Wenn der Beat einsetzt

Im Club, beim Filmabend, im Aufzug –  überall begegnen wir ihr: Musik. Dabei kann sie uns zu Tränen rühren, vergangene Erlebnisse vor unserem inneren Auge aufblitzen und unseren Puls höher schlagen lassen. Doch wie werden durch Musik Emotionen erzeugt und was passiert dabei in unseren Körpern? Von Laura Kübler.

Musik beeinflusst unsere Sinne. Illustration: Akane Lang

Es vergeht wohl kaum ein Tag, an dem wir keine melodischen Klänge wahrnehmen. Diese sind schon früh Bestandteil unseres Lebens. „Eine akustische Umgebung besteht schon vor der Geburt”, erklärt Susanne Bauer, Professorin für Musiktherapie an der Universität der Künste Berlin. Im Mutterleib nehme der Fötus verschiedene Klänge wahr und bereits ab dem vierten Monat auch solche, die von außen kommen. 

Musik, die in der Kindheit als angenehm empfunden werde, könne später noch positive Assoziationen wecken, so Bauer.

„Auch Heavy Metal oder Rockmusik können beruhigend wirken, wenn Individuen positive Erfahrungen mit der Musik verbinden.“

Susanne Bauer, Professorin für Musiktherapie

Dass sich keine pauschalen Aussagen über Genres und daraus erzeugte Emotionen treffen ließen, sagt auch Mats Küssner, Musikpsychologe und Dozent für Musikwissenschaft an der Humboldt-Universität Berlin. Wichtig für die Ausprägung des Musikgeschmacks sei vielmehr die Sozialisation und in welcher Musikszene man sich bewege.

Die Macht der Musik

Doch wenn das Genre keinen Einfluss hat, wie werden dann Emotionen durch Musik erzeugt? Neben dem Hervorrufen von Erinnerungen durch Musik ist Küssner zufolge die sogenannte emotionale Ansteckung eine Möglichkeit, Gefühle auszulösen. „Hierbei findet eine Personifizierung der Musik statt. Wir imitieren die Emotionen, die in der Musik wahrgenommen werden, so wie wir auch angesteckt werden, wenn jemand lacht.“ 

„Während des Hörens können manche Menschen auch Bilder vor dem inneren Auge sehen“, erläutert Küssner. Es würden Gedanken in bildlicher Form hervorgebracht, die ein höheres emotionales Potenzial besäßen. So stellten sich einige ganze Landschaften, Tänzer*innen oder auch Orchester vor.

Physiologische Prozesse wie die Herzrate und die Atemfrequenz können sich dem Beat eines Stücks anpassen. Der Musikwissenschaftler führt aus: „Auf eine gewisse Weise simuliert man den Rhythmus mit seinen eigenen Körperfunktionen und diese Änderungen der Körperfunktionen können wiederum Emotionen auslösen.“ Auch die Pupillengröße sei ein Indikator für die physiologische Auswirkung von Musik.

Küssner betont, dass es in Untersuchungen zusätzlich wichtig sei, das subjektive Empfinden der Proband*innen mitzuerfassen. Nur so ließe sich auf einen Zusammenhang zwischen Musik, individueller Wahrnehmung und körperlicher Reaktion schließen. Eine Studie der Londoner Royal Holloway University ermittelte, dass das Hören von Musik durch Kopfhörer die Grenzen des persönlichen Raums – oder auch der comfort zone – verschiebt. Proband*innen, die positiv assoziierte Musik hörten, fühlten sich wohler damit, fremde Personen nah an sich heran treten zu lassen. Übertragen auf enge U-Bahn-Situationen könne so das Gefühl erzeugt werden, man hätte einen größeren persönlichen Bereich, als tatsächlich der Fall.

Eine natürliche Droge?

Wirkt Musik wie eine Droge? Das Glückshormon Dopamin wird ausgeschüttet und steigert unser Wohlbefinden. Küssner ergänzt, dass gleichzeitig das Stresshormon Cortisol reduziert werden könne: „Durch gemeinsames Singen zum Beispiel.“

Er selbst ist davon überzeugt, dass Musik, vor allem auf Konzerten, all unsere Sinne aktiviere. Es gäbe sogar Personen, die Musik als Geschmack auf der Zunge spürten. Bei sogenannten Synästhetiker*innen – also Menschen, deren Sinneswahrnehmungen besonders stark verflochten sind – finde dies in gesteigertem Maße statt. 

Die Idee des Hörens von Musik auf Tonträgern wie CDs oder auf Spotify, ohne die Musizierenden dabei zu sehen, sei evolutionsbiologisch eine sehr junge, erklärt der HU-Dozent. „In der Geschichte fand Musik meist im sozialen Kontext statt.“ Auf Konzerten oder im Club könne Musik wie ein Katalysator wirken, da man sich mit den anderen Personen auf der Tanzfläche synchronisiere und so besonders starke Emotionen ausgelöst würden.

Die Kraft des gemeinsamen Improvisierens

Ebenso in der Gruppentherapie werde auf das Zusammenwirken mehrerer Personen gesetzt, sagt Musiktherapeutin Bauer. „Es gibt viele Patient*innen, deren Umgang mit anderen Menschen belastet ist, weil sie in der Familie oder in der Schule schlechte Gruppenerfahrungen gemacht haben.“ Bei Gruppensitzungen könne durch gemeinsames Musizieren ein Gefühl von Geborgenheit und Wertschätzung erzeugt werden. 

Therapeut*innen musizierten in den Sitzungen mit, gäben jedoch nicht vor, was die Patient*innen spielen sollen. „Es wird kein Rezept verschrieben, wir sagen nicht: ‚Spiel mal den Ton, der tut dir gut’“, so Bauer. Vielmehr bestehe die Kunst darin, Gemütszustände der Patient*innen während des gemeinsamen Improvisierens wahrzunehmen und darauf zu reagieren. Ein sich wiederholender leiser Ton könne auf eine unterdrückte Wut oder den Wunsch nach Nähe hinweisen. Therapeut*innen könnten darauf eingehen und lauter werden, um die aufgeladene Spannung aufzulösen oder ein melodisch-rhythmisches Beziehungsangebot machen.

Vom Hören und Nicht-fühlen

Auch Marketing mache sich die Wirkungskraft von Musik zunutze, durch gezielt ausgewählte Hintergrundmusik in Kaufhäusern, Supermärkten und Restaurants.

„Ein langsames Musikstück kann Menschen dazu verleiten, sich dem Tempo anzupassen und sich beim Essen mehr Zeit zu nehmen.“

Mats Küssner, Musikpsychologe

Doch nicht jede*r wird durch Musik beeinflusst: »Es gibt tatsächlich auch Menschen, die keine emotionale Reaktion auf Musik zeigendas wird musical anhedonia genannt«, erklärt Küssner. Das Belohnungssystem im Gehirn funktioniere bei Betroffenen zwar, beispielsweise, wenn sie im Lotto gewinnen, bei Musik blieben die Glückshormone jedoch aus. Schätzungsweise seien aber nur rund vier Prozent der Weltbevölkerung von diesem Phänomen betroffen. 

Dass Musik uns also rührt, unseren Puls höher schlagen lässt oder Kopfkino verursacht, ist nicht selbstverständlich. Wer morgens gerne eine ›Gute-Laune-Playlist‹ anschmeißt, beim Joggen schnelle Songs streamt oder den Abend mit ein paar jazzigen Akkorden ausklingen lässt, kann sich glücklich schätzen – und die Sensationen das nächste Mal noch bewusster genießen.


Wir haben uns dazu entschieden in unserem Heft Begrifflichkeiten zu verwenden, die möglichst antidiskriminierend sind. Falls dir ein Begriff oder eine Schreibweise nicht bekannt sein sollte, kannst du die Bedeutung hier nachlesen.

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