In den letzten Jahren hat die Robotik herausragende Fortschritte gemacht. Besonders chinesische Roboter zeichnen sich durch erstaunliche motorische Fähigkeiten aus. Doch ein Gedanke drängt sich auf: Wird ein Roboter jemals denken und fühlen können wie ein Mensch? Wird er je eine Selbstwahrnehmung entwickeln? Die Debatte ist kontrovers. Eine Analyse von Giuseppe Contrafatto.

Die Bilder aus China Anfang 2025 beweisen zweifellos: Roboter sind auf dem Vormarsch. Ein Zustrom von Robotern überschwemmt die Nachrichten. Sie sind imstande, Aktivitäten auszuführen, die früher reine Science-Fiction waren. Berichtet wird zum Beispiel von einem in Peking organisierten Halbmarathon zwischen Roboter und Mensch. Noch erstaunlicher sind die Bilder aus Hangzhou des ersten Boxkampfes humanoider Roboter. In China geht zudem die Produktion in vollautomatisierten Fabriken vonstatten, den sogenannten „Dark Factories“. Dort sind alle Prozesse digital vernetzt und hochautomatisiert. Trotz allem ist der Forschung eine Sache noch nicht gelungen: die Herstellung eines Roboters mit Bewusstsein. Angesichts der Tatsache, dass sich der Robotermarkt ausweiten soll, wird unweigerlich an weiter an Bewusstseinsgesteuerten Robotern gearbeitet.
Was ist überhaupt Bewusstsein?
Wissenschaftler*innen sind sich über die Bedeutung des Bewusstseins uneinig. Es gibt deshalb keine universell akzeptierte Definition. Um das Bewusstsein zu begreifen, muss zunächst erkundet werden, welche Rolle es im Zusammenhang mit dem Gehirn spielt. Befindet sich das Bewusstsein in unserem Gehirn? Oder ist das Gehirn eher wie eine Antenne, die das Bewusstsein empfängt? Hierbei treten drei theoretische Positionen hervor, die sich im Laufe des 20. und 21. Jahrhunderts herausgestellt haben: Erstens die Produktionsthese, wonach das Gehirn als Voraussetzung zum Erzeugen von mentalen Zuständen gelte. Zweitens die Transmissionsthese, der zufolge das Gehirn eine Kondition oder eine Art Instrument des Denkens sei. Nach dieser Auffassung vermittle das Gehirn zwischen der physikalischen, vierdimensionalen Welt und dem Geist, der nicht zeitlich strukturiert sei. Dieses Gehirn sorge für den Informationsfluss zwischen Welt und Geist. Drittens die Manifestationsthese: Gehirn und auch das subjektive Bewusstsein seien Manifestationen eines umfassenden universalen Geistes.
Der erste Roboter stammt aus der chinesischen Literatur
In den vergangenen Jahren hat vor allem China beeindruckende Fortschritte in der Robotik erzielt. Die Auseinandersetzung der chinesischen Kultur mit Robotern hat eine lange Geschichte. Der erste chinesische Roboter stammt aus der Literatur – genauer gesagt aus dem etwa 500 v. Chr. entstandenen daoistischen Werk Das wahre Buch vom quellenden Urgrund von Lie Zi. Die Darstellung des Roboters in diesem Buch stellt die Selbstwahrnehmung des Menschen infrage und übt zugleich Kritik an ihr. Der im Text beschriebene „Roboter“ erscheint aus daoistischer Sicht menschlicher als die Menschen selbst. Ihnen gefielen besonders seine Spontaneität und Unabhängigkeit von gesellschaftlichen oder kulturellen Normen. In der Erzählung kann er alles, was auch Menschen können – von Singen bis zu Flirten. Als er jedoch mit der Konkubine des Königs flirtet, befiehlt dieser aus Eifersucht seine Vernichtung. Der Roboter entlarvt die wahre Natur der Menschen: Die Abwesenheit eines Selbstbewusstseins erweist sich nicht als Mangel, sondern als bewusst angestrebter Zustand für ein vertieftes Verständnis von Existenz.
Auch heute ist China ganz weit vorne
In unserer Gegenwart sind Roboter nicht mehr eine Schöpfung der literarischen Kunst, sondern Realität. China ist seit 2014 Marktführer für die Installation neuer Roboter. Nach Angaben des unabhängigen Forschungs- und Analyseunternehmen SemiAnalysis und IFR.org (International Federation of Robotics) wurden dort im Jahr 2023 knapp 300.000 Roboter eingesetzt. In den Vereinigten Staaten, dem zweitgrößten Markt der Welt, wurden dagegen weniger als 50.000 Installationen durchgeführt. Die Zahl der installierten Industrieroboter in chinesischen Fabriken und in der ganzen Welt soll in den nächsten Jahren exponentiell steigen.
Eine kontroverse Debatte in der Wissenschaft
Ob Roboter in Zukunft ein Bewusstsein besitzen können, ist in der Wissenschaft umstritten. Es gibt zwei Kategorien von Forscher*innen: die Idealisten und die Materialisten. Während die idealistische Schule diese These abwehrt, weil für sie der Geist einen immateriellen Ursprung hat, herrscht unter den Materialisten Uneinigkeit. Manche Materialisten positionieren das Bewusstsein in einen nicht-lokalen Raum. Daraus folgt, dass materialistische Forscher*innen wie der Neurowissenschaftler John Eccles bezweifeln, ob Roboter je ein echtes menschliches Bewusstsein oder komplexe kognitive Fähigkeiten entwickeln können. Ebenfalls der Philosoph und Biologe Gerhard Roth, der in erster Linie als Befürworter erscheinen würde, entpuppt sich als Skeptiker. In beiden Forschern wird auf diese Weise Bewusstsein als externe Kraft gekennzeichnet, die sich niemals ganz auf ein künstliches Gehirn projizieren lässt. Ein Bereich des Materialismus, der eventuell in Frage kommen würde, ist tatsächlich die nicht-dualistische Variante, wonach Geist und Materie nicht getrennt sein können. Patricia Churchland hat sich zum Beispiel als Vertreterin des eliminativen Materialismus (einer radikalen Form des Materialismus) positioniert, dem zufolge die mentalen Zustände (wie Bewusstsein) vollständig auf neurobiologische Prozesse zurückzuführen sind. Im Artikel Could a Machine Think? Classical AI is unlikely to yield conscious machines; systems that mimic the brain might, untersucht sie was passiert, wenn Maschinen durch, vom Gehirn inspirierte, Systeme zu einem echten Verständnis gelangen. Das Bewusstsein werde ein plausibles technisches Ziel – und nicht eine mystische Barriere: „An artificial brain might use something other than biochemicals to achieve the same ends. […] Artificial intelligence, in a nonbiological but massively parallel machine, remains a compelling and discernible prospect“.
Menschenbegleitung statt Ersatz
Bislang ist unklar, ob wir jemals einer derartigen Welt gegenüberstehen werden, wie in dem Film A.I. – Künstliche Intelligenz. Es bleibt daher für die Wissenschaft eine Frage, die letztlich nur die Zukunft beantworten kann. Dennoch ist eines unleugbar: In der Forschung ist zu berücksichtigen, dass Roboter als Unterstützungsinstrumente für den Menschen konzipiert werden sollten. Wie Federico Faggin, der Entwickler der ersten CPU und Bewusstseinsforscher, in einer Konferenz über künstliche Intelligenz und Bewusstsein an der Universität Catania erläutert hat: »Der Mensch wird immer leistungsfähiger als die Künstliche Intelligenz bleiben, weil wir etwas im Gehirn haben, das der Maschine fehlt: nämlich das Bewusstsein und den freien Willen. […] Die Technologie muss in den Diensten des Menschen stehen, aber nicht, um ihn einzusperren, sondern um ihn zu befreien«.
