Mina Sharif kehrte 2005 in ihr Afghanistan zurück, ein Land, in dem sie zwar geboren wurde, das sie aber zunächst nur aus Nachrichten kannte. Sie ist Medienberaterin und Aktivistin. In Afghanistan arbeitete sie mit Frauen-geführten Radiostationen, produzierte Bildungsformate für Kinder, beriet NGOs und Regierungsstellen und gründete das Mentoring-Programm Sisters 4 Sisters, mit dem sie Frauen und Mädchen in Afghanistan unterstützt. Heute spricht sie mit unserer Autorin Nori Holst über die Geschlechterapartheid und die Lebensbedingungen im Land.

Die Situation in Afghanistan ist nach wie vor angespannt, Menschen versuchen auch fast vier Jahre nach dem Fall von Kabul weiterhin, das Land zu verlassen. Afghanistan ist also nicht vorbei, auch wenn es in Politik und Medien zunehmend stiller darum geworden ist. Wer spricht heute noch über das Land?
Im Jahr 2005 kehrte Mina Sharif zurück nach Afghanistan. Das Land, aus dem sie in den Achtzigern mit ihren Eltern geflohen war. Mina erzählt: »Ich war ein Baby. Meine Eltern packten nichts – wir flohen über die Berge und wurden Flüchtlinge in Kanada.« Jahrzehnte später kehrte sie zurück und erlebte, wie sich die Geschichte wiederholte. »Meine Eltern haben Freunde, Familie und ein Zuhause verloren. Ich habe das Gleiche gesehen. Nur war ich diesmal Teil davon.« Sie blieb bis 2019.
Bis 1973 war Afghanistan eine Monarchie. In Großstädten lebten Frauen selbstbestimmt, studierten und arbeiteten. Im Jahr 1978 übernahmen kommunistische Kräfte die Macht, ein Jahr später marschierten sowjetische Truppen ein – es folgte ein jahrzehntelanger Krieg, der das Land zerstörte und viele zur Flucht zwang. 1996 übernahmen die Taliban die Macht und errichteten ein strenges Regime. Nach ihrer Vertreibung 2001 folgten Jahre des Aufbaus, bis sie 2021 nach dem Truppenabzug der USA zurückkehrten.
Furios: Was hast du bei deiner Rückkehr über Afghanistan gelernt?
Mina Sharif: »Ich glaube, ich bin in einem Museum Afghanistans aufgewachsen, nicht im echten Leben.« Sie lacht. In Kanada war Afghanistan stets präsent, aber nie als Ort, sondern als Idee, sagt sie. Die Informationen, die sie hatte, kamen aus Nachrichten und Büchern – oft von Nicht-Afghan*innen, meist reduziert auf Krieg und Gewalt. Erst als sie 2005 selbst in der Hauptstadt Kabul lebte, begann sie, das Land wirklich zu verstehen, mit seinen Widersprüchen, seiner Lebendigkeit und seiner Widerstandskraft. Diese Erfahrung prägt sie bis heute, deshalb teilt sie gern ihre Erlebnisse.
Furios: Was wünschen sich die Menschen in Afghanistan damals wie heute?
»Sicherheit – das war es und ist es. Niemand wollte etwas Außergewöhnliches.« Sie widerspricht dem Eindruck, Fortschritte in Frauenrechten seien westliche Einflüsse gewesen. »Wir hatten das schon, es musste nur sicher genug sein. Sicher genug, um Mädchen zur Schule zu schicken. Sicher genug, um Frauen arbeiten zu lassen.«
»In der aktuellen Situation sagt keine von ihnen: Ich will einen Rock tragen oder auf ein Konzert gehen. Sie wollen zur Schule gehen, atmen, draußen sein. Mehr nicht – einfach existieren.«
Durch ihre Arbeit in Projekten für Mädchen und Frauen weiß sie, dass gerade Mädchen die aktuelle Situation besonders hart trifft. Schon ab der sechsten Klasse ist ihnen unter anderem der Schulbesuch verboten. »In der aktuellen Situation sagt keine von ihnen: Ich will einen Rock tragen oder auf ein Konzert gehen. Sie wollen zur Schule gehen, atmen, draußen sein. Mehr nicht – einfach existieren.«
Zurzeit brauchen Mädchen wie Frauen eine männliche Begleitung, selbst, um ins Krankenhaus oder in Cafés zu gehen. Universitäten sind für sie geschlossen. Arbeiten und allein unterwegs sein dürfen sie nicht. Zudem verboten die Taliban Ende 2022 internationalen Organisationen das Unterrichten. Kurz darauf erließ die Bewegung ein Dekret, das im Westen kurzzeitig für große Aufmerksamkeit sorgte: Es verbietet Frauen, in der Öffentlichkeit zu singen und zu sprechen.
Trotz all dieser Hürden sieht Mina in afghanischen Frauen eine Kraft, die sie nirgendwo sonst erlebt: »In jeder Region, egal ob Stadt oder Dorf, habe ich Frauen gesehen, die mit allem, was sie hatten, für Bildung, Arbeit und Veränderung gekämpft haben.« Sie erzählt von Frauen, die ohne internationale Hilfe Zahnarztpraxen eröffneten oder sich aus gewaltvollen Ehen befreiten. »Wir reden oft über Frauen in der Politik, doch der eigentliche Wandel passiert im Alltag.«
»Wenn wir nicht die Grundrechte von Frauen in Afghanistan einfordern, erlauben wir den Verlust dieser Rechte überall auf der Welt.«
Furios: Warum richten sich die Taliban so gezielt gegen Frauen?
»Die Taliban sind kein kulturelles Phänomen – sie sind ein Kult. Wie der Ku-Klux-Klan nicht die amerikanische Kultur repräsentiert, repräsentieren die Taliban nicht die afghanische Kultur oder Religion. Frauen zu kontrollieren ist die effektivste Art, ganze Gesellschaften zu kontrollieren: Familien, Bildung, Zukunft. Afghanische Frauen dürfen nicht mal mehr traditionelle Kleidung tragen«, sagt sie. »Das zeigt, wie weit sich die Taliban von der Realität des Landes entfernt haben.«
Furios: Wie hast du den Moment erlebt, als Kabul fiel?
»Selbst am Tag vor dem Fall glaubte niemand, dass es wirklich passieren würde«, sagt Mina. Als 2021 die letzten Flugzeuge Kabul verließen, war das für viele ein unbegreiflicher Moment. Die meisten ihrer Freund*innen und Familienmitglieder hätten den Schock bis heute nicht verarbeitet. Mina hielt den Kontakt zu Mädchen und Frauen, mit denen sie gearbeitet hatte, aufrecht: »Manche kämpfen weiter, andere sind schwer depressiv oder sogar suizidal. Alles, was wir tun können, ist: reden, zuhören, helfen und vernetzen – so gut es geht.«
Furios: Gibt es etwas, das du noch sagen möchtest?
»Ich möchte, dass die Menschen den unkomplizierten, sehr klaren Teil sehen. Da gibt es eine ganze Bevölkerung von Frauen, die unter einer Geschlechterapartheid leiden. Das ist eine Katastrophe, egal in welchem Land. Wenn wir nicht die Grundrechte von Frauen in Afghanistan einfordern, erlauben wir den Verlust dieser Rechte überall auf der Welt. Ich liebe Afghanistan, es ist ein Teil von mir, meine Herkunft. Aber manchmal können wir Afghanistan auch aus der Gleichung herausnehmen und einfach sagen: Menschen werden so behandelt. Und wenn das passiert, wird es auch bei uns passieren und sich ausbreiten. Es ist also kein Problem, das getrennt von uns existiert. Selbst wenn sich jemand nicht für Afghanistan interessiert, es ist ein Menschenrechtsproblem, das jeden betrifft.«

This deeply moving account humanizes the crisis in Afghanistan, revealing womens resilience amid oppression. Mina Sharifs perspective is powerful—her words urge global empathy beyond borders.