Giuseppe Contrafatto unternimmt eine intime Reise durch drei Romane. Er entdeckt eine Stille, die sich als erstaunlich vielfältig entpuppt und große Weltliteratur hervorbringt.

Stille ist seit jeher ein großer Bestandteil meines Lebensalltags und ich suche sie überall: in Wäldern, nach dem Sex, während der Phasen der Hausarbeit oder in meiner Abwesenheit – sowohl digital als auch analog. Dennoch gibt es eine Art von Stille, die mich immer begleitet hat: eine Form der Stille, die mir bislang nicht bewusst war – die Stille in der Literatur.
Drei Romane, um die Tragweite der Stille in der Literatur besser zu verstehen, sind Die Dharmajäger von Jack Kerouac, Zum Leuchtturm von Virginia Woolf und Siddhartha von Herman Hesse.
Zunächst sprechen wir über Die Dharmajäger von Jack Kerouac. Hier ist Stille kein passiver Zustand, sondern ein aktives Werkzeug, um Erleuchtung zu erreichen. Die Geschichte widmet sich zwar dem Leben der Charaktere Ray Smith und seines Freundes Japhy Ryder, fokussiert sich jedoch auf eine Reise voller Meditation, Naturerfahrungen und philosophischer Reflexionen über das Leben und den Zen-Buddhismus. Der Roman spielt in den USA und hebt die Zäsur zwischen innerer Verwirklichung und den von der materiellen Welt geschöpften Hindernissen zur existentiellen Erkenntnis hervor. Die Passagen über die Stille verbreiten sich im ganzen Text:
»Wir tranken Wasser, ließen uns nieder, zogen die Schuhe aus und betrachteten das stille Schauspiel […]. Die Stille war ein durchdringendes Getöse. [G]enug, um einen auf tausend Jahre hinaus zu trösten.«
Die Roman-Figuren stoßen auf die Stille außerhalb der Stadt. Durch den widersprüchlichen Wortaufbau »durchdringendes Getöse« fungiert sie als stets präsenter Gegenstand des Universums. Die semantische Tiefe dieser Erfahrung erinnert unmittelbar an Caspar David Friedrichs Œuvre, insbesondere an seine Darstellung der Einsamkeit im Dialog mit der Natur, und führt synchron die Menschen im Prozess der Bewusstwerdung zusammen.
Das zweite Buch, auf das ich eingehen möchte, ist Zum Leuchtturm von Virginia Woolf. Stille erscheint hier nicht als physischer Zustand, sondern als ein Symbol für Abwesenheit, Unausgesprochenes und die Vergänglichkeit der Zeit.
Der ausschlaggebendste Aspekt dieses Romans ist der Mangel an Ereignissen sowie die Verwendung des Bewusstseinsstroms – einer aus der Psychologie übernommenen Erzähltechnik, die Robert Humphrey in Stream of Consciousness in the Modern Novel als »what lies below the surface« beschreibt. Ziel des Bewusstseinsstroms ist es, das gesamte Spektrum innerer Vorgänge – von unterbewussten Impulsen bis hin zum bewussten Denken – darzustellen und so die psychische Identität der Figur offenzulegen. Die Lautlosigkeit wird mithilfe des Bewusstseinsstroms genial von Woolf am Ende des ersten Buches umgesetzt:
»So herrschten Anmut und Stille, und sie fügten sich, vereint, zu einem Bild der Anmut selbst, einer Form, aus der das Leben gewichen war […] Anmut und Stille falteten die Hände im Schlafzimmer.«
Woolfs Werk bringt eine neue intertextuelle Thematik ins Spiel, denn ihr gelingt es, ein Bewusstsein an immateriellen Erscheinungen zu schaffen – eine Art Verdinglichung. Die Stille (in den Passagen zusammen mit der Anmut) wird in dem Kapitel Die Zeit vergeht zur Hauptfigur. Sie ist ein Synonym für den Tod und stellt so die unpersönliche Natur der Erzählung dar – fast wie ein Geist, der das Haus beobachtet.
Schließen wir den Kreis mit dem Buch Siddhartha von Herman Hesse – die Geschichte eines Brahmanen-Sohnes, der »im Schatten des Salwaldes« seine Kindheit verbrachte. Zu Beginn versucht Siddhartha gemeinsam mit seinem besten Freund Govinda, dem Erhabenen Buddha Gotama zu folgen. Doch trotz seiner tiefen Wertschätzung für den asketischen Mönch entscheidet er sich, die Pilger-Enklaven zu verlassen. Sein Ziel ist es, durch eigene Erfahrungen erwachsen zu werden. Während seiner Lebensreise findet er einen Job, genießt das gute Leben, erlebt Liebe, betrauert Verlust und bewältigt Trennungen. Nach vielen Erfahrungen kehrt er in den Wald zurück und lernt einen Fährmann kennen, dessen Weisheit und außergewöhnliche Geschicklichkeit ihn beeindruckt.
Der Fluss, eine weitere wichtige Figur des Romans, ist das sine qua non – ein unverzichtbares Element des Romans – und taucht mehrmals in der Erzählung auf. Er kommuniziert mit Siddhartha und zeigt ihm den Weg zur Selbsterkenntnis. Die Kommunikation erfolgt nicht durch Worte – der Fluss spricht nicht – vielmehr durch seine Stille. Die buddhistischen und hinduistischen Merkmale des Mystizismus sind hier noch stärker als in Kerouac ausgeprägt. Es ist ein Bildungsroman: einer der schönsten seiner Gattung, der die Bedeutung des Seins und Werdens hinterfragt. Er zielt darauf ab, uns zu zeigen, dass das Leben mannigfaltige Lehren beinhaltet. Diese Vielschichtigkeit bekommt Siddhartha durch seine Erfahrungen in einem ununterbrochenen Austausch mit der Stille des Flusses – bis er eine bedeutungsvolle Lehre begreift: Wissen kann zwar mitgeteilt werden, Weisheit aber nicht.
Dies wird in den folgenden Abschnitten aus dem Roman klar:
»Du bist Kamala, nichts andres, und in dir innen ist eine Stille und Zuflucht, in welche du zu jeder Stunde eingehen und bei dir daheim sein kannst, so wie auch ich es kann. Wenige Menschen haben das, und doch könnten alle es haben.«
Die Stille bewahrt die Wahrheit und ist die Manifestation des Buddhas. Govinda beschreibt Siddhartha bei ihrer Wiederbegegnung so: »[…] strahlt eine Ruhe, strahlt eine Heiterkeit und Milde und Heiligkeit aus«. In den letzten Zeilen wird Siddhartha, wenn er der Vollendete – nach seiner Erleuchtung – geworden ist, mit »stillem Gesicht« von Hesse beschrieben: »Er lächelte still, lächelte leise und sanft«.
Wie angedeutet, veranschaulichen diese Romane eo ipso – durch sich selbst – die Vielfältigkeit von Stille. Sie enthüllt sich als das paradoxe Bild der tosenden Stille von Kerouac als eine eigene, erhabene Präsenz. Sie hebt sich radikal vom Lärm der modernen Welt ab und dient als Katalysator für Selbsterkenntnis. Woolf hingegen bringt das Unausgesprochene und die Vergänglichkeit zum Ausdruck. Ruhe ist gleichzeitig eine Darstellung des Bewussten und selbst bewusstseinsfähig. Anhand des Bewusstseinsstroms offenbart sich die Psyche der Figuren. Schließlich vollzieht sich bei Hesse eine herausragende Interpretation der transzendentalen Welt. Stille wird als Grundpfeiler der Existenz betrachtet oder besser gesagt: als Sprache des Nirwanas. Sie transzendiert das Rationale und ist Träger der Wahrheit.
Stille beschwört paradoxe Intensitäten herauf, die über eine unvorstellbare Stärke verfügen und ontologische Dimensionen, die fähig sind, Objekte und Konzepte ins Leben zu rufen. Sie vermag es, eine transzendentale, von Wahrheit getragene Bedeutung zu stiften. Wenn mir also fortan Stille in meinem Alltag fehlt, weiß ich, wo ich sie finden kann: in meinem Bücherregal.

