Viele junge Menschen zieht ihr Studium aus der Heimat in eine neue Stadt. Besonders der Umzug vom Land in die Metropole stellte für unsere Autorin Emilia Portwich einiges auf den Kopf. Über den Kontrast zwischen scheinbar endloser Stille und ewiger Reizüberflutung.

Berlin, Samstagmorgen. Ich scrolle durch meinen Instagram-Feed. Flohmarkt, Vernissage, Rollschuhdisko. Ich speichere alles ab – wie so viele Male zuvor. Diese Beiträge landen in einem Ordner, in dem schon hunderte andere Pläne verstauben – nie besucht, nie wieder angeschaut. Ich könnte heute trödeln gehen, mich in Kunst verlieren oder beim Rollschuhfahren versuchen, mir nicht den Knöchel zu verstauchen.
Früher war das anders. Ich bin erst vor drei Jahren fürs Studium nach Berlin gezogen. Aufgewachsen bin ich in einem Dorf mit zweitausend Seelen, da konnte von einem Überangebot bei der Freizeitgestaltung keine Rede sein. Nichts ist für mich herausfordernder als die Frage: »Woher kommst du?« – weil richtig in der Nähe war eigentlich nichts.
Auf dem Land wird gewartet – auf Busse, Züge, den nächsten Jahrmarkt. Währenddessen werde ich in Berlin von kulturellen Veranstaltungen überschwemmt. Ob ich heute zur Rollschuhdisko gehe oder doch nur im Mauerpark in der Sonne liege – keine Ahnung. Aber ich könnte. Und das ist der Unterschied.
Orte für Jugendliche gab es in meinem Dorf nicht wirklich, und wenn doch, waren sie schwer erreichbar. Der Jugendclub neben dem Bürgerhaus war klein und muffig. Der Geruch von Zigarettenrauch hatte sich in der Tapete festgesetzt. Flecken von billigem Alkohol zierten die Sofapolster. Am Boden blieb ich oft mit den Schuhen kleben. Wohlfühlen? Eher nicht. Zutritt erhielt ohnehin nur, wer einen der wenigen Schlüssel hatte. Andere Gleichaltrige hatten sich an der Bushaltestelle oder am Bahnhof eingerichtet, von dem nur alle zwei Stunden ein Zug fuhr. Dort störte der laute Bass der Musikboxen niemanden. Wenn ich mit meinen jüngeren Geschwistern spreche, die noch in meiner Heimat wohnen, muss ich feststellen: Seit ich weg bin, hat sich nichts geändert.
In Berlin rast die Zeit und mit ihr die Veränderungen. Hier ein neues Café, dort ein neuer Nagelsalon. Die Stadt ist voller Baustellen und ich befinde mich mittendrin, oft ein bisschen verloren. So richtig still ist es eigentlich nie. Aber wollte ich es nicht so?
Meine Mutter habe ich als Jugendliche ständig mit der Frage genervt: »Mir ist so langweilig, was kann ich machen?«. Zu oft habe ich mich auf das Ticken der Uhr und das Kreisen der Zeiger konzentriert. Die Zeit schien rückwärtszulaufen. Es fiel mir damals so schwer, die Stille zu ertragen.
Und doch: Die Langeweile ließ Raum für Kreativität. Für Spontaneität. Ich fuhr mit dem Rad einfach los, klingelte ohne Ankündigung bei Freundinnen. Weil es keine richtigen Orte für uns gab, schufen wir sie selbst: am Bachufer, im Hühnerstall, im verwahrlosten Diskusnetz am Sportplatz, in einem vergessenen Bunker am Feldrand. Wir sprangen im Heu, pflückten Erdbeeren, stibitzten Mais vom Feld, badeten im Teich, fuhren im Winter darauf Schlittschuh. Manchmal lagen wir einfach nur im Garten auf der Wiese und rochen das frisch gemähte Gras.
In Berlin hingegen schöpfe ich aus scheinbar unendlich vielen Möglichkeiten. An jeder Ecke wartet ein neues Angebot, eine neue Verlockung. Theoretisch ein Paradies – praktisch aber oft das Gegenteil. Die Fülle an Möglichkeiten schlägt schnell in Überforderung um. Entscheidungen treffen? Schwierig. Sich mit jemandem verabreden? Noch schwieriger. Denn was, wenn noch etwas Besseres kommt? Diese permanente Unverbindlichkeit, dieses ständige vielleicht zieht sich durch den Alltag. Niemand will sich festlegen, denn Festlegung bedeutet Einschränkung. Und wer schränkt sich schon gerne ein in einer Stadt, die für grenzenlose Freiheit steht? Doch genau darin liegt das Paradox: Je mehr man sich alles offen hält, desto weniger passiert. Möglichkeiten bleiben Möglichkeiten, statt Wirklichkeit zu werden. Am Ende bleibe ich erschöpft zurück, ohne wirklich etwas erlebt zu haben.
Kultur auf dem Land funktioniert anders. Im Zentrum: Tradition und Gemeinschaft mit einem Hauch von Alkohol. Alle feuerten die eigene Fußballmannschaft an, laute Zwischenrufe, Arme über dem Kopf zusammengeschlagen und am Ende das Spiel bei Bratwurst und Bier ausklingen lassen. Hier schien die Welt noch in Ordnung zu sein, insofern man nicht aus dem typischen Bild ausbrach.
Auch Diskos – liebevoll Dorfdissen genannt – wurden von Vereinen organisiert. Dort kam der ganze Ort zusammen, alle tanzten zu den selben Songs, tranken die gleichen Getränke. Es war vertraut, manchmal etwas peinlich, aber gerade deshalb schön.
Nicht selten stellte sich neben der Frage nach dem Was auch die nach dem Wie. Wie komme ich zur Disko, wenn sie nicht in meinem Ort stattfindet? Wie komme ich abends ins Kino? Zum benachbarten Dorf konnte ich vielleicht noch laufen – meist aber war ich auf ein Auto angewiesen oder auf jemanden, der eines hatte. Die Frage war nie, ob man einen Führerschein macht, sondern wann es endlich so weit ist. Bis dahin war mein Highlight, wenn meine Freundinnen und ich uns alle paar Monate am Bahnhof verabredeten, um in die Stadt zum Schlendern zu fahren. Unpünktlichkeit konnte ich mir nicht erlauben. Ein Zug kam ja nur alle zwei Stunden.
Heute ist alles anders, zumindest für mich. In Berlin muss ich nichts planen. Ich schaue nicht mal nach den Abfahrtszeiten. Ich steige in die Bahn, steige aus, laufe los. Ich lande durch Zufall in Ausstellungen, auf kleinen Konzerten, bei Salsa-Abenden an der Spree. Ich liebe das – die Vielfalt, das Angebot, das Spontane. Und doch: Irgendwann kommt die Überforderung. Die Stadt ist voll, laut, rastlos. Menschen hetzen durch die Straßen – alle haben es eilig und kommen doch zu spät. In der U-Bahn: Blick aufs Handy, Kopfhörer in den Ohren. Menschen nebeneinander, aber nie miteinander. Man kennt sich nicht. Man grüßt sich nicht. Teilweise sieht man seinem Gegenüber nicht mal ins Gesicht. Auch das ist eine Form von Stille. Großstadt-Stille. Alles passiert um einen herum, aber man fühlt sich nicht als Teil davon. Man schwimmt einfach mit.
Mit der Zeit habe ich mich an den Trubel gewöhnt. Erst wenn ich wieder in der Heimat bin, erinnere ich mich daran, wie still es sein kann. In Berlin vergesse ich oft, wie es ist, wieder die Sterne sehen zu können oder abends nichts als das Zirpen der Grillen zu hören. Wirklich durchzuatmen – frische Luft, die sich nicht verbraucht anfühlt. Abends ist da kein Verkehr, kein Blaulicht. Da sind nur die Lichter der Windräder in der Ferne.
In solchen Momenten wird mir bewusst, wie sehr ich mich nach der Stille gesehnt habe – ohne es zu merken. Doch das hält nie lange an. Schon nach wenigen Tagen fehlt mir das Treiben, das Rauschen, die Freiheit – und ich merke: Ich vermisse Berlin. Ich bin hin- und hergerissen zwischen diesen beiden Welten, immer auf der Suche nach dem, was ich gerade nicht haben kann.
