Nur ‚Ja‘ heißt Ja

Ungefragte Berührungen sind nicht nur übergriffig, sondern oft stark traumatisierend. Die Verantwortung wird dabei meist den Betroffenen zugeschrieben. Was sagt dieser Umgang mit körperlichen Grenzen über die patriarchalen Machtstrukturen unserer Gesellschaft aus? Von Anna-Lena Schmierer.

Konsens erfragen als Selbstanspruch im gesellschaftlichen Miteinander. Illustration: Sara Harton

Triggerwarnung: Dieser Artikel thematisiert sexualisierte Gewalt.

Es ist früher Vormittag, als Mascha* mir die Wohnungstür öffnet. Als ich sie zur Begrüßung umarmen möchte, halte ich kurz inne – wäre das jetzt unpassend? Wir umarmen uns dann doch, wenn auch etwas unbeholfen. Während ich meine Schuhe ausziehe, überlege ich: Hätte ich sie fragen sollen, ob das für sie okay ist? Habe ich sie damit eventuell in eine unangenehme Situation gebracht und eine körperliche Grenze überschritten?

Ist das Grenzüberschreitend?

FU-Studentin Mascha hat in Bezug auf ihre körperlichen Grenzen bereits Traumatisches erlebt. Sie hat sich bereit erklärt, darüber zu sprechen. Mascha sagt: „Bei manchen Leuten stört es mich überhaupt nicht, wenn sie mich anfassen. Vor allem bei Freund*innen, da ist das eine Sache von Vertrautheit.” Bei Fremden und auch in sexuellen Kontexten sei das anders: „Wenn ich mit einer Person schlafe, kommt es viel leichter zu Grenzüberschreitungen. Diese können dann auch krass traumatisieren, weil die Situation so intensiv ist.”

Grenzen können persönlich und durch eigene Erfahrungen beeinflusst sein, bestätigt auch Claudia Liebelt, Sozial- und Kulturanthropologin an der FU. Sie erklärt, Grenzen bestünden aber auch im kulturellen Kontext durch historisch gewachsene Strukturen. Faktoren wie Raum und Situation, Geschlecht, Alter oder sozialer Status spielten dabei eine Rolle: „Ein und dieselbe Person kann abends auf einer Party etwas als nicht übergriffig empfinden, was sie aber tagsüber im Büro anders bewerten würde.” Der Übergang von einer leicht unangenehmen Berührung zu einer stark übergriffigen Grenzüberschreitung ist also oft fließend. 

Belästigung, Übergriffigkeit und sexualisierte Gewalt

Ob eine Grenzüberschreitung strafbar ist, regelt in Deutschland seit 2016 das neue Sexualstrafrecht (StGB § 177) mit dem Grundsatz ‚Nein heißt Nein‘. Es besagt, dass jede (versuchte) sexuelle Handlung, die gegen den erkennbaren Willen einer Person vorgenommen wird, strafbar ist. Spanien und Schweden gehen mit ihrer ‚Nur-Ja-heißt-Ja‘-Regelung noch weiter: sexuelle Übergriffe werden als Vergewaltigung betrachtet, wenn nicht alle involvierten Personen der Handlung aktiv zugestimmt haben. Ein wichtiger Zusatz, der die Passivität einer Person, beispielsweise aufgrund von Angst oder Unsicherheit, nicht länger als stilles Einverständnis auslegt. An der FU wird nach offizieller Richtlinie eine Situation ab dem Moment übergriffig angesehen, in dem die betroffene Person sie als solche wahrnimmt. Je nach Fall können bei Verstößen Klärungsgespräche und in Folge Kündigungen, Exmatrikulationen oder Strafanzeigen folgen. 

Katharina Schmidt ist als eine der dezentralen Frauenbeauftragten der FU Ansprechpartnerin für Studierende und Beschäftigte, welche sich belästigt oder übergriffig behandelt fühlen. Sie erklärt: „Betroffene kommen vor allem zu mir, wenn sie sich unsicher sind: War das jetzt eine Belästigung oder nicht? Oder bin ich nur zickig und stelle mich an?” Das Wichtigste sei hierbei, den eigenen Gefühlen zu vertrauen, Belästigungen als solche zu benennen und sich selbst klarzumachen, dass man sich wehren könne. Schmidt erzählt, es gebe pro Semester allein in ihrem Fachbereich drei bis vier bekannte Fälle sexueller Belästigung. Doch oft bleibt es nicht nur bei Belästigungen: Laut einer Studie der European Union Agency For Fundamental Rights (FRA) aus dem Jahr 2014 hat jede dritte Frau in Europa bereits sexualisierte und/oder körperliche Gewalt erlebt. Die Statistik des Bundeskriminalamtes (BKA) zählte im vergangenen Jahr in Deutschland 9903 erfasste Fälle von Vergewaltigung und sexueller Nötigung. Forscher*innen schätzen die Dunkelziffer dabei um das Fünf- bis 15-Fache höher.

Grenzen sind persönlich und für jede Person anders. Illustration: Sara Harton

Mascha erzählt, dass sie viele Grenzüberschreitungen im Alltag einfach erduldet, beispielsweise, wenn ihr fremde Männer ungefragt den Arm um die Schulter legen. Sie habe keine Energie, jeder Person zu erklären, was Grenzen überhaupt sind. Bei sexuellen Begegnungen erwarte sie jedoch mehr Sensibilität. Hier sei auch das aktive Erfragen von Zustimmung – ‚consent‘, also Konsens nach einer Ja-heißt-Ja-Regelung – wichtig. 

Konsens als Lösung?

Denn Mascha hat bereits zwei sexuelle Übergriffe erlebt: „Beim ersten Übergriff war ich 16. Ich habe mich danach so benutzt gefühlt, es ging mir einfach nur scheiße.” Damals habe sie das Erlebnis heruntergespielt und verdrängt. Sie machte sich selbst Vorwürfe: „Ich habe ja auch nichts gesagt und das einfach nur über mich ergehen lassen.” Mittlerweile sieht sie das anders und appelliert: „Es ist nicht deine Schuld, wenn dir Dinge passieren. Es ist okay, wenn du es mal nicht schaffst, Dinge zu verbalisieren.”

„Es ist nicht unser Job, jedes Mal Leuten ‚Nein‘ ins Gesicht zu brüllen, damit sie es verstehen!”

Mascha*

Im Zusammenhang mit dem zweiten sexuellen Übergriff schildert sie: „Ich habe so oft ‚Nein‘ gesagt und es wurde nicht darauf gehört. Schließlich habe ich mir die Kontrolle durch Haareziehen, Wegdrücken und Kratzen zurückerkämpft.”

Wie sehr sie die Übergriffe geprägt haben, bemerkte Mascha in intimen Situationen mit anderen Menschen: „Mein Sexleben war danach auf Eis gelegt. Ich konnte nichts mit Leuten haben, die den gleichen Körpertyp hatten wie dieser Mensch. Sobald ich sie nackt gesehen habe, war bei mir sämtliche Anziehung weg.” Als sie das erste Mal penetrativen Sex nach dem Übergriff hatte, sei ihr das ganze Ausmaß bewusst geworden: „Er hat gar keinen Druck gemacht, alles war meine Entscheidung. Letztendlich ist er dann in mich rein und ich habe sofort angefangen zu heulen und zu zittern. Das war richtig schlimm für mich.” 

Der Weg zurück zu einem gesunden Körpergefühl und Sexualleben war lang, mühsam und erforderte viel Reflexion. Trotzdem sagt sie heute: „Das war auch ein schöner und empowernder Prozess. Ich habe gelernt, Dinge noch klarer zu kommunizieren.” 

Mascha erklärt, in ihrem jetzigen Freund*innenkreis sei Konsens zu erfragen selbstverständlich. Lachend räumt sie ein: „Am Anfang hat mich das krass verlegen gemacht hat. Es war fast schon unangenehm, zu verbalisieren: ‚Ja, ich will das, mach weiter!‘” Inzwischen sei dies für sie normal geworden: „Mir macht es eher Bauchschmerzen, wenn eine*r mich nicht nach Konsens fragt.”

Patriarchale Machtverhältnisse

Das Konzept von Konsens ist jedoch nur die Lösung für eine einzelne Ebene des deutlich vielschichtigeren Problems. Laut dem Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe in Deutschland (bff) ist das Motiv für sexualisierte Gewalt nicht Sexualität, sondern Macht. Sexualität werde funktionalisiert, um Frauen zu demütigen, zu erniedrigen und zu unterdrücken. Es handelt sich also um ein strukturelles Problem patriarchaler Machtverhältnisse.

Weltweit gibt es gegen das Patriarchat viel Protest, wie die Demonstrationen zum feministischen Kampftag am 8. März zeigten. Dass feministische Bewegungen sexualisierte Übergriffe als „ein strukturelles Problem und nicht nur als eine persönliche Empfindlichkeit” begreifen, sei besonders wichtig, meint Anthropologin Liebelt. Denn körperliche Verhaltensweisen seien zum großen Teil erlernt und an binäre Auffassungen von Geschlecht geknüpft. Sie verweist auf den Essay Throwing like a Girl und erklärt: „Marion Young schreibt, dass Mädchen im euro-amerikanischen Raum oft schon als Teil ihrer Sozialisation lernen, möglichst wenig Raum einzunehmen und sich auf eine bestimmte Art auch körperlich fragil zu geben.” So ist auch Maschas Wahrnehmung: „Leute lesen mich als weiblich und nehmen sich viel mehr raus, als sie es bei einem Typen jemals tun würden.” 

Als wir uns zur Verabschiedung erneut umarmen, fühlt es sich vertraut an. Vieles, was Mascha mir erzählt hat, spiegelt auch meine eigenen Erfahrungen mit körperlichen Grenzen wider. Ihre positiven Erlebnisse zum Thema Konsens stimmen mich jedoch hoffnungsvoll. Mascha bringt es auf den Punkt: „Es muss doch in deinem Selbstanspruch liegen, nicht übergriffig zu sein.”

*Anm. d. Red.: Der Name wurde von der Redaktion geändert. 


Wir haben uns dazu entschieden in unserem Heft Begrifflichkeiten zu verwenden, die möglichst antidiskriminierend sind. Falls dir ein Begriff oder eine Schreibweise nicht bekannt sein sollte, kannst du die Bedeutung hier nachlesen.

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