Politisierte Körper

Wenn es um den Körper geht, wird seit jeher diskutiert, protestiert und diskriminiert. Diese Grafiken stellen die verschiedenen Schauplätze der Auseinandersetzungen um den Körper dar. Dabei sind sie keine vollständige Auflistung der gegenwärtigen Konflikte, vielmehr sollen sie zum Denken und Diskutieren anregen. Von Marie Blickensdörfer und Laura von Welczeck.

Körper Adonis Baywatch Uterus Gebärmutter  mit Mittelfinger Fäuste
Ein Ausblick auf die Grafiken im Heft27. Illustration: Laura von Welczeck.

Abtreibungen

Er ist schon lange Kernthema feministischer Kämpfe, aber auch Teil der Tagespolitik: Der Streit um die selbstbestimmte Entscheidung für oder gegen eine Schwangerschaft. Während in Deutschland der Paragraph 219a des StGB, der ›Werbung‹ für Schwangerschaftsabbrüche verboten hat, seit diesem Juni der Vergangenheit angehört, ist in den USA zeitgleich Roe vs. Wade gekippt worden: Ein Grundsatzurteil, das Schwangerschaftsabbrüche bisher legalisierte. In einigen Staaten werden Schwangerschaftsabbrüche ab sofort sogar bei Inzest und Vergewaltigungen verboten. 

Medizin für weiße Männer

Dass die Medizin zuweilen noch tief im patriarchalen und binären Sumpf steckt, zeigt die Gender Data Gap deutlich. Diese beschreibt das Ungleichgewicht in der Erhebung medizinischer Daten zwischen Männern und Frauen, wie das Beispiel des Medikaments Digoxin gut illustriert: Was für Männer ein hilfreiches Medikament ist, erhöht bei Frauen das Sterberisiko. Krankheiten oder die Wirkung eines Medikaments werden nicht oder nur unzureichend an nicht-männlichen und nicht-weißen Körpern untersucht. Bei People of Color sind beispielsweise manche Symptome wie Blässe oft nur schwer erkennbar. All das führt dazu, dass FINTA* und People of Color oftmals geringere Überlebenschancen haben.


Ableismus

Körper, die von gesellschaftlichen Normvorstellungen abweichen, werden in vielen Bereichen nicht mitgedacht und ausgeschlossen. Neben struktureller Gewalt erfahren Menschen mit Behinderung diese oft direkt am eigenen Körper. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie Opfer von Gewalt werden, ist zwei- bis viermal so hoch als bei Menschen ohne Behinderung.

Periode 

Die Periode ist noch immer ein Tabuthema. Periodenprodukte sind teuer. Als deren Mehrwertsteuer gesenkt wurde, behielten die Unternehmen den ursprünglichen Preis bei und erhöhten so ihre Gewinnmarge – der Markt regelt! Doch manchmal regelt auch die FU: Am Fachbereich Biologie, Chemie, Pharmazie stehen Binden, Tampons und Kondome kostenfrei zur Verfügung.

Trans Personen

Queeres Leben ist eng mit Fragen des Körpers verbunden. Besonders deutlich wird das beim Thema Transgender. Menschen, die sich nicht mit dem bei ihrer Geburt zugewiesenen  Geschlecht identifizieren und daher körperlich oder sozial geschlechtsangleichende Maßnahmen unternehmen, stehen vor riesigen Hürden. Zum Beispiel vor dem Transsexuellengesetz (TSG), das momentan die amtliche Änderung der persönlichen Daten reguliert und wegen seiner verpflichtenden psychiatrischen Gutachten als »entwürdigend« kritisiert wird. Seit Ende Juni liegt nun ein Entwurf für das Selbstbestimmungsgesetz  vor, welches das TSG ersetzen soll. Außerdem sind trans Personen häufig Verletzungen ihrer Grundrechte ausgesetzt, zum Beispiel durch Belästigungen und Diskriminierungen, aber auch durch Gewalttaten. Dies führt vermehrt zu Angstgefühlen und Depressionen, in Extremfällen zu Suizid.


Masha P. Johnson (sie/ihr, 1945-1992) war eine frühe Trans-Aktivistin und Teil des Stonewall-Aufstands, der den Christopher Street Day begründete.

Weltkugel

Die Situation von Personen und ihren körperlichen Selbstbestimmungsrechten unterscheidet sich gravierend, je nach Land. Körper sind jedoch immer in einen lokalen Kontext eingebettet und genauso die rechtlichen, politischen und gesellschaftlichen Debatten um diese. So haben beispielsweise in den USA lebende trans Personen laut einer Studie der University of California aus 2021 eine viermal höhere Wahrscheinlichkeit Opfer einer Gewalttat zu werden als cis Personen.

Eine Weltkugel beziehungsweise ein Globus

Rassismus 

Rassismus und seine Folgen sind auf vielschichtige Weise an den Körper gebunden. So werden Menschen durch rassistische Stereotype auf ihre äußeren und vermeintlich anderen Merkmale wie Hautfarbe oder Haare reduziert. »Rassismus macht den Körper krank«, titelt Deutschlandfunk Kultur. Und das nicht nur in seiner grausamsten Form der rassistisch motivierten Straftaten und Terrorismus wie in Buffalo, Halle und Hanau: Auch alltägliche Mikroaggressionen, die sich immer und immer wieder gegen nicht weiß gelesene Menschen richten, können – laut Forschung – zu physischen und psychischen Krankheitsbildern führen.

Black Lives Matter Protest Plakat 
Postkarte von Sera Erkan und dem Anfang ihres Gedichts auf Türkisch und deutsch 
Drei Fäuste von BIPOC's

Semra Ertan (1957-1982) war Arbeiterin und Dichterin. Sie zündete sich aufgrund des wachsenden Rassismus in Deutschland öffentlich selbst an. Im Mai diesen Jahres jährte sich ihr Todestag zum 40. Mal.

Verhütung

Würde die Anti-Baby-Pille heute noch zugelassen werden? Aufgrund ihrer starken Nebenwirkungen vermutlich nicht. So war es zumindest bei der ›Pille für Männer‹, bei der es von Libidoverlust bis zu Depressionen kommen kann. Tatsächlich leiden aber viele Menschen, die heute schon mit der ›Pille für Frauen‹ verhüten, genau unter eben jenen Nebenwirkungen. Ein Lichtblick ist, dass die Forschung zu hormoneller Verhütung für Männer weitergeht. Und dann gibt es ja noch das Kondom. Leider nicht so sicher wie die Pille und auch nicht so beliebt. Wenn jemand das Kondom während des Sex ohne Einwilligung des*der Partner*in abzieht – auch ›Stealthing‹ genannt – ist das eine  Form von Missbrauch und strafbar. 


Sterbehilfe 

Das Recht auf Selbstbestimmung über den eigenen Körper wird vor allem dann stark diskutiert, wenn es um den Beginn und das Ende eines Lebens geht. Die Sterbehilfe möchte Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen ihr Leben beenden wollen, bei diesem Vorhaben zu unterstützen. Dies ist in Deutschland bislang verboten, allerdings hat ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 2020 neuen Wind in die Debatte gebracht. Es hatte das Verbot der sogenannten geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung, unter die auch die Sterbehilfe fällt, aufgehoben. Momentan liegen verschiedene Gesetzesentwürfe auf dem Tisch. Wohin der Weg gehen wird, bleibt weiter unklar.


Genitalverstümmelung (Female Genital MutilationFGM)

Weltweit sind 200 Millionen Frauen von Genitalverstümmelung betroffen (Schätzung nach UNICEF). Das Beschneiden oder Zunähen von Teilen der Vulva und der Vaginalöffnung erfolgt oft mit stumpfen Instrumenten und unter miserablen hygienischen Bedingungen. Im schlimmsten Fall kann dieser Eingriff zum Tod führen.


Brüste 

Manche sekundären Geschlechtsmerkmale werden stark sexualisiert, wie zum Beispiel die weiblich gelesene Brust. Das erschwert Dinge wie das Nicht-Tragen von BHs oder Stillen in der Öffentlichkeit.

Anm. d. Red.:

Alle Illustrationen in dieser Grafik sind von Laura von Welczeck.


Wir haben uns dazu entschieden in unserem Heft Begrifflichkeiten zu verwenden, die möglichst antidiskriminierend sind. Falls dir ein Begriff oder eine Schreibweise nicht bekannt sein sollte, kannst du die Bedeutung hier nachlesen.


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