Neues Präsidium wieder ohne Studierende

Die neuen Vizepräsident*innen entstammen ausschließlich dem Kreis der Professor*innen – die studentische Kandidatur unterliegt. Leonard Wunderlich berichtet von den Wahlen.

Erneut ein professorales Präsidium. V.l.n.r.: Georg Bertram, Verena Blechinger-Talcott, Günter Ziegler, Petra Knaus und Sven Chojnacki. Foto: Katrin Plank-Sabha/Freie Universität Berlin.

Am 15. Juni wurden die neuen Vizepräsident*innen der FU gewählt. Der 61-köpfige erweiterte Akademische Senat (eAS) stimmte für die amtierende Vizepräsidentin Verena Blechinger-Talcott als Erste Vizepräsident*in und damit ständige Vertretung des Präsidenten, sowie Georg Bertram, Petra Knaus und Sven Chojnacki als weitere Vizepräsident*innen. Damit ergänzen erneut vier Professor*innen das Präsidium von FU-Präsident Günter Ziegler, der im Februar wiedergewählt wurde. Der studentische Kandidat Janik Besendorf – während seiner Bewerbung mit großem Applaus im Saal gewürdigt – unterlag. 

Große Ziele, viele Worte, wenig Zeit

Traditionell ohne funktionierendes Mikrofon beginnt die Sitzung des erweiterten Akademischen Senats. Für die vier Positionen im Präsidium bewerben sich vier Professor*innen und mit dem AStA-Referenten Janik Besendorf ein Student. Vor einem mäßig gefüllten Audimax im Henry-Ford-Bau beginnen die Nominierten sich und ihre Vorhaben dem Wahlgremium vorzustellen. FURIOS sprach mit ihnen bereits im Vorhinein der Wahl über ihre Pläne für ihre Amtszeit.

Als erste betritt die einzige Kandidatin für das Amt des*der Ersten Vizepräsident*in Verena Blechinger-Talcott die Bühne des Audimax und ergreift das Wort. Sie breitet in ihrer Bewerbung ein omnipräsentes “Wir” über den Saal aus und betont die Priorität einer wertschätzenden, partizipativen und transparenten Universitätskultur. Wenn diese erfolgreich auf den Weg gebracht werden soll, erklärt sie, sei es unerlässlich, diese Universitätskultur sowohl auf der zentralen Ebene der Universitätsleitung als auch dezentral auf dem ganzen Campus, in den Fachbereichen und in der alltäglichen Interaktion umzusetzen. 

Im Allgemeinen stehe sie letztendlich doch für eine Fortführung ihrer bisherigen Positionen, für die sie aus ihrer Zeit als Vizepräsidentin bekannt sei, wie sie bereits zu Anfang ihrer Vorstellung erklärt. Trotz dieser Kenntnis der Zuhörenden, gerät sie zuletzt etwas außer Atem, wurde doch zu Anfang der Sitzung die individuelle Redezeit unter großem Beifall halbiert. 

Daraufhin tritt Georg Bertram an das Mikrofon, und schon setzt er zum Sprint durch seine Präsentation an. In deren Zentrum rückt er das Primat der Kommunikation. Er plant durch eine bessere und engere Kommunikation, Diskriminierung und Missverständnis zu begegnen. Eine Kultur der Kritik sei wichtig, denn – so stellt er zunftgemäß mit philosophischen Pathos fest: „Wir können nicht davon träumen, dass wir eine diskriminierungsfreie Institution sind, aber wir sollen eine diskriminierungskritische sein.” Auch in Sachen lokaler sowie internationaler Berufung von Professor*innen sei bessere Kommunikation unerlässlich. All dies glaubt sein Publikum zu verstehen, wenn auch seine Wortfrequenz zeitweise in schwindelerregende Höhen steigt, macht sich auch bei ihm der Zeitmangel bemerkbar.

Der studentische Bewerber muss sich behaupten

Als sich Janik Besenhof zur Präsentation seiner studentischen Kandidatur erhebt, brandet eine Welle des Beifalls, ausgehend von einer studentischen Unterstützer*innengruppe, im Saal auf. Er spricht seinen Dank für die vertrauensvolle Nominierung aus und befindet: „Es ist etwas Besonderes, als Student hier zu stehen, sich zum Vizepräsidenten zur Wahl zu stellen und womöglich heute ein Stück Geschichte zu schreiben.” Seine Wahl wäre ein Novum in der Berliner Hochschulpolitik. 

Auf seine Vorstellungsrede folgen skeptische Fragen einiger Professor*innen des eAS. Offenbar weckt der studentische Kandidat Unsicherheiten: Ob denn der Kandidat als Vizepräsident von seiner vorigen oppositionell-kritischen Funktion im AStA abstrahieren könne und zur konstruktiven Zusammenarbeit bereit sei? Und ob er die Belange anderer Statusgruppen berücksichtige? Souveräne Antworten parieren jene kritischen Nachfragen. Eine studentische Vertreterin wundert sich dann doch sehr über die Sorgen von professoraler Seite bezüglich der Weitergabe vertraulicher Inhalte aus der Unileitung. Schließlich sei es doch im Akademischen Senat, der zur Hälfte aus Professor*innen besteht, häufiger vorgekommen, dass nicht-öffentliche Informationen an die Presse durchgegeben wurden. Es scheint, als sei das rege professorale Interesse an möglichen Kompetenzlücken und Schwierigkeiten der Amtsbewältigung des Kandidaten eben erst erwacht, und bereits kurz später wird es wieder eingeschlafen sein. 

Für ein stärkeres Einbinden von Studierenden

Sven Chojnacki tritt an das Mikrofon. Er fordert, die Uni möge enger zusammenrücken, das Präsidium stärker auf Studierende zukommen, und er tritt demonstrativ vor das Redner*innenpult auf die offene Bühne. Er wirbt für Transparenz und Dialog bei der Problembewältigung und dafür – seinem Stand eines Konfliktforschers gerecht – Zielkonflikte offen anzusprechen und gemeinsam produktiv zu lösen. Jeden seiner Punkte, sowie die folgenden Nachfragen untermauert er mit einer beeindruckenden Vielzahl von Slides. Mit Wortwolken und ausgefeilten Gliederungen dürfte er schnell mindestens die Herzen der Didaktiker*innen im Publikum erobert haben.

Zuletzt stellt sich Petra Knaus vor und breitet ihre beeindruckende Vita vor der Zuhörer*innenschaft aus. Ihre Zielvorstellungen der Forschung und Lehre erläutert sie ausschweifend entlang einer Vielzahl wissenschaftlicher Einrichtungen. Zudem plädiert sie für eine engere Einbindung junger Wissenschaftler*innen in den wissenschaftlichen Betrieb und will diesen durch fortschreitende Digitalisierung und Transparenz weiterentwickeln. Nur auf eine Nachfrage des AStA bezüglich des möglichen Outsourcings “wissenschaftsnaher Aufgaben” hin gerät sie ins Stocken. Nach mehrmaliger Rückfrage ihrerseits befindet sie dann, es sei doch noch zu früh darüber intensiv zu sprechen.

Kritische Zufriedenheit, doch ohne großes Novum

Nach Verkündung des Wahlergebnisses nehmen die präsidialen Kandidat*innen ihre neuen Funktionen dankend an. Es gibt Blumen und Glückwünsche, Fotos und Händeschütteln. Chojnacki setzt zu einem kurzen Sprint in Richtung Publikum an und übergibt die Blumen seiner Frau. Janik Besendorf unterliegt, doch man freue sich, Präsident Zieglers Schlusswort zufolge, ihn als konstruktiven Kritiker im AS zu behalten. 

Spricht man später mit den Mitgliedern des Wahlgremiums, zeigen sich einige enttäuscht über den gescheiterten Versuch, mit einem Studenten frischen Wind ins Präsidium zu bringen. Nicht alle sind mit der Wahl der von Ziegler Vorgeschlagenen so zufrieden, wie dieser selbst. Doch bei der Mehrheit scheint sich kritische Zufriedenheit eingestellt zu haben –  das große Novum scheint jedenfalls vertagt.

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