Ein konservativer Totalausfall

Ende Juni lud der RCDS zum Gespräch mit Armin Petschner-Multari über „modernen Konservatismus“. Ein bekanntermaßen kontroverser Redner, der letztlich doch schockierte. Leonard Wunderlich kommentiert.

Collage von einem  Grafitti an einer Wand mit einem schreienden Jungen; daneben ein leerer Vortrag-Saal mit vielen Stühlen.
Populismus ist laut, doch Lösungen schafft er nicht. Foto: pixabay, Montage: Leonard Wunderlich.

Die Zahl der Studierenden, die sich an der FU – so lautet meine steile These – einem „modernen Konservatismus“ zugerechnet fühlen, ist klein. So versprach es ein interessantes und kontroverses Gespräch zu werden, als der CDU-nahe Ring Christlich-Demokratischer Studenten an der FU (RCDS FU) Ende Juni zum Gespräch mit Armin Petschner-Multari einlud. Ein Austausch unterschiedlicher Meinungen war durch die Gesprächsmoderation zuvor als Ziel gesteckt worden. Tatsächlich aber schallten Thesen starker Polemik weit entfernt von Anstand und Toleranz durch den Vorlesungssaal. Anstelle im Sinne des Meinungspluralismus einer freien Universität den studentischen Diskurs mit alternativen Perspektiven zu bereichern, wurde das Gespräch schnell vor allem eines: unappetitlich. 

Rotationen um die eigene Achse

Der Saal ist kaum besetzt und die Zeit fortgeschritten als Armin Petschner-Multari, ein Mann von nicht unwesentlicher Wichtigkeit und Geschäftigkeit – war er doch bis vor einigen Monaten Mitarbeiter im Social-Media Team der CSU – das Wort ergreift. Im Saal ihm gegenüber vor allem weitere Mitglieder des RCDS. Man bleibt unter sich. Und dann sind da noch wir – von den politischen Einstellungen des RCDS weit entfernt. Insgesamt ein kleines Publikum, das man inklusive Moderation und Redner an zwei Händen abzählen kann. Petschner-Multari, Gründer der Unions-nahen Kampagnenplattform „The Republic“, referiert dennoch was zu erwarten war:

Anstelle neuer Ideen, Perspektiven, Vorschläge zu den drängenden Problemen der Gegenwart hören wir vor allem die allzu bekannte Polemik der Erzkonservativen: Infolge eines endzeitlichen Linksrucks der gesamten Gesellschaft könne man als Konservative*r heute kaum mehr seine*ihre Meinung öffentlich zum Ausdruck bringen. Man liefe Gefahr, schließe man sich nicht all dem linkversifften Wokenessquatsch und politischer Korrektheit, Überempfindlichkeit an, von einem wutgeifernden Internetmob stante pedes weggecancelt zu werden. Das Ende der Meinungsfreiheit sei zum Abstoßen nah und so weiter und so fort.

Im Krieg mit „den Linken”

Dieser vorgeblichen linksversiften Verpestung des öffentlichen Diskurses wirkt Petschner-Multari auf seiner Webseite heroisch entgegen: So fordern dicke Letter: „Gender-Wahnsinn entschieden bekämpfen!“ oder „Kravalligen Aktivisten den Geldhahn zudrehen“. Offensichtlich wähnt man sich als letzte Bastion der Vernunft im offenen Gesinnungskrieg, wenn es auf der Webseite heißt: „Längst geht es nicht mehr nur um das harmlose Gender-Sternchen – inzwischen kämpfen revolutionäre Aktivisten offen gegen alle, die ihre Anliegen nicht teilen.“ Wie diese Art der politischen Auseinandersetzung Gräben schließt oder zu einer ergebnisorientierten Debatte beiträgt, kann mir der Redner auf Nachfrage nicht erklären. Man werde die Seite überarbeiten. Ich bin gespannt.

Schließlich ist der anberaumte offene Meinungsaustausch doch vor allem eine geeinte Hochschulgruppe, die den rechtspopulistischen Äußerungen eines Konservativen andächtig lauscht und ein Dreigespann ungläubiger Außenseiter, die mit jeder kritischen Nachfrage nur weiter in den menschenfeindlichen Wust von Argumentation vorstoßen. 

Throwback: CSYou

Rückblick: Schon vor wenigen Jahren startete die Chrislich-Soziale Union einen zwangshippen Versuch, mit ihrem Internetformat CSYou die alten Positionen neu zu verpacken und zielgruppengerecht auf YouTube zu präsentieren. Petschner-Mulatri moderierte, der Versuch scheiterte unter kreischendem Gespött der Öffentlichkeit. Seine Haarfarbe, zu CSYou-Zeiten von herkömmlichen Braun hipp künstlich blondiert, ist mittlerweile wieder zu seiner natürlichen Farbe abgedunkelt. Die alten konservativen Querelen von Linksruck und Genderwahn hingegen verstecken sich weiterhin wenig subtil hinter dem poppig-modernen Webdesigns und englischem Kampagnentitel seines neuesten Projekts The Republic. Am rechtspopulistisch, plumpen und bis zum Überdruss wiederholten Inhalt ändert das nichts.

Konstruktive Debatten anstelle destruktiver Menschenfeindlichkeit

Gerade die Universität ist ein Ort der Auseinandersetzung mit essentiellen Themen menschlichen Zusammenlebens, die ein gewisses Maß an Seriosität erfordern. Populismus und Polemik passen nicht dazu, ebenso wenig Menschen, die sich in der Auseinandersetzung mit anderen solcher Mittel bedienen. Wer behauptet, strukturell diskriminierte gesellschaftlichen Gruppen machten sich nur selbst zu Opfern, Toleranz und Minoritätenschutz seien eine linkspolitische Waffe, äußert sich ignorant, zynisch und destruktiv. Wer so von vorneherein ganze Bevölkerungsgruppen durch die Marginalisierung ihrer Probleme aus dem Diskurs ausschließt, lässt den demokratischen Diskurs zu menschenfeindlicher Polemik verkommen und hat auch an einer Universität kein Gehör verdient.

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