»Manchmal ist Stille das Einzige, was man geben kann«

Leonie arbeitet ehrenamtlich als ambulante Sterbebegleiterin. Im Interview spricht sie über ihre erste Begleitung, die Kraft der Stille und die (Un-)Sichtbarkeit des Todes.

Illustration: Amelie von Nitzsch

Bei den Maltesern kann man sich für die ambulante oder stationäre Sterbebegleitung bewerben und führt zunächst ein Erstgespräch. Die sechsmonatige Ausbildung beginnt schließlich mit einem Grundkurs, bei dem man sich mit der Thematik des Sterbens beschäftigt. Man lernt Kommunikationsstile und setzt sich mit Spiritualität und möglichen Situationen, die auf einen zukommen können, auseinander. Anschließend gibt es Vertiefungskurse, wo man sich intensiver mit verschiedenen Themen wie Demenz, Schmerz oder (Palliativ-)Pflege beschäftigt. Dazu kommen ebenfalls Erste-Hilfe-Kurse oder ein Rollstuhltraining, bei denen man von Fachleuten auch praktische Tipps an die Hand bekommt. Zum Ende hin begleitet man als eine Art Praktikum das erste Mal eine ältere Person, bevor nach Ausbildungsabschluss die erste Sterbebegleitung folgt. Man ist bei all diesen Prozessen nicht alleine und kann sich jederzeit an die Koordinator*innen wenden.

Furios: Du bist Mitte zwanzig: Wie bist du zu dieser Art von Ehrenamt gekommen?

Leonie: Bis ich 24 Jahre alt war, hatte ich ehrlich gesagt keine Berührungspunkte mit dem Tod im näheren Umfeld. Vor zwei Jahren war ich dann nah dabei, als meine Oma verstarb. Auf dem Weg zu ihr ins Krankenhaus war ich ziemlich nervös und es kamen auch viele Fragen bei mir auf: Wie sieht das aus, wenn jemand – gerade eine vertraute Person – im Sterben liegt? Wie werde ich damit umgehen können? Natürlich war die Situation im Krankenhaus traurig, aber vor allem habe ich gemerkt, wie schön es ist und wie leicht es mir in diesem Moment fiel, für sie da sein zu können. Ich habe im Nachhinein noch oft daran gedacht, wie besonders das alles war und wie schrecklich, wäre sie dabei alleine gewesen.

F: Du hast deine erste Begleitung schon gemacht. Wie war diese erste Erfahrung für dich?

L: Meine erste Begleitung war wunderschön. Die Frau war – trotz zahlreicher Schicksalsschläge – wahnsinnig positiv und hat gerne erzählt. Sie konnte sich direkt auf mich einlassen und wir haben sehr viel gelacht, Scherze gemacht, sind in ihr Lieblingscafé oder zusammen einkaufen gegangen oder haben auch in der Einrichtung, wo sie gewohnt hat, viel über ihre Vergangenheit geredet. Ich habe sie etwa ein halbes Jahr begleitet und konnte sehr viel aus dieser Begleitung für mich mitnehmen. In bestimmten Momenten denke ich immer wieder an sie – ich habe ihr aus meinem Marokko-Urlaub auch etwas Kleines für ihr Grab mitgenommen, da wir sehr viel über das Land gesprochen haben.

Leonie. Foto: Anonym.

F: Wie hilft es den Personen, dass jemand wie du für sie da ist?

L: Es ist vor allem wichtig, dass man eine Regelmäßigkeit der Ablenkung schafft und den Personen auf einer menschlichen Ebene begegnet. Als Person von außen kann man den Menschen in Krankenhäusern, Hospizen oder anderen Einrichtungen eine Schwerelosigkeit in den Alltag bringen und hat vielleicht auch ein ganz anderes Ohr für persönliche Anliegen.

Das Gefühl, weiterhin ein Teil der Gesellschaft zu sein, ist enorm wichtig – schließlich sind diese Personen noch da.

F: Welche Rolle spielt Stille in deiner Arbeit?

L: Schweigen ist auf jeden Fall ein wichtiger Bestandteil. Es gibt viele Situationen, in denen Zuhören wichtiger ist, als krampfhaft zu versuchen, die richtigen Worte zu finden. Manche Gefühle und Situationen lassen sich nicht wegdiskutieren, da ist es wichtiger danebenzusitzen und mit zu »ertragen«. Es ist nicht immer nur ein guter Rat gefragt – man schweigt auch viel mit. Vor allem gegen Ende des Lebens sind viele Personen vielleicht auch gar nicht mehr in der Lage zu reden und schlafen viel. Da ist man dann trotzdem dabei, hält vielleicht die Hand der Person und zeigt so seine Präsenz. Einfach mal nichts zu sagen und der Person auch durch Schweigen ihren Raum zu geben, kann ebenso wichtig sein. Das musste ich als ehrenamtliche Sterbebegleiterin auch erstmal lernen.

F: Kann Stille mehr geben als Worte?

L: Ja, auf jeden Fall. Manchmal ist Stille das Einzige, was man in dem Moment geben kann, weil es keine Worte gibt, die die Situation besser machen.

Stille kann zeigen: Ich sehe dich und ich bin für dich da.

F: Wie gehst du in der Begleitung mit Mitleid um?

L: Ich würde so weit gehen, dass das Ehrenamt, wenn man mitleidet, vielleicht nicht das Richtige für einen ist. Mitfühlen tut man natürlich – wir sind schließlich alle Menschen – und der Tod mit allem, was dazu gehört, berührt einen als Sterbebegleiterin weiterhin. Ich persönlich gehe in das Ehrenamt, um jemanden zu unterstützen und finde, dass meine eigenen Gefühle bei der Begleitung fehl am Platz sind. 

F: In anderen Kulturen ist der Tod im Alltag deutlich präsenter: Der día de los muertos in Mexiko, Feuerbestattungen am Ganges in Indien. Würdest du dir hier mehr Sichtbarkeit wünschen? 

L: Obwohl ich es verständlich finde, dass das Thema so wenig besprochen wird – schließlich konfrontiert es einen mit der eigenen Sterblichkeit und löst bei vielen Angst aus – würde ich mir wünschen, dass das Thema Tod offener thematisiert wird, vielleicht auch schon im Kindesalter.

Denn Sterben gehört einfach zum Leben dazu und sollte meiner Meinung nach deshalb auch entsprechend behandelt werden.

Aufgefallen ist es mir vor allem auch im Arbeitsleben: Letztes Jahr habe ich leider meinen Vater verloren und hatte nach den gesetzlichen Regelungen lediglich zwei Tage frei – danach wird erwartet, dass man wieder da ist und funktioniert. Offene Gespräche werden in der Regel nicht darüber geführt, sondern die Thematik wird eher totgeschwiegen und so noch mehr verdrängt.

F: Was würdest du Personen, die im privaten Umfeld momentan eine Person in ihrem letzten Lebensabschnitt begleiten, gerne mit auf den Weg geben?

L: Zum einen, dass man sich in solchen Situationen auch immer an Dienste wie die Malteser wenden kann, um sich eine zusätzliche Stütze zu holen. Wir haben auch eine Trauerbegleitung, bei der wirklich kompetente und einfühlsame Menschen arbeiten und einem helfen können. Zum anderen, dass es vollkommen okay ist, dass man Angst vor dieser Erfahrung hat, aber man stärker ist, als man zunächst glaubt. Auch wenn es anfangs natürlich sehr schwer ist, sich nicht nur auf den Schmerz zu fokussieren, sondern eher den Blick darauf zu lenken, dass man der Person auf diesem Weg noch viel geben kann. Es ist für beide Seiten schön zu wissen, dass die Person nicht alleine ist – diese Menschlichkeit in so einer intensiven Zeit ist alles, was ich mir persönlich am Ende wünschen würde. Aus persönlicher Erfahrung kann ich sagen: Seid dankbar dafür, jemanden auf diesem Weg begleiten zu können, denn es ist die intimste Erfahrung, die ihr mit dieser Person teilen dürft.

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