Das Leben in Berlin ist laut. Eine der Hauptlärmquellen in der Stadt ist der Straßenverkehr. Doch nicht alle Berliner*innen sind in gleichem Maße von dem Problem betroffen. Über Ruhe als Privileg.

Lastwagen poltern vorbei, die Sirene eines Krankenwagens schrillt. An der Ampel warten ungeduldig hupende Autos. Jemand spricht hektisch in seine AirPods. An der Kreuzung Müllerstraße und Seestraße in Berlin-Wedding liegt die Lärmbelastung tagsüber bei über 75 Dezibel. Das ist ungefähr so laut wie eine Waschmaschine im Schleudergang – nur dauerhaft. Es ist nicht der einzige Ort in Berlin, der von Straßenlärm belastet ist.
Doch es gibt auch andere Geräuschkulissen in der Stadt: Berlin-Dahlem etwa. Hier hört man leise Vögel zwitschern, im Hintergrund rauscht sanft die U3. Jemand fährt langsam einen Volvo aus der Einfahrt. So klingt eine »sehr gute Lage«, wie sie die Stadt Berlin ausweist. Was zeichnet eine sehr gute Lage aus? Ein gepflegtes Umfeld, Grünflächen, gute Verkehrsanbindung. Und eine ruhige Wohnumgebung. Lärm ist in einer Stadt wie Berlin fast allgegenwärtig. Doch manche können ihm ausweichen. Ruhe ist ein Privileg, und wie andere Privilegien ist auch sie ungleich verteilt.
Was als Lärm empfunden wird, ist subjektiv. Vogelgezwitscher etwa, die richtige Musik am richtigen Ort oder das Lachen der eigenen Freundesgruppe sind zwar laute Geräusche, aber für viele Menschen kein Lärm. Lärm stört, so definiert es das Umweltbundesamt. Repräsentative Umfragen zeigen, dass es in Städten wie Berlin vor allem eine Lärmquelle gibt: den Straßenverkehr.
Um einen Überblick über die Verteilung von Lärm zu bekommen, erstellt die Stadtverwaltung alle fünf Jahre eine strategische Lärmkarte. Diese zeigt, welche Gebiete in Berlin besonders stark von Lärm belastet sind. Dunkellila bedeutet eine Belastung von über 75 Dezibel, weiß weniger als 55 Dezibel. Die Müllerstraße ist lila. Dahlem ist größtenteils weiß.
Lärm ist ungleich verteilt. Das ist nicht nur ein Berliner Problem: Internationale Studien – etwa aus den Niederlanden und den USA – zeigen, dass Menschen mit niedrigem Einkommen deutlich häufiger in stark lärmbelasteten Vierteln wohnen. Mit anderen Worten: Städte sind nach Lärmbelastung segregiert. Auch die Berliner Verwaltung weiß das. In einem Bericht zur Lärmbelastung aus dem Jahr 2014 stellt sie fest: »Zudem ist Wohnraum an lärmbelasteten Straßen oft schwer vermietbar, durch Segregation wird die soziale Mischung von Wohngebieten verschlechtert.« Dieser Zusammenhang ergibt sich nicht zufällig: Wohnungen in ruhigen Lagen sind teurer, das sieht der Berliner Mietspiegel vor. Die Bewertung einer Wohnlage als »ruhig« kann zu einer Mieterhöhung führen. Eine Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zeigt: Immobilien, die in der Einflugschneise von Flughäfen und damit vom Fluglärm betroffen sind, verlieren an Wert. Als der Flughafen BER gebaut und eröffnet wurde, hat der »erwartete« Lärm zu einem Wertverlust der anliegenden Immobilien geführt. Die Konsequenz: Ruhe wird zur Ware, die sich nur wenige leisten können. Alle anderen müssen mit dem Lärm leben.
Diverse Studien machen seit Jahrzehnten klar: Dauerhafte Lärmbelastung kann Schlafstörungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Hörschäden verursachen. Das hat auch soziale Folgen: Kinder, die in lärmintensiven Gegenden aufwachsen, schneiden laut Forschung im Schnitt schlechter in der Schule ab.
Was tun? Eine Stadt wie Berlin wird nie lautlos sein. Das sollte auch nicht das Ziel sein. Gegen die verkehrsbedingte Lärmbelastung können wir uns wehren, indem wir sie aus dem Stadtbild verdrängen: Verkehrsberuhigte Zonen und Fahrradwege statt Autobahnen durch die Berliner Innenstadt. Das ist nicht nur gut fürs Klima, sondern auch für den sozialen und kulturellen Zusammenhalt und die Gesundheit der Berliner*innen. Denn nur so kann Raum für Geräusche entstehen, die wir als schön empfinden: Das laute Lachen der spielenden Nachbarskinder. Die Lieblingsmusik aus dem Bluetooth-Speaker. Die Gespräche unter Freund*innen. Das Klirren der Gläser. Ein Leben ohne schleudernde Waschmaschinen.
