Lordes Album Virgin – Soundtrack des Sommers?

Lorde ist zurück und inszeniert sich als befreite Künstlerin. Auf ihrem neuen Album dokumentiert sie im Elektro-Sound Transformation, Heilung und Extase. Eine Rezension von Ida Weise.

Ein Albumcover, das unter die Haut geht. © Universal Music

Virgin dauert nur 34 Minuten. Es ist Lordes viertes Studioalbum, erschienen am ersten Freitag des kalendarischen Sommers. Obwohl die Veröffentlichung ihres letzten Albums vier Jahre zurückliegt, ist die Musikerin seit vergangenem Jahr scheinbar überall. Grund dafür ist ihr Feature auf Charli XCXs Brat-Remix-Album. In ihrem Part auf dem Song  Girl, so confusing singt Lorde über toxische Dynamiken der Musikindustrie, gestörtes Essverhalten und weibliche Unsicherheit. Der Song war sowohl klanglich als auch thematisch ein Vorgeschmack für Virgin. Die neue Präsenz Lordes, und die baldige Ankündigung ihres eigenen Albums brachten Momentum. 

Dass Lorde diesmal tief blicken lassen will, ist schon am Cover des Releases zu erkennen. Das ziert ein Röntgenbild ihrer Hüfte: Knochen, Gürtelschnalle, Reißverschluss und Spirale, ein T-förmiges Verhütungsmittel. Lorde bezeichnete Virgin als künstlerische Wiedergeburt, es geht um ihr Innerstes, Transparenz und um ihr Verhältnis zu Weiblichkeit. Sie habe etwas schaffen wollen, das „pure and raw” ist, die meisten Lyrics ohne vorher ausgearbeitetes Songkonzept verfasst, und in ihrer Schonungslosigkeit an die Grenze zum Unangenehmen gehen wollen, erklärt sie dem Rolling Stone

Das spürt man bei den Songs, die explizit eine Trennung der Sängerin, den Kampf mit einer Essstörung während der Promo-Phase ihres letzten Albums und Sexualität nach dem Absetzen der Pille thematisieren. „Don’t know if it’s love or if it’s ovulation“ heißt es auf Hammer, dem Opener des Albums. Auf Clearblue singt Lorde lakonisch (und titelgetreu) über einen gemachten Schwangerschaftstest, auf Broken Glass zu einem Retro-Club-Beat über einen Sommer, den sie an Selbstzweifel und Gewicht-Obsession verlor. Weitere von Lordes neuen Texten behandeln ihr Älterwerden und, wie so oft, damit einhergend ihre Beziehung und Ähnlichkeit zu ihrer Mutter. Auf Current Affairs fragt sie leidend: „Mama I’m so scared/ Were you ever like this?“. Lyrics wie diese zeichnen das Bild einer neuen Verletzbarkeit, die Lorde in düster-tanzbaren Sound übersetzt. 

Die musikalische Emanzipation findet sich vor allem im Beenden ihrer Zusammenarbeit mit Star-Produzent Jack Antonoff, der ihre letzten beiden Album (mit)produzierte. Virgin erinnert eher an ihr erstes Album Pure Heroine und an dessen dunklen, reduzierten Sound. Die Instrumentierung fast aller Songs bleibt minimalistisch, rohe Synthesizer schaffen metallisch-elektronischen Dance-Pop. Immer wieder tauchen Dancebreaks auf, die den Songs zwischen Lordes Stimme Raum für Experimente geben. Auf Man of the Year, neben What Was That und Hammer, die dritte Single des Albums, gelingt die Verbindung von markantem Sound und schonungslosen Vocals am eindrucksvollsten. Lorde besingt Ängste, Limbo und Schmerz nach einer gescheiterten Beziehung und erhebt sich zum instrumentalen Höhepunkt des Songs mit ganz besonderer Stimmgewalt. Gehauchte Laute nach dem kraftvollen Chorus wirken wie eine Rückkehr zu einer ruhigen Stärke. 

Nicht jeder Song erreicht diese Intensität. Es mag an der Kürze und der Dichte rhythmischer Experimente und aufgeladenen Texten liegen, dass einige Songs generisch und unvollendet wirken. Doch überwiegen die starken Momente des Albums, in denen Lorde  den Hörer*innen ihre Gefühle anvertraut, wieder entreißt und sie mit aller Synthesizer-Gewalt mit sich zieht  und das in Richtung Clublicht. 
Folgt auf Brat Summer jetzt ein Lorde Summer? Klar ist: Mit kompromisslosem Synthpop und ungefilterten Texten trifft Lorde den Nerv der Zeit. Man kann Virgin sicherlich auch kommerzielles Kalkül unterstellen, insbesondere nach dem vergleichsweise bescheidenen Erfolg des dritten Albums. Dieser Gedanke schmälert allerdings nicht die Wucht der Songs, auf denen Lorde schonungslos und mit gewaltiger Stimme ihre Selbstermächtigung besingt. Das steckt an. Vielleicht wird es ja nach dem verregneten Juli doch noch ein Sommer, der sich nach neuem Erwachen anfühlt. 

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