„Das ist kein Dreck, das ist meine Haut”

Schwarzsein in einer weißen Gesellschaft – was bedeutet das? Medizinstudentin Annika erzählt über alltägliche Mikroaggressionen, ihren Weg der Identitätsfindung und dass alle weiß sozialisierten Menschen rassistisch sind. Ein Protokoll.

Schwarze Identität sollte von Schwarzen Menschen definiert werden. Illustration: Anna-Lena Schmierer

Das Gespräch führte Anna-Lena Schmierer. Im Artikel kommt Annika zu Wort:

Dass ich Schwarz bin, war mir irgendwie schon immer klar – und gleichzeitig noch nie. Meine erste Erinnerung an ein Erlebnis, bei dem mir das wirklich bewusst wurde, ist aus dem Kindergarten. Alle mussten sich die Hände waschen und die Kindergärtnerin hat auf Sauberkeit kontrolliert. Ich weiß noch, wie ich an der Reihe war, meine Hände gezeigt habe und die Kindergärtnerin sagte: „Sind die noch dreckig?” Das war kein Dreck – das war meine Haut. Hautfarbe war schon immer ein Merkmal, wonach unterschieden wurde. Dennoch habe ich erst vor kurzem angefangen mich als Schwarz zu bezeichnen und mich mit meiner Schwarzen Identität auseinanderzusetzen.

Ich bin sehr weiß sozialisiert aufgewachsen. Es wurde in meiner Familie nie thematisiert, dass ich Schwarz bin; dass meine Mama Schwarz ist. Zu sagen: ‚Ich bin Schwarz‘ ist etwas, was ich mich erst seit diesem Jahr überhaupt traue. Trotzdem habe ich immer noch das Gefühl, ich bin nicht Schwarz genug. Denn in das Bild, das mir von meinem Umfeld vermittelt wurde, passe ich nicht rein. Mir wurde vermittelt: Schwarz ist arm, Schwarz bedeutet wirklich ‚dark-skinned‘ zu sein, Schwarze Leute sind sehr gesellig, Schwarze Leute sind immer unter sich, Schwarze Leute – das sind die Anderen. Die ganzen rassistischen Stereotype, die leider auch ich über Schwarze Menschen vermittelt bekommen habe, musste ich aktiv aufbrechen. Ich bemerkte: Ich lasse weiße Menschen definieren, was Schwarzsein bedeutet. 

„Ich hätte gar nicht gedacht, dass Sie Schwarz sind. Ich hätte eher gedacht, dass Sie aus Spanien kommen.”, sagte eine Hausärztin neulich. Als solle mich das trösten oder als sei das ein Kompliment. Dabei ist das eine so absurde Aussage! Eigentlich war ich nur bei der Ärztin, um eine Überweisung zu bekommen. Im Gespräch fragte sie dann: „Sie sind ja so halb, halb gemischt. Was sind denn Ihre Eltern?” Warum willst du das wissen? Mein familiärer Background ist vollkommen irrelevant! 

Diese Art von Mikroaggressionen begegnen mir und vielen anderen BIPoCs ständig. Ich werde so oft gefragt, wo ich eigentlich herkomme. Wenn ich jedes Mal aufstehen und gehen würde – das würde nicht funktionieren. Deshalb habe ich dazu nichts gesagt, sondern einfach erklärt: „Ich bin nicht ‚halb, halb gemischt‘. Mein Großvater kommt aus Nigeria.” Ich wollte noch Papiere von ihr, auf die ich angewiesen war. Auch wegen diesem Machtgefälle ignorierte ich anfangs ihren Rassismus. Stattdessen erzählte ich auf Nachfrage, dass ich nach Berlin gezogen bin, weil ich ein antirassistischeres Umfeld brauche. Dass ich mich so mehr mit meiner Schwarzen Identität auseinandersetzen kann. 

Dazu meinte sie gegen Ende des Gesprächs: „Ich bin ja jetzt nicht Schwarz, sondern weiß, aber ich sage trotzdem was dazu.” Das ist ein Satz, nachdem eigentlich gar nichts Gutes kommen kann. So auch hier: „Sie sollten das nicht so zum Teil Ihrer Identität machen, dieses Schwarzsein.” Sie habe selbst Schwarze Kinder und für die sei das auch kein Problem. Sie sagte: „Diskriminierungserfahrungen machen wir ja irgendwie alle. Man muss das externalisieren!”

Externalisieren – was soll das überhaupt bedeuten? Dass ich Rassismus nicht persönlich nehmen soll? Das funktioniert nicht! Mit dem Rassismus, der absichtlich und offen passiert, kann ich irgendwie umgehen, solange es nicht (körperlich) gewaltvoll wird. Das ist der Rassismus, an den die meisten Menschen als Erstes denken, wenn von Rassismus die Rede ist. Für mich ist der versteckte Rassismus im Alltag, vor dem man sich nicht schützen und auch nicht weglaufen kann, das Problem. Besonders von Menschen, die sich selbst für antirassistisch halten, wie diese Ärztin. Denn es ist beispielsweise unfassbar rassistisch und verletzend, wenn Aussagen gerechtfertigt und verharmlost werden, indem man Schwarze Menschen, die man kennt (in diesem Fall ihre eigenen Kinder), exemplarisch nennt. Dafür gibt es sogar einen wissenschaftlichen Begriff: ‚Tokenism‘. 

Es ist für mich wie eine tickende Zeitbombe. Rassismus kann mir jederzeit begegnen und ich kann und will mich nicht von allen weißen Menschen fernhalten. Als ich ihr sagte: „Wer hier in Deutschland aufgewachsen und weiß sozialisiert ist, inklusive mir, ist rassistisch.”, erwiderte sie: „Das sind für mich nur Theorien und Plattitüden, also mit dieser Einstellung wird es Ihnen auch nicht besser gehen!” Wie ignorant kann man bitte sein, das als reine Theorie oder Plattitüde abzutun? Das ist ein von Rassismusexpert*innen wie Tupoka Ogette bestätigter Fakt! Nach dem Gespräch habe ich erst einmal zwei Stunden geweint.

Denn so sind wir aufgewachsen: Mit weißen Menschen in unserem Umfeld, im Mittelpunkt, in Machtpositionen. Die weiße Vorstellung von Schwarzsein muss dekonstruiert werden, denn es geht einzig darum, wie ich mich als Schwarze Person fühle, wie ich mich nenne, und wo ich mich zugehörig fühlen möchte!


Wir haben uns dazu entschieden in unserem Heft Begrifflichkeiten zu verwenden, die möglichst antidiskriminierend sind. Falls dir ein Begriff oder eine Schreibweise nicht bekannt sein sollte, kannst du die Bedeutung hier nachlesen.

Autor*in

Ähnliche Artikel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.