Wie geht es Belarus*innen fünf Jahre nach der von Aljaksandr Lukaschenka gestohlenen Wahl und was hat Stille mit Belarus zu tun? Ein Gespräch mit Julia Cimafiejeva, Lyrikerin und Übersetzerin aus Belarus, die nun seit fünf Jahren im Exil lebt.

Julia Cimafiejeva, Foto: Kaja Elena Schade
Am Lietzensee ist es ruhig. Die Sonne scheint, am Wasser ist es kalt und windig. Julia Cimafiejeva setzt sich auf eine Bank unter den Laubengängen und spricht über Belarus. Sie ist Lyrikerin und Übersetzerin und hat ihr Land im November 2020 verlassen.
Cimafiejeva spricht von Kunst, Politik, der Diaspora und inwiefern all diese Aspekte mit Stille zusammenhängen. Sie erzählt, dass es in Belarus fast schon eine Tradition der Stille gebe. Das Schweigen über Familienereignisse und die eigene Geschichte seien ein Erbstück der Sowjetunion. Die Repressionen und der Zwang des Schweigens unter Aljaksandr Lukaschenka sind ein Grund, weshalb Cimafiejeva mit ihrem Mann Alhierd Bacharevič – ebenfalls Autor – das Land verlassen hat.
Belarus*innen sind nach dem Zweiten Weltkrieg in die Städte gezogen und »versuchten, ihr Dorfleben zu vergessen, ihre Dorfgeschichten, weil das Dorfleben und das dörfliche Erbe in der belarusischen Gesellschaft stigmatisiert sind« erzählt Cimafiejeva. Hinzu kommt das Vergessen der eigenen Dialekte sowie des Belarusisch und Lukaschenkas Versuche, diese zu unterdrücken. Laut einer Studie von 2023 finden 99,2 Prozent der Kommunikation in staatlichen Institutionen auf Russisch statt.
»Der Staat tat so, als gäbe es uns nicht, und ignorierte unsere kulturellen und künstlerischen Projekte, und wir ignorierten sie.«
Seit den Protesten 2020 – die sich gegen das Regime Lukaschenkas und die gestohlene Wahl richteten – wird die belarusische Bevölkerung, darunter die unabhängige Kulturszene, stark unterdrückt. Ob belarusische Kunst automatisch politisch wird, weil Lukaschenka versucht, sie zum Schweigen zu zwingen? »Ja, natürlich«, erwidert Cimafiejeva. Die Kulturszene musste sich immer wieder mit der politischen Lage auseinandersetzen und arrangieren. So hatte in der Zeit der Sowjetunion Kunst immer politisch zu sein. »Man musste also Propaganda-Gedichte schreiben, um überhaupt als Dichter*in zu gelten«. Ab den 2000er Jahren folgte eine Zeit, in der Schriftsteller*innen Individuen sein wollten, was in gewisser Weise auf den Zusammenbruch der Sowjetunion zurückzuführen ist. Gleichzeitig konnten sie den Druck und die Repressionen des Staates nicht ignorieren, Lukaschenka war bereits seit 1994 an der Macht. Zwischen 2010 und 2020 entwickelte sich eine unabhängige Kulturszene in Belarus, die sich freier bewegen konnte und sich auch mit unpolitischen Themen beschäftigte. »Der Staat tat so, als gäbe es uns nicht, und ignorierte unsere kulturellen und künstlerischen Projekte, und wir ignorierten sie«. Wenn die Autor*innen auf Belarusisch schreiben, bleibt die Literatur jedoch in gewisser Weise politisch. »Das Schreiben in der belarusischen Sprache war unser Statement. Selbst wenn ich über meine Kindheit geschrieben habe, über Pflanzen, über den Wald…«
Die Beziehung zwischen Kunst und Politik veränderte sich 2020 erneut. »Wir mussten das Land wegen Lukaschenka verlassen, wegen dem, was passiert ist, weil wir ins Gefängnis gehen konnten, und ich denke, man kann nicht anders, als auch darüber zu schreiben.« 2021 veröffentlichte Cimafiejeva ihr Buch Minsk. Tagebuch, in dem sie über die Proteste und die Gewalt im Land berichtet.
Belarus*innen »versuchen, ihre eigene nationale Identität mithilfe der Kultur zu bewahren, mithilfe der Literatur, mithilfe der Musik, vielleicht mithilfe einiger Traditionen.«
Seit 2020 haben hunderttausende Belarus*innen das Land verlassen. Heute gibt es eine große Kulturszene im Exil. Wie schaffen es belarusische Autor*innen, ihre Leser*innenschaft zu erreichen? Die Diaspora habe Cimafiejeva zufolge seit den Protesten 2020 ein »riesiges Netzwerk« aufgebaut. Sie erzählt, dass ihre Generation nicht die erste sei, die Belarus verlassen musste. Somit sei der Weg bereits geebnet worden. Das Netzwerk ermöglicht es Cimafiejeva, ihre Kunst zu verbreiten. Belarus*innen »versuchen, ihre eigene nationale Identität mithilfe der Kultur zu bewahren, mithilfe der Literatur, mithilfe der Musik, vielleicht mithilfe einiger Traditionen«.
In dem Essay Manifest einer Gartenlosen schildert die belarusische Autorin Tania Arcimovich, wie sie im Exil damit konfrontiert wird, dass es in Belarus doch still sei, dass es keinen politischen Aufruhr gebe. Arcimovich’s Antwort darauf: »Genau, wie auf dem Friedhof.« Es ist für sie »eine Stille, die schreit und nicht weiß, wie sie noch lauter schreien soll, um gehört zu werden.« Wie Cimafiejeva auf so eine Aussage reagieren würde? »Wenn man einen Topf mit Deckel sieht, kann man nicht sagen, was im Inneren vor sich geht. Nur wenn er gerade kocht und die höchste Temperatur hat, dann kann man das sagen.« Stille fungiert als Abdeckung. »Es gibt natürlich eine Menge Dinge, die in Belarus vor sich gehen. Die Leute müssen einfach über die Unterdrückungen schweigen. Die Stimmen der Menschen im Land werden immer leiser und leiser.«
Derzeit gibt es über 1400 politische Gefangene in Belarus (Stand: Mai 2025). Im Januar 2025 gab es erneut »Wahlen« – »der letzte Diktator Europas« verkündete seinen Sieg mit knapp 87 Prozent. Noch immer werden Belarus*innen für die Teilnahme an den Protesten 2020 verfolgt. Das Tragen von rot-weißer Kleidung – die Protestfarben – oder das Liken von Social-Media-Posts können zu Festnahmen und Geldstrafen führen. So werden Cimafiejevas Zeilen aus My European Poem, die sich auf Proteste von 2017 beziehen, erneut zur Wirklichkeit: »In order to be arrested or beaten […] I won’t have to do anything, Just stand silently, just be.«
