Haarspaltereien

„Du hast aber lange Beinhaare! Wieso hast du dir eine Glatze rasiert, deine langen Haare waren doch so schön!“ Die Körperbehaarung ist ein kontrovers diskutiertes Thema, zu dem jede*r etwas zu sagen hat. Dabei geht sie nur einen selbst etwas an. Ein Kommentar von Gesine Wolf.

Lass dir von niemanden die Beinhaare spalten! Illustration: Nora Borkenhagen

Unser Körper ist fast vollständig mit Haaren übersät: Von den Zehen über die Beine bis hin zum Kopf. Die Körperbehaarung erfüllt wichtige Funktionen, beispielsweise den Schutz bestimmter Körperteile. Und dennoch: Wenn es um Haare geht, beschäftigt die Mehrheit der Gesellschaft allein die Frage, wie diese zu tragen sind. Geknüpft sind die Vorstellungen meist an Erwartungen, binäre Geschlechtlichkeit und Sexualität. So gilt gerade bei Frauen: Je weniger Haare, desto besser – aber das Kopfhaar möglichst lang, bitte! Von Männern wird dagegen fast nie verlangt, sich die Beine zu rasieren – das wäre ja dann nicht mehr männlich. Wer seine Körperhaare wie tragen soll, ist je nach Stelle der Körperbehaarung geschlechtsspezifisch binär festgelegt. 

Wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke, erinnere ich mich besonders an die Umkleidekabinen beim Sport. Dort sah ich zum ersten Mal, wie meine Mitschülerinnen ihre Körperhaare trugen oder, besser gesagt, nicht trugen. Eigentlich galt: Alles ab! Über sichtbare Körperbehaarung wurde getuschelt und gelästert. Besonders in der Pubertät wollte ich nicht negativ auffallen und rasierte mich deshalb so wie die anderen. Seitdem begleitet mich diese Wertvorstellung. 

Mit der Zeit wurde mir jedoch immer egaler, ob ich Haare an den Beinen oder unter den Achseln habe, und so ließ ich sie wachsen. Ich stellte erstaunt fest, dass meine Achseln nicht mehr so intensiv nach Schweiß riechen, wenn ich die Haare wachsen lasse. Es ist erschreckend, dass es mich fast die Hälfte meines Lebens gekostet hat, das rauszufinden! 

Das Selbstbewusstsein, die Haare nicht zu rasieren, war jedoch nicht von heute auf morgen da. Auch meine Beinhaare ließ ich wachsen, rasierte sie jedoch schnell wieder ab, weil ich immer das Gefühl hatte, im Stillen bewertet zu werden. Nur einmal machte jemand einen ironischen Kommentar zur Länge meiner Beinbehaarung. Ohne eine böse Intention war die Message dabei klar: Lange Beinhaare werden bei Frauen als unnormal angesehen, was beweist, wie stark der Einfluss gesellschaftlicher Normen ist. Ich fing an, mich zu fragen: Wann mache ich etwas für mich selbst und wann nur für andere? 

Binäre Geschlechterbilder und Schönheitsideale sind so fest in unserem Denken verankert, dass ein großer kommerzieller Markt sich diese zunutze macht und im Endeffekt noch mehr verstärkt. Er bietet schier unendlich viele Möglichkeiten, Haare zu entfernen: Rasierer, Waxing-Studios, Laserhaarentfernung und noch viele andere. Besonders bei Rasierern sind binäre Geschlechterzuschreibungen im Drogeriemarkt kaum zu übersehen. Auf der Suche nach einem Rasierer bot mir die Frauenabteilung nur Produkte im Farbspektrum von Rosa und Lila. Nach einer blauen Variante suchte ich dort vergeblich. Schließlich wurde ich in der Männerabteilung fündig und verließ das Geschäft mit einem blau-schwarzen Rasierer, auf dessen Verpackung mich das Wort „Men“ förmlich ansprang.

Während es an vielen Körperstellen, vor allem bei weiblich gelesenen Menschen, um möglichst wenig Haare geht, sieht es bei der Kopfbehaarung anders aus: Je länger und voller sie ist, desto besser. Was jedoch, wenn die Haare dünn sind oder gar ausfallen?

Ich selbst hatte mit Haarausfall zu tun, der durch eine hormonell bedingte Kopfhautentzündung ausgelöst wurde. Dabei merkte ich, wie wichtig meine Kopfhaare für mein Schönheitsempfinden und mein Selbstbewusstsein waren. Je dünner meine Haare wurden, desto unsicherer wurde ich. Ich fühlte mich damit nicht mehr schön. Einfache Dinge, wie etwa meine Haare zu waschen, waren plötzlich der Horror für mich, weil ich sie dabei büschelweise verlor. Ich trug meine Haare häufig nur noch im Zopf, weil ich nicht damit umgehen konnte, ständig überall ausgefallene Haare zu finden. Dabei halfen mir nett gemeinte Aufmunterungen wie „Das sieht man aber gar nicht“ oder „Das sind doch nur Haare, die wachsen nach“ auch nicht. Denn diese Kommentare führten mir umso mehr vor Augen: Für mich sind es eben nicht nur Haare. 

Für mich bleibt es paradox. Mit dünnen, ausgefallenen Kopfhaaren bin ich für die Mehrheit nicht mehr schön. Mit einer vollen Haarpracht an meinen Beinen oder unter den Armen aber auch nicht. Dabei ist das einzig Wichtige, dass wir uns in unserer Haut wohlfühlen, denn unsere Haare gehen nur uns allein etwas an und niemand hat das zu bewerten. Ich habe genug von der Haarspalterei!


Wir haben uns dazu entschieden in unserem Heft Begrifflichkeiten zu verwenden, die möglichst antidiskriminierend sind. Falls dir ein Begriff oder eine Schreibweise nicht bekannt sein sollte, kannst du die Bedeutung hier nachlesen.

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