Nacht: Der Zeitraum zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang, zwischen Einbruch der Dunkelheit und Beginn der Morgendämmerung. Typische Assoziationen: Schlafen, lang, dunkel, STILL. Berlin steht niemals still. Wenn die Nacht hereinzieht, glitzern die Lichter, dröhnt die Musik, lachen die Menschen. Von stillen Momenten in einer lauten Stadt.

19:00 Uhr: Die Sonne steht tief am Himmel; das Licht färbt sich in ein warmes Orange. 2500 Parks ziehen sich durch das Straßennetz Berlins. Sie bilden die Lebensadern der Stadt. Langsam weichen Familien mit Kinderwagen den Studierenden mit Bierkästen. Ein fließender Übergang. Aus den vielen Grüppchen entspringt ein kollektives Stimmengewirr. Stille bleibt aus.
22:00 Uhr: Die Dunkelheit zieht herein. Der Abend hat gerade erst begonnen. Bierball-Runden werden immer länger – die Stimmung ausgelassener. Die Flaschen auf der anderen Seite sind kaum noch zu erkennen. Und ich kann jetzt endlich im Gebüsch pinkeln, ohne dass mich jemand sieht. Wir sind laut. Mit jeder Minute steigt das Energielevel. Es droht überzulaufen. Die Nacht zieht uns weiter.
23:00 Uhr: Auf dem Weg zum Späti. Große, schnelle Schritte. Wir haben die Wahl zwischen Späti Spätshop, Späti 65, Spätkauf von morgens bis Späti oder Späti 19. Wir reden laut und rasch. Der Späti-Besitzer seufzt erleichtert, als wir den Laden wieder verlassen.
00:00 Uhr: Die Schlange ist lang. Die Laune muss oben bleiben. Wir drängeln uns vor. Es darf bloß keine Stille aufkommen.
01:00 Uhr: Auf der Tanzfläche ist es eng, laut, dunkel. Im Mantel von elektronischen Klängen und flackernden Lichtern fühle ich mich geschützt. Frei. Lasse mich fallen. Lasse mich tragen.
03:30 Uhr: Müde, glücklich, frierend, lachend treten wir nach draußen. Die kalte Luft schlägt uns entgegen. Die Straßen sind menschenleer. Keine Geräusche. Aber in meinem Kopf dröhnt immer noch die Musik.
04:00 Uhr: Ich sitze am S-Bahn-Gleis. Eine Ratte läuft an mir vorbei. Sie dreht sich kurz zu mir, winkt mit einem Ärmchen und springt dann in hohem Bogen auf die Gleise. Quietschend fährt die Bahn ein. Ich betrete einen leeren Waggon. Schaue aus dem Fenster. »Zurückbleiben bitte«, sagt eine freundliche Stimme. »Nächster Halt: Ruhleben.« In Ruhe Leben? Berliner Nächte sehen anders aus.
04:30 Uhr: Langsam wird es hell. Ich höre Vögel zwitschern. Ab und zu fährt ein Auto vorbei. Ich bin allein, aber nicht einsam. Zufrieden beende ich meinen Weg nach Hause.
05:00 Uhr: Ich schließe die Wohnungstür auf, schleiche auf Zehenspitzen durch den Flur. Bloß niemanden aufwecken. Ich öffne meine Zimmertür in Zeitlupe, damit sie nicht knarzt. Lege meine Tasche und meinen Schmuck ab, bevor ich ins Bad tapse. Drehe den Wasserhahn nur ganz leicht auf. Fast fertig. Jetzt nur noch schnell zurück in mein Zimmer schleichen. »WAMM!«, »DITSCH«, »KLATSCH«, »Scheiße!«. Ich bin komplett gegen die Kommode im Flur gerannt …
05:30 Uhr: Die Morgensonne scheint in mein Zimmer. Ich lege mich ins Bett. Schlafe direkt ein. Der Tag bricht an. Erst jetzt ist es still.
