Eine kleine Geschichte vom Internet und der Stille, vor der es uns gerettet und die es uns wieder auferlegt hat. Ein Text von Rika Baack.

Es war einmal – vor langer, aber auch wirklich langer Zeit – ein Traum: von einem demokratischen Ort, an dem alle sprechen dürfen. Menschen, die zuvor nie eine Stimme hatten, sollten ihre Botschaften teilen können. Nicht nur mit ihren Nächsten, sondern mit Menschen auf der anderen Seite der Welt. Visionär*innen gründeten Plattformen, über die Menschen sich zusammenschließen und auf sich aufmerksam machen konnten. Sie konnten über Missstände sprechen, ihr Schweigen brechen oder sich einfach nur austauschen – für nichts weiter als die Freude daran.
Doch auch hasserfüllte Menschen konnten ihre Botschaften nun in der Welt verbreiten. Und sie taten dies gerne und oft und ungefragt. Ganz besonders dann, wenn sie nicht gefragt wurden. Viele hatten bald genug. Block, mute, disable, restrict, ban, hide – etwas Stille in die überwältigende Flut von Neuigkeiten zu bringen, wurde zum neuen Traum.
Nicht nur sie: Die gefeierten Visionär*innen verkündeten bald, sie würden sicherstellen, dass alles mit rechten Dingen zuginge. Sie würden hasserfüllte Menschen ausschließen. Denn von nun an würde es Regeln geben, denen alle zu folgen hätten. Von nun an müssten Menschen für ihren Platz am Tisch wieder bezahlen. Je mehr Zeit die Menschen auf den Plattformen verbrachten, je unterhaltener, überforderter, isolierter sie wurden, desto mehr verdienten die Visionär*innen an ihnen.
Selbst wenn sie schweigend auf ihren Handys swipten, bekamen sie keine Ruhe. Es war ein Fluch: Die Tweets, Rants und Confessions waren in ihren Köpfen laut, mal in ALL CAPS, mal italics, mal bold. Von Trump-Zitaten, die ihnen in seiner Stimme als THE GREATEST QUOTES OF ALL TIME entgegenschallten, über Shitstorms, die ihnen in Höchstgeschwindigkeiten um die Ohren flogen, bis zu TikTok-Sounds, die noch nachhallten, nachdem sie die App längst wieder geschlossen hatten. Ihre Handys nutzten sie zur Meditation und als White-Noise-Machines, aber sie waren auch ihre Wecker, ihre Reminder, ihre Timer. Es war ein mächtiger Fluch: Denn obwohl sich die Menschen bewusst waren, dass sie unter ihm standen, schafften sie es nicht, ihn abzulegen.
Aber wenigstens hatten sie noch ihre Stimmen. Sie tarnten ihre Worte zwar – schrieben r*pe und das Weintrauben-Emoji, s3ggs, unaliving und sewerslide –, weil die echten Worte dafür gesorgt hätten, dass ihre Botschaft niemanden erreicht. Sie wussten zwar nicht, welche Kommentare und Beiträge von echten Menschen verfasst wurden und welche doch nur von Trollen und Bots. Aber wenigstens hatten sie ihre Stimmen noch.
Und so fiel der Traum einer grandiosen Utopie eines demokratischen, öffentlichen Ortes, an dem alle zu Wort kommen, auf die Realität zurück, aus der sie stammte: private, ummauerte Räume, in denen wenige die Massen ansprachen, die nur dann sprechen durften, wenn sie das Richtige sagten.
Und doch gab es sie noch, die versteckten magischen Orte, die die Menschen für sich erobert hatten. Auf denen sie Filme bewerteten, Fotos von ihren Tattoos teilten, Ratschläge für Menschen gaben, die sonst nirgendwo um Hilfe bitten konnten. Orte, in denen sie selbst nicht zu kleinen hasserfüllten Monstern wurden. Dort fanden sie Videos, über die sie gemeinsam so sehr lachten, dass ihnen die Bäuche weh taten, oder die sie daran erinnerten, wie viel besser das Leben war, als man sich noch im Hopserlauf fortbewegte. Und wenn sie nicht aufgegeben haben, bewahren sie diese Orte noch heute.
