Was geschieht, wenn die Stille in der Mitte von Philosophien und dem Leben von Philosophierenden landet: Eine Abhandlung über die Liebesgeschichte zwischen der ersten Wissenschaft und dem Thema unseres Heftes. Von Cedric Strehlow.

Die erste der beiden Protagonistinnen dieser Beziehung nennt sich Philosophie. Sie ist eine undurchsichtige Disziplin, deren Bedeutung selbst ihren eigenen Gelehrten nicht so ganz klar scheint. So gab es im letzten Wintersemester an der FU ein ganzes Seminar, das sich einzig und allein mit dem Textgenre der Philosophiedefinition beschäftigte. Gewiss scheint nur, dass sie als »Liebe zur Weisheit« übersetzt wird und sie mit formaler Logik arbeitet. Wahrheit, Glaube, Staat und Moral, kein Thema ist vor ihr sicher, alles kann philosophisch verhandelt werden. Der Stereotyp der Philosophierenden wird oft mit dem Bild des Elfenbeinturms in Verbindung gebracht – einem Ort, der weit von der tatsächlichen Welt entfernt ist und in dem sich Intellektuelle um vermeintlich weltfremde Probleme kümmern.
Die Stille auf der anderen Seite ist ähnlich schwer zu fassen. Es kann sie im Außen und im Innen geben, Menschen haben schnell zu wenig oder zu viel von ihr. Sie kann verrückt machen, befreien, beruhigen, aber auch zur Folter genutzt werden. Hier ein Zitat der Stille über sich selbst: »… …«
Tauchen wir ein in eine spannende Affäre zwischen einem denkenden Lager und der Abwesenheit von Geräuschen.
Die Spurensuche beginnt in der Antike des alten Griechenlands. Hier keimte die Auseinandersetzung zweier Denkschulen, die den richtigen Weg für das bestmögliche Leben suchten. Die Lehre des Epikureismus sieht die Antwort im Fühlen positiver Emotionen, während der heute wieder in Mode gekommene Stoizismus das richtig geführte Leben primär als ein tugendhaftes und vernunftorientiertes beschreibt. Die Epikureer*innen strebten einen Zustand der »inneren Seelenruhe« oder »Windstille der Seele« an, sie nannten ihn Ataraxie. Menschen, die in Ataraxie leben, sind geprägt von einem inneren Frieden und starker Ruhe. Vertretende des Stoizismus auf der anderen Seite nutzten den Begriff der Apatheia. Für das wahre Glück ist es dieser Idee zufolge entscheidend, leidenschaftslos zu werden. Starke Gefühle und tiefgreifende Affekte sollen durch beharrliches Training verlernt werden. So gegensätzlich das klingt, haben beide Schulen eines gemeinsam: Bei ihrer Suche nach dem guten und wahren Leben finden sie ihre Antwort in einer Version der inneren Stille.
Johann Wolfgang von Goethe, Vorreiter der Weimarer Klassik, brachte die hohe Stellung der Stille im klassischen Weltbild im folgenden Aphorismus auf den Punkt:
»Das Beste ist die tiefe Stille, in der ich gegen die Welt lebe und wachse und gewinne, was sie mir mit Feuer und Schwert nicht nehmen können.«
In diesem Zitat offenbart sich eine weitere Rolle der Stille in der Philosophie – sie bietet Raum für das eigene Denken und daraus resultierende Veränderung. Am prominentesten wird diese Dimension der Stille in Friedrich Nietzsches Also sprach Zarathrusta dargestellt. Der Protagonist Zarathustra, der im Laufe des Buches versucht, seine eigene Lehre in der Welt zu verbreiten, entscheidet sich im zweiten Teil dazu, seine eigene Gefolgschaft zu verlassen und einsam in den Bergen zu leben. Die Inspiration für diesen waghalsigen Schritt zurück in den Elfenbeinturm bekam er nachts von seiner »stillsten Stunde«. Im Gespräch lässt Nietzsche die Personifikation der Stille sagen:
»Die stillsten Worte sind es, welche den Sturm bringen. Gedanken, die mit Taubenfüßen kommen, lenken die Welt.«
Zu Zeiten von Nietzsche nahm die Industrialisierung zu, mit ihr kamen mehr Automobile, Baustellen und andere Lärmquellen in die Städte, die das Denken und Entspannen erschwerten.
Alfred Freiherr von Berger, Professor für Philosophie aus Wien, schrieb zwanzig Jahre nach Nietzsche: »Die Geräuschfrage, das fühle ich an meinen Nerven, ist wichtiger als sie scheint…« und so folgert er im selben Text, dass es ein »Recht auf Stille« geben sollte. Eine Idee, die auch der Kulturphilosoph Theodor Lessing teilte, weshalb er sich, inspiriert von Bewegungen aus New York und London, dazu entschloss, den Deutschen Lärmschutzverband zu gründen und Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben. Von 1908 bis 1911 veröffentlichte der Verband die Zeitschrift Der Antirüpel und versuchte juristische Schritte im Sinne der Stille einzuleiten.
Dann jedoch wollte Lessing sich wieder seinen philosophischen Hauptwerken widmen und musste sich von seiner Funktion lösen. Er ging zurück in die Einsamkeit, ganz wie Zarathustra.
Heutzutage hat der Begriff der Stille in unserer Alltagssprache eine neue Konnotation. Der Philosoph Gert Scobel stellt fest, dass beim Sprechen von der Stille im modernen Alltag häufig die Sehnsucht nach tiefgehenderer Entspannung zum Ausdruck kommt. So sei äußere Stille eine rare Erscheinung und werde zu allem Überfluss häufig für produktive Überlegungen zu Planereien oder To-dos ausgenutzt. Wir erleben demnach immer weniger tatsächliche Stille, die im Außen und im Innen stattfindet und daher auch weniger Entspannung. Scobel, der Experte für Meditation und fernöstliche Philosophie ist, empfiehlt daher, auf der Basis von psychologischen und medizinischen Studien eine eigene Version des Stillseins und des Stille-Erlebens zu praktizieren.
Hier schließt sich ein Kreis: Sowohl heute als auch zu Zeiten der Antike schreiben Philosophierende der Stille im Inneren, in sich selbst, einen großen Wert zu. Sie erscheint als Grundlage für ein angenehmes Leben.
Dieser kleine Lauf durch die Geschichte zeigt, dass die Beziehung zwischen Stille und Philosophie seitens der Philosophierenden von Hochachtung geprägt ist. Sie ist eine Grundlage für Lebensglück, bietet Raum für tiefgreifende Erkenntnis und wenn sie im Außen verloren zu gehen scheint, so sind die Philosophierenden sogar dazu bereit, für sie ins politische Leben einzusteigen und den Elfenbeinturm zu verlassen.
Die Stille hingegen nimmt diese Bewertung schweigend an und hält sich bedeckt.

This article beautifully explores the profound value of silence in philosophy, from ancient Greece to modern concerns. It resonates deeply, reminding me how crucial quiet moments are for personal growth and clarity in our noisy world.crazy cattle 3d
This article beautifully explores the profound impact of silence in philosophy, from ancient Greece to modern times. I found the historical perspective especially insightful and the connection between silence and inner peace thought-provoking. A well-written and inspiring read!