Dürfen nur von Armut betroffene Menschen über Armut schreiben? Und geht es darum überhaupt in 22 Bahnen? Der Film, basierend auf dem Debütroman von Caroline Wahl, thematisiert das Leben mit einer alkoholkranken Mutter. Unsere Autorin, Enya Denzel, hat erfolgreich spekuliert und den Film tatsächlich vorab in der Sneak Preview gesehen.

Tilda ringt um eine Entscheidung. Foto: constantin.film
22 Bahnen, warum 22 Bahnen? Weil die Protagonistin, Tilda, gespielt von Luna Wedler, 22 Bahnen schwimmt, immer 22, um den Kopf frei zu bekommen.
Bei Regenwetter begleitet sie dabei ihre kleine Schwester Ida. „Die beiden sind ein intakter Organismus. Ein fester Teil, die Hälfte von einem Ganzen.”
Wer kein intakter Organismus ist: ihre Mutter.
An guten Tagen bringt sie die Überreste ihrer Alkoholsucht selbst in den Altglascontainer, beteuert dann „sie will sich ändern” und entschuldigt sich mit Radieschenröschen.
Tilda studiert Mathe im Master, weil „Mathe Ordnung schafft”. Bis diese Ordnung ins Wanken gerät, als im Schwimmbad Viktor auftaucht. Viktor, der ältere Bruder eines Freundes, der vor Jahren mit seiner Familie bei einem Autounfall verunglückt ist. Durch die Begegnung mit ihm werden in Tilda verdrängte Gefühle wach, die sich dann noch mit den Gefühlen vermischen, die Tilda aufgrund eines Angebots zur Promotion in Berlin hat. Ob Ida bereit dafür ist, alleine mit ihrer Mutter zurück zu bleiben?
Vom Buch auf die Leinwand
Der Film hat wuchtige Schnittbilder, die voll einschlagen. Die Tiefe der Geschichte reißt die Zuschauenden mit. Die Vielschichtigkeit der Charaktere, die Caroline Wahl in ihrem Debütroman verleiht, fängt der Film wundervoll ein.
Die Besetzung mit Luna Wedler ist hervorragend. Man nimmt ihr die aufwühlende und komplizierte Gefühlslage voll ab.
Unpopular Opinion: Viktor hätte besser besetzt werden können. Jannis Niewöhner kann seiner Rolle als Schönling nur schwer entkommen und ihm gelingt es nicht, die Zerrissenheit und Vielschichtigkeit seines Charakters glaubwürdig durch die Leinwand zu tragen. Er ist wohl besser bei den romantischen Komödien aufgehoben.
Zwar strafft der Film die Buchvorlage, ohne Entscheidendes zu verlieren, doch bleibt – wie im Buch die Frage offen, warum Tilda Ida nicht einfach mitnimmt?
Auch Frauen fahren Ferrari
Während Tilda auf der Leinwand ihre Bahnen zieht, ist auf Instagram ein Shitstorm gegen Caroline Wahl entfacht. Ausgelöst durch den Fakt, dass Caroline Wahl in ihrer Freizeit wohl gerne Sportwagen fährt. Im Gegensatz zu ihrer Protagonistin Tilda scheint sie aus einer wohlhabenden Familie zu kommen. Darf sie deswegen nicht über Armut schreiben? Ich denke, natürlich darf sie. Der Film und das darauf zugrunde liegende Buch beschreiben das Leben und die Gefühlswelt einer jungen Frau, die sehr früh Verantwortung für ein Kind übernehmen musste, weil es die Mutter nicht konnte. Sie beschreiben ihre Wut. Ihre Liebe zu ihrer Schwester. Die Geschichte thematisiert nicht die finanziellen Umstände der Familie. Selbst wenn sie das tun würde, Autor*innen dürfen auch Geschichten schreiben, die sie nicht selbst erlebt haben. Natürlich ist Kritik legitim, wenn von Armut betroffene Menschen stigmatisiert und abgewertet werden. Das tut Caroline Wahl meiner Ansicht gerade nicht.
Viel mehr wissen wir Zuschauenden zu wenig über die finanziellen Verhältnisse, um sagen zu können, die Familie lebt in Armut. Zumal es Alkoholabhängigkeit in allen gesellschaftlichen Schichten gibt.
Liegt die Kritik wirklich daran, dass eine Frau, die gerne Sportwagen fährt, vermeintlich uninformierte Bücher über Armut schreibt, oder wohl doch eher daran, dass eine Frau Bücher schreibt und damit erfolgreich ist?
Trotzdem: Der Film ist ein Must-see für den Herbst! Und ein guter Grund, mal wieder Bahnen im Freibad zu ziehen. Ob ihr mit dem Sportwagen hinfahrt oder den Öffis, bleibt euch überlassen.
