sowie als Bewerber um die Vizepräsidentschaft. Er bewirbt sich um das Ressort für Studium und Lehre und hat somit indirekt als einziger mit Janik Besendorf einen Gegenkandidaten. 

Als Forscher konzentriert er sich vor allem auf Frieden und Konflikte zwischen Staaten aber auch in Bürgerkriegen. Mit dem russischen Angriffskrieg sieht er auch eine Verantwortung in der Gesellschaft. „Die Überraschung hätte kleiner ausfallen können, wenn Politik und zum Teil auch Wissenschaft ihre Hausaufgaben gemacht hätten”, erklärt er selbstkritisch. Seit 2020 ist der Politikwissenschaftler Dekan am Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften. Zur Bewerbung habe er sich nach den Konflikten im letzten Jahr entschlossen: „Ich wäre durchaus gerne Dekan geblieben, aber hatte das Gefühl, dass man mich jetzt an anderer Stelle braucht”, erzählt Chojnacki während wir durch ein Parkstück laufen.

Chojnacki gilt als studierendenfreundlich und hat sich auch in seiner Bewerbungsrede so bezeichnet. Der Austausch mit Studierendem sei ihm sehr wichtig und er wolle diesen stärken, betont er. In Bezug auf seinen studentischen Gegenkandidaten versucht Chojnacki vorsichtig zu argumentieren: „Ich schätze Janik Besendorf sehr und kann ihn mir in der Rolle eines kritischen studentischen Oppositionsführers und konstruktiven Gesprächspartners gegenüber einem neuen Präsidium gut vorstellen.” Ihm aber leuchte nicht ein, dass nur ein Studierender Studierendenangelegenheiten besser verstehen könne. Zudem sieht er bestimmte institutionelle Erfahrungen innerhalb einer Universität als Voraussetzung, um sie in ihrer Gänze zu verstehen. 

„3Ks – Kommunikation, Konfliktkultur und Kollegialität” 

Für die mögliche Zusammenarbeit im Präsidium sind ihm vor allem drei Dinge wichtig: „Kommunikation, konstruktive Konfliktbearbeitung und Kollegialität”. Leben wolle er diese nicht nur im Team des Präsidiums, sondern auch mit Blick auf den AS. Verfahren müssten hier partizipativer und transparenter werden als es bisher der Fall gewesen sei. Auch die Kommunikation müsse sich ändern, da vor allem eine Sache fehle: Wertschätzung. 

„Das Präsidium darf kein abgenabelter Ort sein”, erklärt Chojnacki. Entscheidungen müssten plausibilisiert und begründet werden, damit die Menschen auch das Gefühl hätten Teil dieser Universität zu sein. Begründung und Plausibilisierung sind ihm so wichtig, dass er zu den drei Ks spontan noch ein B und P hinzufügt.

Zentral sind für ihn die Fragen nach hybrider Lehre und einer Corona Strategie für das Wintersemester. Hier müsse man auch die Ausstattung bzw. das Vorhandensein von Räumen und Technik mit reflektieren.

Auf die Frage hin, was das mutigste ist, was er je getan hat, überlegt Chojnacki lange – sehr lange. Schließlich antwortet er: „Manchmal muss man so mutig sein und zugeben, dass man vielleicht gar nicht so mutig ist, was extreme Dinge anbelangt. Aber sich in so einer Situation auf die Vizepräsidentschaft zu bewerben, ist dann doch schon ziemlich mutig.”

Petra Knaus

Petra Knaus strahlt in die Kamera
Petra Knaus. Foto: Bernd Wannemacher.

„Sie wollen bestimmt zu mir”, sagt Petra Knaus aus einer Tür kommend, während wir im falschen Gang ihr Büro im Hahn-Meitner-Bau suchen. Spontan führt sie uns durch die technisch und modern wirkenden Laborräume, die man in dem alten Bau von außen gar nicht vermuten würde. Sie scheint sofort in ihrem Element zu sein und berichtet ausführlich von den Forschungsprojekten, an denen sie und ihre Kolleg*innen zum Beispiel im Bereich der Geweberegeneration arbeiten.

Knaus ist Molekularbiologin, hat zeitweise am Massachusetts Institute for Technology in den USA gearbeitet und an der FU seit 2004 eine Professur für Biochemie inne. Seit vielen Jahren sitzt sie für die FU im Medizinsenat der Charité. Jetzt kandidiert sie für das Amt der Vizepräsidentin für Forschung.

Qualifizierungsziele und Karrierewege früh aufzeigen

Eine Aufgabe, für die sie dann zuständig wäre, sei, das Forschungsprofil der FU sichtbar zu machen, beginnt Knaus. In der Berlin University Alliance, dem Forschungs- und Universitätsverbund von FU, HU, TU und Charité, müsse die FU integrierbar aber auch klar sichtbar sein. Zudem sei ihr die Achse FU-Charité sehr wichtig. „Ich sehe es als meine Aufgabe, die Zusammenarbeit hier zu intensivieren.“ Im Bereich der Wissenschaftlichen Mitarbeitenden möchte Knaus für „mehr Motivation und perspektivische Sicherheit sorgen, damit Forschung und Lehre ausgewogen Karrierewege begleiten.“ Es müssten Klarheit und ganz frühes Mentoring stattfinden, um Qualifizierungsziele und Karrierewege aufzuzeigen.

„Ich bin ein sehr offener Mensch was Innovation und zukunfts-orientiertes Forschen betrifft.“

Petra Knaus

Mit Blick auf die Rolle von Studierenden, meint Knaus, sei es ihr wichtig früh an Studierende zu kommunizieren für was die FU im Bereich Forschung und Zukunft stehe und, dass es einen Austausch mit Studierenden gebe. „Ich möchte verstehen wie Studierende Zukunft gestalten wollen und nicht im Nachgang mit Studierenden reden müssen, was falsch gelaufen ist. Ich bin ein sehr offener Mensch was Innovation und zukunfts-orientiertes Forschen betrifft.“

Eine sehr frühe und wichtige Erkenntnis sei für sie gewesen, dass Forschen nie endet, meint Knaus am Ende des Gesprächs nachdenklich. „Wir dürfen Forschung betreiben mit dem Hintergedanken: Wir sind die ersten, die diese Erkenntnisse gemacht haben. Das ist, was sowohl junge Menschen als auch mich als etablierte Wissenschaftlerin dazu motiviert, neue Wege zu gehen.“

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