„Mit den Klamotten streifst du all den Stress ab“

FKK klingt für viele nach alten Männern in der Sauna oder am Badestrand. Nicht jedoch für drei Mitglieder eines Berliner Nacktsportvereins. Mit Clara Baldus haben sie darüber gesprochen, warum FKK für sie Freiheit bedeutet und weshalb Nacktheit nicht mit Sexualisierung gleichzusetzen ist.

Beim FSV Adolf Koch finden die Sportkurse grundsätzlich alle nackt statt. Illustration: Cathrin Weil.

Plötzlich nackt in der Öffentlichkeit sein – für viele ein Albtraum. Denn in unserer Gesellschaft wird Nacktheit als etwas Privates und Intimes angesehen. Für die 33-jährige Hanna ist der vermeintliche Albtraum jedoch eine angenehme Vorstellung. Sie fühlt sich in Klamotten unwohl und verbringt so viel Zeit wie möglich nackt. 

Damit gehört sie in Deutschland zur Ausnahme. In einer Umfrage von YouGov und Statista aus dem Jahr 2021 gaben über 60 Prozent der befragten Deutschen an, dass sie sich an Orten, an denen man nackt ist, unwohl fühlen oder diese Orte ganz meiden. 

Für Menschen, die das anders sehen, bietet der Berliner Nacktsportverein FSV Adolf Koch Ort und Rahmen, um Nacktheit in Gesellschaft auszuleben. So auch für Hanna, Paulo und Jeff, drei junge Mitglieder. Adolf Koch war Anfang des 20. Jahrhunderts Vorreiter der Freikörperkultur (FKK) und Begründer des Vereins, der heute circa 120 Mitglieder zählt. Das Angebot an naturistischen Aktivitäten ist groß: es reicht von Yoga über Volleyball bis hin zu BodyAwareness-Kursen. Im Sommer finden zudem Camps, Yoga-Retreats und Nacktwanderungen statt.

Warum Nacktsein gut für die Psyche ist

Es gibt gute Gründe, die Hüllen fallen zu lassen. Nacktsein könne sich positiv auf die Gesundheit auswirken, so eine Studie der BARMER Krankenkasse. Darin heißt es: „Wer sich öfter selbst mal ganz auszieht, der bekommt dadurch ein besseres Körperbild und auch ein höheres Selbstwertgefühl.“ 

Diese Aussage deckt sich mit den Erfahrungen von Paulo, der erzählt, seine Körperwahrnehmung habe sich durch die Teilnahme am Nacktsport massiv verändert. Der 26-Jährige stellt fest: „Früher war ich sehr unsicher in Bezug auf meinen Körper. Das Nacktsein hat mir geholfen, meinen Körper so zu akzeptieren wie er ist.“ Trotzdem sind nackte Körper weiterhin mit Scham besetzt. Dafür gibt es verschiedene Gründe. 

Während Hanna in einer Familie aufgewachsen ist, in der „Kleidung optional war“, wurde Jeff eine schamhafte Einstellung zum nackten Körper vorgelebt. „Mir wurde beigebracht, mich für meinen Körper zu schämen“, erzählt er. Gerade deshalb bedeutet FKK für ihn heute ein Freiheitsgefühl. Neben der Erziehung haben auch soziale Medien einen großen Anteil daran, dass Menschen sich nicht trauen, nackt zu sein, meint Paulo: „Wegen dieser neuen ‚Instagram-Generation‘ denkt man, dass man den perfekten Körper haben muss, damit man ihn zeigen kann, ohne sich dafür zu schämen.“ 

Öffentliche Nacktheit ist in unserer Gesellschaft ein ungewöhnliches Bild. FKK-Vereine bieten einen Raum, in dem Menschen gemeinsam ihre Hüllen fallen lassen können. Illustration: Cathrin Weil.

Nacktheit und Sexualisierung —  ein gesellschaftliches Spannungsverhältnis

Das Verhältnis von Nacktheit und Sexualität wirft in unserer Gesellschaft ein Spannungsfeld auf: Nacktheit wird oftmals mit der Sexualisierung von Körpern gleichgesetzt. Während beispielsweise auf Instagram weibliche Brustwarzen zensiert werden, wird in Pornos extra nah herangezoomt. Pornos zeichnen zudem ein unrealistisches Bild vom menschlichen Körper, mit dem auch Jeff aufgewachsen ist. Erste Erfahrungen mit FKK öffneten ihm die Augen: „Es war interessant, Menschen in allen Größen und Formen im wirklichen Leben zu sehen. Das hat mir geholfen, mich in meinem Körper im Vergleich zu anderen nicht mangelhaft zu fühlen.“

An den Treffen des FSV Adolf Koch schätzt Hanna besonders, dass dort keinerlei sexuelle Spannung vorhanden sei. „Mir ist es wichtig, dass ich insbesondere als Frau selbst entscheiden kann, wann mein Körper sexuell betrachtet wird.“ Die FKK-Szene sei äußerst männerdominiert, findet sie. Dies könne auf Frauen einschüchternd wirken. Daher hat der Verein eine FLINTA*-Gruppe gegründet, in der sich Hanna zusammen mit anderen Frauen engagiert: „Es geht mir darum, einen sicheren Raum zu schaffen, in den FLINTA* kommen können, ohne das Gefühl zu haben, eine Minderheit zu sein oder schief angeschaut zu werden.“

Nacktheit könne auch „ein großer Gleichmacher“ sein, meint Hanna, da man eine nackte Person nicht danach beurteilen könne, was sie trägt. „Wenn alle nackt sind, muss man die Person wirklich so kennenlernen, wie sie ist.“ 

Die erste Teilnahme am Nacktsport sei wie ein Sprung ins kalte Wasser, findet Paulo, doch die Nervosität verfliege schon nach wenigen Minuten. „Mit den Klamotten streifst du auch all die Probleme und den Stress ab; du lebst einfach im Moment. Du fühlst dich frei.“


* FLINTA* ist eine Abkürzung und steht für Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nicht-binäre, trans und agender Personen. Das angehängte Sternchen dient dabei als Platzhalter für alle Personen, die sich in keinem der Buchstaben wiederfinden. Der Begriff wird für Menschen verwendet, die aufgrund ihrer Geschlechtsidentität und durch patriarchale Gesellschaftsstrukturen Diskriminierung erfahren.

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