Warum eine Abwesenheit von Geräusch nicht immer Stille ist. Ein kreativer Text von Antonia Wunderlich

Just in diesem Moment erinnere ich mich daran, wer die Stille ist. In welcher Gestalt sie mir begegnet, wie sie mich umgrenzt, umarmt, streichelt, erdrückt. Sie gibt sich immer nur langsam zu erkennen.
Stille, in der Nacht, ist zu bevorzugen. Ich schlafe mit Ohrstöpseln im Ohr – meine Mutter schickte mir damals ein 100er-Pack voller kleiner, neonfarbener Schaumzylinder. Die absolute Stille, diese Stille, die ich mag, diese Stille, die ich auch brauche, bekommt durch den Schaum einen Körper – und zerstört dabei jede wahre Stille:
Mit dem Pochen meines Herzschlags ebbt die Stille aus meiner Ohrmuschel, vergeht in einem Meer von Unruhe.
DIE STILLE WIRD LAUT, RHYTHMISCH UND VORHERSEHBAR. DIE NICHT STILLE STILLE WIEGT MICH IN DEN SCHLAF.
Stille ist Venus. Ihre Schönheit betäubt mich, ihre Schönheit macht mich still – die Geburt aus der See zieht eine jede Zeugin in den Bann. Stille ebbt. Wie Wellen trägt sie sich in meine Ohrmuschel. Die Schallwellen weichen Schallloswellen. Der Stille tiefe Gewässer schwimmen ein und aus – nehmen Raum ein und weisen Räumlichkeit ab.
Stille ist Mutter. Stille nimmt mich in den Arm am Ende des Tages, bringt mich ins Bett und wiegt mich in den Schlaf. Wenn es dunkel ist, ich zugedeckt bin und meine Augen schließe, freue ich mich, dass die Stille da ist und mich so sehr liebt.
Stille ist Freundin. Sie folgt mir durch den Tag, kommt manchmal heraus und heißt mich willkommen in vertrauter Atmosphäre. Ihr Lächeln erfrischt mich. Jede Sekunde fühlt sich an, wie zehn Minuten beobachten, wie sich das Licht in den Wellen bricht. Des Ruheabteils befreundete Stille zum Beispiel blicke ich immer mit müden Augen und einem freudigen Lächeln entgegen.
Freundin wird Feindin. Sie bleibt zu lange bei mir. Feindin kitzelt meine Nase, sträubt meine Haare, und bringt mich dazu, unüberlegte Dinge zu sagen, um sie zu bekämpfen – oder, damit ich der Stille entkomme. Ich weiß nicht, wer hier die Oberhand hat. Wie Jeanne d’Arc erhebe ich mich im Angesicht dieser Stille. Erhobenen Hauptes stürze ich mich in die Schlacht und versuche die Lautlosigkeit, das TIEFE GEWÄSSER mit unüberlegten Bemerkungen und Geheimnissen in die Knie zu zwingen.
Stille ist Fremde. Sie mischt sich in unsere Unterhaltung ein und merkt nicht, dass wir wollen, dass sie verschwindet. Sie ist doch gar nicht erwünscht. Mit Ach und Krach versuchen wir der Stille klarzumachen, sie solle sich verziehen. Die Stille bleibt heiter neben uns stehen, und wir tun so, als wäre sie nicht da. Der Stille Präsenz, so störend, ein reinster Dorn in AUGE und OHR, lässt sich leider nicht so leicht ignorieren.
Stille ist Prophetin. Sie fliegt aus dem Himmel herab, belebt die Welt mit elektrisierender Energie. Sie sorgt dafür, dass wir die Augen heben, einatmen und nicht mehr ausatmen, innehalten und es ihr gleich tun. Die Stille flüstert uns zu, dass gleich etwas Großes kommt.
Stille Wasser sind tief.
STILLE FLIEßT AUS MIR HERAUS. Die Prophetin taucht auf und verkündet still. Ich, stille Jungfrau, gebäre Venus, Mutter, Freundin, Feindin und Prophetin. Sie sind laut. Ich stille. Sie nehmen mich ein, zwingen meinen Körper zur Stille, zwingen meinen Mund zur Stille, zwingen mich in eine Scham,
wenn mein Körper,
mein Ich,
Ich
ein Geräusch macht.
Die Stille, die doch von irgendwo her kam, und bald wieder in den Gewässern meines Körpers versinkt, zwingt mir Tränen in die Augen und einen Kloß in den Hals.
Ich hole ihn aus meinen Rachen und gebe ihn der Stille zu Fressen.
