Toxische Selbstliebe

Speckrollen, Wachstumsstreifen und Problemzonen einfach lieben? Und dazu lächelnd ein Foto posten? Social-Media-Trends bestimmen Art, Weise und Tempo unserer Körperwahrnehmung. Ein Kommentar von Lucie Schrage

Das Selbstliebepaket per Expressversand erst einmal ungeöffnet lassen. Illustration: Laura von Welczeck

´Love yourself´ begegnet uns als Hashtag, als plakativer Spruch in Videos und in allen erdenklichen Farbkombinationen auf Pinterest. Aber was, wenn der eigene Körper nicht geliebt werden kann oder zumindest nicht alles daran? Wenn man wieder vor dem Spiegel steht und die vermeintlichen Problemzonen hervorstechen, über die auch die bunten, positiven Sprüche nicht hinwegtrösten? Die Body-Positivity-Bewegung lebt uns vor, dass es so einfach sei, seinen Körper zu lieben. Viele tragen ihr scheinbar gestärktes Selbstbewusstsein wie eine neue, gut sitzende Jeans. Diese erzwungene Selbstliebe kann genauso schnell ins Toxische umschlagen wie gängige Schönheitsideale. 

Social-Media-Posts, in denen Speckrollen gezeigt und gezielt in Szene gesetzt werden,  sollen empowern. Auf der Tagesordnung steht nicht mehr, den Bauch einzuziehen, sondern – im Gegenteil – ihn zu zelebrieren, mit all seinen Fettpolstern. Diese Posts kommen oft von cis Frauen, die dem westlichen Schönheitsideal entsprechen und deren Problemzonen verschwinden, sobald sie wieder geradestehen. 

Im Grundgedanken will die Body-Positivity-Bewegung Raum und Akzeptanz für Körper schaffen, die nicht den westlichen Schönheitsidealen entsprechen. Dieses Konzept entstand aus dem Fat acceptance Movement der60er-Jahre in den USA, wo auf eine systematische Diskriminierung mehrgewichtiger Menschen aufmerksam gemacht wurde: Personen, die bei Bewerbungen abgelehnt werden, keine passende Kleidergröße im Laden vorfinden und ihre mutmaßlich minderwertigen Körper nicht lieben dürfen. An der Spitze dieser Bewegung standen vor allem Schwarze FLINTA*, während die Posts auf Instagram heute von normschönen weißen Nutzer*innen kommen. Der Hashtag verliert somit die Essenz der Bewegung und marginalisierte Gruppen werden weiter in den Hintergrund gedrängt. 

Probleme mit der eigenen Körperwahrnehmung sollen weißen, schlanken und trainierten Menschen nicht abgesprochen werden. Aber viele, die an dieser Bewegung teilnehmen und sich bedenkenlos die positiven Sprüche an ihr Pinterest-Board pinnen, übersehen ihre privilegierte Position. Sich ausschließlich auf die eigene Körperwahrnehmung zu konzentrieren, obwohl keine gesundheitlichen Einschränkungen vorliegen und keine systematische Diskriminierung des eigenen Körpers stattfindet, ist ein Privileg. Das ´Selbstliebepaket´ kommt für diese Menschen – zwanghaft positiv verpackt – per Expressversand.   

Body positive zu sein, bedeutet für viele Druck. Die Body-Neutrality-Bewegung wählt daher einen anderen Ansatz. Ihr Fokus liegt darauf, den Selbstwert nicht von Äußerlichkeiten abhängig zu machen. Wir alle haben eigene, individuelle Körperformen und werden nie so aussehen wie Influencer*innen und Models – selbst wenn wir alle exakt denselben Trainings- und Essensplan verfolgen würden. Und das ist völlig in Ordnung. Es scheint nicht nur leichter, sondern auch wichtiger, unseren Körper erst einmal anzunehmen. Gerade in einer Gesellschaft, die uns stets vorlebt, dass man seine Röllchen am Bauch nicht – oder der Body-Positivity-Bewegung folgend ganz besonders – zu lieben hat. 

Body neutral zu sein, kann also helfen, unser Körpergefühl und unsere Körperwahrnehmung zu verbessern. Natürlich geht es aber auch hier wieder um die Herstellung eines  Selbstbewusstseins, doch diesmal durch Akzeptanz. Unser Körper trägt uns durch die Welt, begleitet uns Tag für Tag, ist unser ganz persönliches Schneckenhaus. Am ehesten werden wir ihm gerecht, wenn wir ihn dankbar hinnehmen.

So wie sich die Bewegungen verändern, zu Trends werden – die wie Schlaghosen kommen und gehen –, so rapide verändern sich Schönheitsideale. Es ist, soll und kann nicht unsere Aufgabe sein, auf eine zwanghafte Weise mitzuhalten. Wir dürfen lernen, unseren Körper zu akzeptieren und ihn mit der Zeit vielleicht auch zu lieben. In unserem eigenen Tempo und nicht, wie es Social-Media-Trends vorgeben. 


Wir haben uns dazu entschieden in unserem Heft Begrifflichkeiten zu verwenden, die möglichst antidiskriminierend sind. Falls dir ein Begriff oder eine Schreibweise nicht bekannt sein sollte, kannst du die Bedeutung hier nachlesen.

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