Stille füllen oder Stille füllen fürchten? Im Alltag drehen sich tausende Erwartungen darum, wie wir zu kommunizieren haben – und wir drehen uns mit.

Auf leeren Stühlen liegen Handtaschen oder Jacken. Leere Blicke richten sich auf Smartphones und Laptopdisplays. Wo soll man sich hinsetzen, damit die Dozentin einen nicht ständig aufruft? Wo, um unbeholfene Gespräche zu vermeiden? Genau diese Situation wollte man eigentlich verhindern und ist extra früh losgefahren. Wäre da nicht die U3, die einem wie so oft einen Strich durch die Rechnung macht. Wie einfach wäre das Leben, wenn man die eigene Persönlichkeit wie bei Avataren in einem Videospiel regulieren könnte. Small-Talk-Skills? Auf hundert Prozent, bitte! Stattdessen schlägt man sich andauernd mit Sorgen darüber herum, wie andere einen wahrnehmen.
| Wenn du in einer Seminardiskussion still bleibst, heißt das, du hast die Lektüre nicht gelesen, du stimmst mit all dem, was gesagt wird, überein oder du bist schlicht und einfach desinteressiert daran, was vor sich geht. Es heißt schließlich »aktive Teilnahme« – und aktiv ist man ja nur, wenn man den Mund aufmacht, richtig? | Es heißt, wenn du viel sprichst, weißt du alles besser als die anderen oder überspielst, dass du eigentlich gar nichts so richtig weißt, willst angeben mit deinen Antworten oder hörst dich selbst wohl sehr gern reden. Wer schlagfertig ist, ist frech, wer laut ist, respektlos. |
Wie zwei Seiten einer Münze, die am Ende doch immer falsch herum landet. Tausende Ratgeber im Internet versprechen Heilung: von »Sieben Schritte, extrovertiert zu werden!« bis »Bist du es leid, dass dir die Worte fehlen?«. Aber es gibt auch solche, die helfen sollen, Stille wertzuschätzen, Alleinsein auszunutzen, Energie in Selbstreflexion statt ins Sprechen zu investieren, anderen Raum zu geben. Redeangst muss also überwunden werden – aber die Angst vor Stille auch. Wohin winden wir uns überhaupt?
Typologien: Sie sind besonders spannend mit circa 13 Jahren, wenn man Antworten auf die großen Fragen des Lebens in Online-Quizzen sucht. Introversion bezeichnet eine nach innen gewandte Haltung, Extraversion eine nach außen gerichtete. Während introvertierte Menschen ihre Aufmerksamkeit und Energie nach innen richten, lieber passiv beobachten als zu handeln, ist es für Extrovertierte anregend, sich mit anderen auszutauschen. Aber was verraten diese Typen uns wirklich über uns selbst? Ist einer besser als der andere?
Wie so häufig liefert die Wissenschaft viele Informationen. Studien zeigen, dass die Hirnregionen für Erinnerung, Problemlösung und Planung introvertierter Menschen aktiver und besser durchblutet sind als die extrovertierter Menschen. Diese würden hingegen erhöhte Aktivität in Teilen des Gehirns aufweisen, die für sensorische Prozesse zuständig sind. Extrovertierte würden schneller denken, Introvertierte mehr Informationen miteinbeziehen. Wer in der Jugend extrovertiert war, sei im Alter glücklicher. Allerdings handele es sich bei der Introversion-versus-Extroversion-Debatte ohnehin um ein Kontinuum statt um Gegensatzpaare. Und welcher Grad auf diesem Kontinuum der richtige sei, naja, das könne man objektiv nicht sagen. Wie so häufig liefert die Wissenschaft also leider keine Handlungsempfehlungen.
Vielleicht löst Anpassungsfähigkeit alle Probleme. Schließlich sind Persönlichkeiten nicht nur verwirrend, sondern durchaus auch dynamisch. Wenn sich ein unangenehmes Schweigen über die ausgewürfelte Arbeitsgruppe legt, lassen sich einige Hemmungen schneller ablegen, als man meint. Und wenn sich zwei der Gruppenmitglieder schon bei Aufgabe (A) in einem verbalen Boxring befinden, fällt es gar nicht mehr so schwer, Ideen für sich zu behalten. In einigen Situationen richtet man die eigene Persönlichkeit auf andere aus. Sollte man sich am Ende einfach darin trainieren, ein besseres Chamäleon zu sein?
Viel liegt aber weit jenseits von schlichten Persönlichkeitstypen. Zum Teil stecken charakterliche Unterschiede in der DNA. Die Gene bestimmen tatsächlich mit, wie schüchtern, draufgängerisch oder stressresistent man ist.
| Für Menschen mit Social Anxiety ist Stille keine Vorliebe, sondern Schutzmechanismus und Notwendigkeit. Aber: Wer schweigt, über den wird geredet. Wer nichts sagt, der hat auch nichts zu sagen. Solche Gedanken blockieren dich nur noch mehr. Auf TikTok schwört man auf Rejection Therapy: ein Trend, bei dem du dich unangenehmen Situationen aussetzt, um zu lernen, mit Ablehnung umzugehen. Das nächste Mal in der Eisdiele fragen, ob du dir deine Eiskugeln selbst in die Waffel machen kannst? Stirnrunzeln garantiert. | Hereinspaziert in das Gehirn von Menschen mit ADHS. Für sie ist es oft keine bewusste Entscheidung, die Stille zu füllen, sondern einfach nur ein Versuch, mit ihren Gedanken Trab zu halten – drei Fahrten im Gedankenkarussell zum Preis von einer. Ist der eine Gedanke noch nicht beendet, hat der nächste begonnen und schon bist du jemand anderem aus Versehen ins Wort gefallen.»Schon 11:15 Uhr, bestimmt überziehen wir heute wieder. Ist das eine Fliege oder eine – Müssen wir noch einen Text für das nächste Seminar lesen?«, überschlägt es sich im Kopf. |
Wenn Stille manchmal abgestraft und manchmal gefordert wird, findet man kaum eine Balance. Will man tatsächlich immer den Druck verspüren, seinen Persönlichkeitstyp zu ändern oder in die Rolle des Chamäleons zu schlüpfen? Vielleicht sollte man die Zeit darin investieren, zu verstehen, welche Erwartungen man aus welchen Gründen an sich selbst stellt. Eigenschaften zu akzeptieren und sie mit ihren guten und schlechten Seiten zu sehen, ermöglicht erst, sie anzugehen, wenn sie einen daran hindern, etwas zu erreichen. Was feststeht: Es wird besser. Und das ist kein Spruch vom Wandkalender, sondern wissenschaftlich belegt. Über das Leben hinweg wird man tatsächlich gelassener – mit sich und damit, wie man von anderen gesehen wird.
Aber hey, vielleicht müssen wir uns bald gar keine Sorgen mehr machen. Wer weiß, wie lange es noch dauert, bis wir unsere Persönlichkeiten mit ein paar Klicks an unsere Vorstellungen anpassen können?
