Zwischen Partys und Kakerlaken

Schmale Gänge und dreckige Küchen – Im Wohnheim Halbauer Weg in Lankwitz ist Gemeinschaft kein Selbstläufer, sondern erfordert echte Arbeit. Johannes (25) ist Geographiestudent an der Freien Universität. Das Wohnheim ist sein Zuhause. Dort ist er seit drei Jahren in der studentischen Selbstverwaltung tätig – und ohne die wäre es im Halbauer Weg ziemlich öde. Im Interview mit Helena Haferkamp.

Spieleabend in der Wohnheim-Bar, Foto: Helena Haferkamp

Furios: Wir befinden uns im Wohnheim Halbauer Weg. Viele wollen sicherlich lieber in einer WG in zentraler Lage wohnen. Bist du zufrieden mit der Entscheidung hierher zu ziehen?

Johannes: „Ja. Ich komme aus Neukölln und da meine Uni in der Nähe ist, hat es Sinn gemacht nach Lankwitz zu ziehen. Neukölln ist natürlich besser, aber hier ist es auch nett. Es ist günstig und ich habe viele Freund*innen kennengelernt. Eine WG wäre schon cooler, denn das Leben im Wohnheim hat auch einige Nachteile. Man hat ein kleines Zimmer und fühlt sich dort manchmal eingesperrt. Die Küchen sind anonym und dreckig. Man kocht halt und dann geht man in sein Zimmer.”

Furios: Wie kann man sich den Wohnraum vorstellen?

Johannes: „Jeder hat ein Einzelzimmer. Das Bad teilt man sich zu zweit und die Küche zu acht. Es gibt lange Gänge wie im Gefängnis oder im Krankenhaus. Dort ist das Licht immer an. Im Sommer gibt es Insekten, zum Beispiel Motten, Spinnen und Libellen. Kakerlaken auch. Sie sind einmal geschlüpft und kommen jetzt jedes Jahr wieder. Sie kommen aus dem fünften Stock und arbeiten sich nach unten.”

Furios: Damit muss sich wohl irgendwie arrangieren – oder gleich selbst dafür sorgen, dass es hier erträglicher wird. Seit drei Jahren bist du in der studentischen Selbstverwaltung (SV) des Wohnheims und seit drei Semestern sogar ihr Präsident. Aber was ist die SV eigentlich?

Johannes: „Die SV sind Bewohner*innen, die sich freiwillig engagieren. Das Ziel ist, Gemeinschaft zu bilden. Das Leben weniger anonym zu machen. Das ist zumindest mein Ziel. Ich habe die Satzung nie gelesen. In unserer Bar veranstalten wir Events.  Die Spieleabende und Partys sind immer cool. Bei den Karaokeabenden singe ich jedes Mal “Total Eclipse of the Heart” von Bonnie Tyler. Das letzte Mal war meine beste Performance. Weiterhin gibt es ein Gym, einen Musikraum und Hochbeete, die die Bewohner*innen nutzen können. Außerdem verleihen wir die Karten für die Waschmaschinen. Das ist auch gleichzeitig unsere Haupteinnahmequelle.”

Furios: Das klingt nach viel Verantwortung. Was denkst du; welche Bedeutung hat die SV für die Bewohner*innen?

Johannes: „Eine sehr große. Ich wäre auf alle Fälle schon ausgezogen, wenn es die SV nicht gäbe. Es wäre richtig langweilig. Im Wohnheim mit so vielen jungen Menschen zusammen zu wohnen und Parties direkt Zuhause zu organisieren, kann man nur einmal im Leben. Außerdem ist es gut, einen Ort zu haben, der nicht gewinnorientiert ist.”

Johannes Heyde, Präsident der studentischen Vertretung im Wohnheim Halbauer Weg, Foto: Ana Valentina Palacio

Furios: Ihr organisiert euch selbständig, wie läuft das ab? Kann jeder mitmachen?

Johannes: „Einmal pro Semester gibt es eine Wahl. Eigentlich wird jede*r in die SV gewählt, der sich aufstellen lässt. Je mehr Leute dabei sind, desto besser. Geld bekommt man nicht, aber einen Rabatt für die Waschmaschinen und kostenlose Getränke. Während des Semesters treffen wir uns einmal im Monat für ein Plenum. Dort planen wir Events, Käufe und sonstige Anliegen. Für kleinere Fragen haben wir eine Telegram-Gruppe. Wir laufen uns aber sowieso oft über den Weg und können dringende Angelegenheiten direkt besprechen.

Das StudierendenWERK Berlin ist sozusagen unser “Chef”. Wir schicken ihm Protokolle von unseren Sitzungen und bekommen einmal im Monat Geld zur Verfügung gestellt. Bei größeren Anschaffungen können wir zusätzliche Anträge stellen.”

Furios: Was sind deine Aufgaben in der Position des Präsidenten?

Johannes: „Ich betreute ich den E-Mail Account und muss manchmal etwas unterschreiben. Auch die Vorbereitung der Wahlen gehört dazu. Außerdem bereite ich die Treffen vor und moderiere sie.”

Furios: Läuft es bei den Treffen immer harmonisch ab?

Johannes: „Durch die SV entstehen viele Freundschaften. Ich kannte meine Nachbar*innen kaum. Aber dann bin ich der SV beigetreten, um Leute kennenzulernen und das hat funktioniert; alle meine Freunde aus dem Wohnheim kenne ich durch die Bar. Aber klar, es gibt auch mal Drama.”

Furios: Das macht mich natürlich neugierig. Was führt zu diesem Drama? 

Johannes: „Intern gibt es ab und zu Streitigkeiten, wie wir das Geld am besten ausgeben. Es kann auch zu Diskussionen mit Nicht-SV-Mitgliedern kommen. Gerade gibt es zum Beispiel Beschwerden, da einige Personen spät abends laut Musik spielen und damit andere Anwohner*innen stören.”

Furios: Also bekommst du sehr viel “Gossip” aus dem Wohnheim mit?

Johannes: „Ja! Ich werde auch oft gefragt: ‘Gibt es etwas Neues im Wohnheim?’. Vor allem Leute, die ausgezogen sind, fragen mich nach neuem Gossip.”

Furios: Möchtest du den Gossip mit uns teilen?

Johannes:„Lieber nicht.”

Furios: Schade. Dann lass uns über etwas anderes sprechen. Seit wann gibt es die SV eigentlich?

Johannes: „Mindestens seit den 90ern. Wir haben im Lagerraum mal Aufzeichnungen von damals gefunden. Aus den Protokollen kann man entnehmen, dass die Gruppe damals ihre Treffen in einem Restaurant abgehalten hat. Einmal gab es eine krasse Party mit Livemusik. Da haben die 3000 D-Mark ausgegeben.”

Furios: Wie es aussieht, war und ist hier immer einiges los. Was sollte man noch über die SV wissen?

Johannes: „Es ist mehr als hinter der Bar stehen und saufen. Man muss putzen, einkaufen gehen, arbeiten. Oft schreibt mir jemand um zehn Uhr abends und will etwas, zum Beispiel, weil er nicht ins Gym reinkommt. Ich denke manchmal: ‘Was soll ich da jetzt machen?’. Es nimmt mehr Zeit in Anspruch als man denkt.”

Furios: Werfen wir zum Schluss noch einen Blick in die Zukunft. Auf welche kommenden Events freust du dich?

Johannes: „Ich habe Lust, mal einen Bingo-Abend zu organisieren. Als nächstes steht aber erstmal eine Sommerparty mit Lagerfeuer an. Ich möchte unbedingt Frozen Margaritas mixen!”

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