Svenja Heinrichs ist Filmregisseurin und organisiert die Veranstaltungen der Filmreihe Feminist Time Travel. Die Filmreihe hat sich zum Ziel gesetzt, Filmemacherinnen zu fördern, die in Vergessenheit geraten sind oder kein großes Publikum erreichen konnten. Das nächste Screening findet am 09.09. im Filmrauschpalast Moabit statt. Gezeigt wird Auslandstournee von Ayse Polat. Das Interview führte Victoria Esenwein.
Wie ist euer Projekt entstanden? Was hat euch dazu bewegt?
Ich war sehr lange stilles Mitglied von Pro Quote. Während meines Regiestudiums habe ich nach einem Verband geschaut, der meine Interessen vertritt. Seit 2 Jahren will Pro Quote als politischer Verein auch mehr kulturelle Veranstaltungen machen und hat die Sparkassenförderung für Kulturprogramm erhalten. Dann wurde nach Personen gesucht, die Lust haben, das umzusetzen. Dafür habe ich mich gemeldet. Im Sommer 2024 haben wir uns dann zusammengesetzt und überlegt, wie wir die Reihe kuratieren können. Unser Ziel war es, Filmschaffenden FLINTA* Personen, die vielleicht seit Langem keine Bühne mehr haben oder in der Form noch nie hatten, zu geben. An ein Publikum, was vielleicht sonst nie auf diese Filme gestoßen wäre.

Was macht für dich einen „feministischen Film” aus?
Film ist immer politisch. Ein feministischer Film ist für mich ein Film, der Haltung bezieht, mit Filmschaffenden, die dahinter stehen und auch Haltung beziehen. Diese Haltung muss auch bei der Entstehungsgeschichte oder in den Produktionsbedingungen eine Rolle spielen. Wir müssen uns damit auseinandersetzen, was, wie und von wem erzählt wird und wie wir im Film dem männlichen Blick entkommen können. Flache Hierarchien und ein intersektional aufgestelltes Team sind dafür sehr wichtig.
Gibt es eine bestimmte feministische Strömung oder einen Gedanken, der oder die dich besonders interessiert?
Durch meine Arbeit sind mir auch Personen aus dem First und Second Wave Feminism begegnet. Mich interessiert, wie ihr Blick auf moderne feministische Bewegungen ist und welche Widersprüche und Streitpunkte innerhalb der feministischen Community bestehen. Jede Generation kämpft ihre eigenen Kämpfe, und trotzdem müssen wir zusammenarbeiten. Wir wollen Raum für Diskussionen bieten, deswegen versuche ich, für andere Positionen offen zu bleiben, und bin selber gerade nicht einer Strömung hinterher.
Wie verändert sich die Darstellung von Geschlechterrollen im zeitgenössischen Film? Gibt es dort eine Veränderung?
Es gibt Veränderungen, vor allem im Mainstream. Aber unterhalb des Mainstreams waren „unangepasste“ Geschlechterrollen schon immer vorhanden, sie wurden nur nicht gesehen oder haben keine Gelder bekommen.
Gibt es Filme, Regisseur*innen oder Filmpersonen, die dich besonders inspirieren?
Angelina Maccarone wegen ihrer Beschäftigung mit Klassismus. Gerade läuft ihr neuer Film „Klandestin“ im Kino. Inspirierende Positionen gibt es generell total viele. Das Bildnis einer Trinkerin von Ulrike Ottinger hat mich auch sehr begeistert. Maren Ade mag ich besonders, wenn es um das Erzählen von zwischenmenschlichen Beziehungen geht.
Was würdest du dir wünschen, was die Besucher*innen aus einer Veranstaltung mitnehmen können?
Wir wollen, dass die Leute nicht nur den Film schauen, sondern sich auch vernetzen, Banden bilden, Gleichgesinnte finden, miteinander reden. Die Filmbranche ist nach wie vor ein einsames Pflaster und patriarchal geprägt. Oft gibt es einen Wettbewerb unter FLINTA* Personen, statt Zusammenarbeit und gegenseitige Ermutigung. Wir wollen Mut darin schöpfen, dass dieser Kampf kein neuer ist und wir mit unseren Anliegen nicht allein sind.

Hast du eine spezifische Empfehlung oder einen konkreten Veranstaltungstipp?
Im Oktober zeigen wir von Tatiana Turanski Eine flexible Frau (2010). Tatiana ist vor vier Jahren verstorben, und war Mitbegründerin von Pro Quote. Sie hat Zahlen und das Erstellen von Studien über Gender in der Filmbranche gefordert. Ihren Film zeigen wir im Lichtblick, wo der Film als Teil ihrer Trilogie Frau und Arbeit auch uraufgeführt wurde. Es würde mich so interessieren, was sie über unsere heutige Arbeitskultur zu sagen hätte.
Kannst du mir etwas zu deiner eigenen Filmpraxis erzählen?
Ich mache seit zehn oder elf Jahren Film, und habe sehr lange gebraucht, zu verstehen, dass das ein Job ist – dass man Filmschaffende sein kann. Ich mache gerne Filme über soziale Wesen in antisozialen Gesellschaften, Einsamkeit und die Suche nach sozialer Verbindung.
Wie sind eure Forderungen und politischen Anliegen bei Pro Quote in die Auswahl der Veranstaltungen und Filme geflossen? Wie hat die Auswahl stattgefunden?
Aktuell ist unsere Kuratorin Stefanie Görtz vom Frauenfilmfest Dortmund Köln, es gibt jedes Jahr einen Wechsel. Leider können wir nur sechs Screenings im Jahr machen. Die Arbeit mit einer Kurator*in hat den Vorteil, dass ein Vorwissen und ein Überblick über die Filmgeschichte mitgebracht wird. Aktuell liegt unser Fokus auf deutschsprachigen Filmen, wir organisieren aber auch Soli Filmscreenings.
Die Frage der Kuration ist aber auch schwierig: Dieses Jahr sind ostdeutsche Positionen viel weniger vertreten. Außerdem wollen wir auch überlegen, wo wir die Filme zeigen. Wo können wir andere Zielgruppen erreichen und Menschengruppen aufeinandertreffen lassen, die sich sonst nicht treffen?
Welche Rolle spielt die Einbindung zusätzlich marginalisierter Personen bei eurer Veranstaltungsreihe? Wie garantiert ihr diese?
Dieses Jahr haben wir uns überlegt, dass jeder Film eine Patin an die Seite gestellt bekommt, die eine Verbindung zum Thema oder dem Film hat. Wir möchten durch Kooperationen mehr Betroffene zu Wort kommen lassen und Gesprächsrunden ermöglichen. Dabei möchten wir zum Beispiel mit dem Lesbian and Queer Film Festival zusammenarbeiten, aber auch politischen und sozialen Initiativen, deren Fokus nicht die Filmbranche ist.
