Die langweilige Nacht der Wissenschaft ?

Am 28.06. war es wieder so weit: Rund 50 Institutionen der Stadt haben, für die lange Nacht der Wissenschaften,  ihre Türen geöffnet, um Forschung sichtbar und erlebbar zu machen. Auch die Freie Universität war mit einem breiten Programm dabei. Regina-Marie Roßbach über die Diskrepanz zwischen Natur- und Geisteswissenschaften. 

Vor allem die Naturwissenschaften glänzen in der langen Nacht immer wieder. Kristalle durch Mikroskope entdecken, mit Trockeneis experimentieren und lernen, wie man ein verwundetes Tier verbindet – all das konnten Klein und Groß erleben. Das Ergebnis: Begeistern, Staunen, Mitmachen.

Jedes Jahr ist das Audimax der TU prall gefüllt für den Science Slam. Foto: TU Berlin

Und die Geistes- und Sozialwissenschaften? Die setzen auf das, was ihren Alltag bestimmt: erklären, einordnen, diskutieren. Panels, Vorträge, Podiumsdiskussionen – vorne wird geredet, das Publikum hört (meist nicht gebannt) zu. Die Interaktion beschränkt sich oft auf ein „Gibt es noch Fragen?“. Die Antwort ist Stille. Das Publikum, gelähmt vom Überfluss an Informationen, bleibt stumm. Das ist schade – und vermeidbar.

Im Theaterhof der FU heißt es wieder: Sitzen und zuhören. Foto: R. Roßbach

Die Themen scheinen auf Außenstehende häufig zu nischig und damit wenig interessant. Sie sind lang und kompliziert. Nichts leuchtet, nichts brennt, nichts explodiert. Die Grundeinstellung zu ihnen: trocken, langweilig, unnötig. Lesen und Schreiben, das bestimmt den Alltag von Geistes- und Sozialwissenschaftler*innen. Selten hört man ein Kind sagen: „Ich möchte später Geschichte studieren. Was zum Beispiel Kulturanthropolog*innen sind, wissen die meisten gar nicht. Der Erlebnisfaktor fehlt. Aber was nicht da ist, kann man erzeugen. Warum nicht mit spielerischen Elementen arbeiten, mit kreativen Ideen, mit Fragen, Aufgaben, Experimenten? Geisteswissenschaften sind nicht weniger relevant – aber sie verkaufen sich oft schlechter.

Ein positives Beispiel der langen Nacht der Wissenschaft: der Science Slam an der TU. Die Aufgabe? Einfach nur die eigene Forschung vorstellen. Wie? Das ist völlig egal – Hauptsache, so unterhaltsam wie möglich. Was uns unterhalten kann, das können wir auch behalten. Ein zugänglicher Wissenstransfer, der Spaß macht: Das brauchen Sozial- und Geisteswissenschaften. 

Bildung ist das höchste Gut einer offenen Gesellschaft. Jede Disziplin hat ihre Berechtigung. Doch reines Wissen genügt nicht – es muss geteilt werden. Und das erfordert manchmal Anstrengung: auf Menschen zugehen, sie gewinnen, sie berühren! Nicht reden, sondern zeigen. Nicht referieren, sondern begeistern. Interesse ist kein Muss – es kann geweckt werden. Wenn sie sich ein bisschen anstrengen, können auch die Geisteswissenschaften in der langen Nacht der Wissenschaft glänzen und Augen zum Funkeln bringen.

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