Der Täter von nebenan

Die Straße ist so dunkel wie die Dunkelziffer der sexuellen Übergriffe. Frauen laufen mit Schlüssel bewaffnet nach Hause. Fliehend vor potentiellen Tätern, die ihnen etwas antun wollen, hin zu möglichen Tätern, die sich ihre Partner nennen. Ein Kommentar zur sexuellen Gewalt in Deutschland und den Mythen um die Täter.

Illustration: Enya Denzel

>> Triggerwarnung: Dieser Beitrag thematisiert sexualisierte Gewalt. <<

Fast 60 Prozent aller Frauen in Deutschland erleben einen sexualisierten Übergriff im Laufe ihres Lebens. Die Zahlen steigen. Im Jahr 2023 waren 52.330 Frauen und Mädchen Opfer von sexualisierter Gewalt. Dabei sind über die Hälfte unter 18 Jahren. Expert*innen schätzen, dass nur etwa fünf bis 15 Prozent der Fälle angezeigt werden. Die Dunkelziffer ist hoch. Trotzdem scheint niemand in seinem Freundes- und Familienkreis einen Täter1 zu kennen.

Vergewaltigungsmythen halten sich hartnäckig. So haben die meisten Menschen das Bild eines Täters vor Augen, der Frauen im dunklen Park auflauert und sie bei Nacht vergewaltigt. Das kommt vor, ist aber die Ausnahme. Trotzdem sind es diese Berichte, die in den Medien überproportional beleuchtet werden. Auch im Familien- und Freundeskreis hält sich diese Geschichte. Daher wird den meisten jungen Frauen der Rat mit an die Hand gegeben, nicht alleine nach Hause zu gehen. Diese Ratschläge verzerren die Wahrnehmung und schützen die Täter. Denn die Realität sieht anders aus. Viele Taten passieren zuhause, durch Partner. Die eigenen vier Wände: für Frauen der gefährlichste Ort. Daneben gibt es viele Täter aus dem direkten sozialen Umfeld, darunter Bekannte, Nachbarn und Freunde. Weniger als 20 Prozent der Taten werden durch Fremde begangen. Nur ein sehr kleiner Teil findet in der Öffentlichkeit statt. Da die Dunkelziffer sehr hoch ist, sind Aussagen zu den Zahlen schwierig, auch weil die Opfer die Täter oftmals zwar kennen, aber aus Angst lieber schweigen. Also hört auf, Frauen zu raten, sich von potentiellen Tätern auf dem Heimweg begleiten zu lassen.

Weiter muss die Stille der Gesellschaft aufhören. Kaum jemand scheint ein Opfer zu kennen, weil diese sich nicht trauen, das Erlebte zu erzählen und gegen die Scham ankämpfen müssen. Noch interessanter ist jedoch, dass keiner einen Täter zu kennen scheint. Trotz der hohen Fallzahlen gibt es wohl keine Täter. Mein Bruder, mein Kumpel, mein Sohn – »Nein, die können keine Täter sein.« Diese Stille schützt jedoch nur die Täter.

Durch die Zahlen ist klar, dass sich die Täter meistens im Freundes- und Familienkreis befinden. Diese Tatsache ist selbstverständlich schmerzlich, ändert aber nichts daran, dass wir uns damit befassen müssen. Es kann nicht sein, dass  aus Scham und Sorge, es den Tätern schwer zu machen, Opfer weiter schweigen. Hinzu kommt, dass die Opfer sich nicht sicher sein können, dass ihr Umfeld angemessen reagiert, wenn sie ihr Schweigen brechen. Natürlich möchten sich Menschen nicht damit auseinandersetzen, dass ihre Söhne, Freunde und Väter sexuelle Übergriffe begehen. Aber wenn die Konsequenz Stille ist, dann wird die Last nur an die Opfer weitergegeben.

Debatten über sexuelle Übergriffe hinterlassen zudem oft verzerrte Bilder der Täter. In Deutschland werden Missbräuche, die von Migranten begangen werden, immer wieder instrumentalisiert. So nutzen rechte Parteien wie die AfD den Diskurs und verschieben ihn durch Othering weg von dem eigentlichen Problem – die Täter sind nicht die anderen, sie befinden sich in der Mitte der Gesellschaft. In unseren Familien und Freundeskreisen. Wir müssen aufmerksamer und genauer in unser soziales Umfeld schauen.

Tatsächlich gibt es inzwischen viele Männer, die sich mit dem Thema auseinandersetzen und ihr eigenes Verhalten reflektieren. So weit so gut. Aber wo sind diese woken Nicht-Täter, wenn Übergriffe passieren. Weiterhin schauen sie weg, wenn Frauen hinterhergepfiffen wird, wenn Frauen in der Bahn unangenehm angestarrt werden, wenn Frauen obszöne Gesten gezeigt werden, wenn Frauen »Süße«, »Puppe« oder »heiße Braut« hinterhergerufen wird, wenn Frauen auf einer Party an Brust oder Po gefasst wird. Dann bleiben sie still. Warum greifen sie nicht ein und sagen zu ihrem Kumpel, Bruder, Sohn: »Sag mal, hackt’s«? Warum schweigen sie? Obwohl sie doch immer so laut sind? Zuschauen und nichts tun ist strafbar.

Gisèle Pelicot hat mit dem Prozess gegen ihren Mann 2024 für viel Aufmerksamkeit gesorgt und die Debatte über das »Ja heißt Ja«-Gesetz neu angefacht. Sie wurde über Jahre von ihrem eigenen Ehemann systematisch betäubt und über Internetplattformen anderen Männern zur Vergewaltigung angeboten. Insgesamt wurden 51 Männer angeklagt. Die Rechtfertigung der Männer war vor allem, dass Pelicot sich nicht gewehrt habe. Ihr bewusstloses Schweigen und ihre Regungslosigkeit bedeuteten für die Täter offensichtlich nichts. An diesem Fall wird auf eine extreme Weise sichtbar, weshalb es ein Umdenken in der Vorstellung von Zustimmung geben muss. Wieso reicht das Schweigen der Opfer während der Tat nicht aus?

Während des Prozesses sagte Gisèle Pelicot den inzwischen berühmten Satz: »Die Scham muss die Seite wechseln« – und die Stille muss aufhören.

Unter der Nummer 08000 116 016 findet ihr das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen.

  1. 99% der Täter*innen sind männlich, daher wird hier das Maskulinum verwendet.
    ↩︎

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