Bugonia, Venedig, und die unmenschliche Elite

Wie jedes Jahr findet das Filmfestival in Venedig statt. Dieses Jahr war auch Antonia Wunderlich dabei und rezensierte den Giorgos Lanthimos Film Bugonia.

Das war der erste rote Teppich, den die Autorin miterlebt hat. Foto: Antonia Wunderlich

Ein Prolog

Ich beginne diese Rezension mit dem Geständnis, dass Bugonia die erste Weltpremiere war, an der ich teilgenommen habe. Ich gestehe auch, dass die ganze Erfahrung großartig war, Weltklasse, spektakulär, man könnte sagen, filmreif. Bugonia war der erste rote Teppich, bei dem ich dabei war – wenn auch aus der Distanz. Schließlich stand ich in der Schlange fürs Standby, geformt aus Leuten, die kein Ticket ergatterten und noch auf den einen oder anderen leer gebliebenen Sitz hofften, und ergötzte mich an einem riesigen Bildschirm, der das Geschehen live wiedergab. Die Menschen wurden laut, wenn ein Auto vorfuhr, Autogramme verteilt wurden, und auch, als klar erkennbar wurde, dass Regisseur Giorgos Lanthimos einen Anstecker mit der Flagge Palästinas trug. 

Ich kann hinter dem riesigen Bildschirm sehen, wie sich die Wolken zusammenziehen, wie das schwüle pink-orange des himmlischen Sonnenuntergangs einem dunklen Grau von Gewitterwolken weicht, und wir, in der ellenlangen Schlange von ticketlosen Menschen, gefüllt von der Hoffnung, in den Sala Grande zu kommen, können nur das Schlimmste befürchten. 

Der Film soll bald anfangen, wie im Kinosaal wird auch der Himmel immer dunkler. Eine Unruhe verbreitet sich, die uns alle still werden lässt. Wenn wir schweigen, so die Logik, dann, weil wir auf ein Zeichen warten, und, wenn wir schon warten, dann muss auch eine Antwort kommen. Die Logik ist fehlerfrei, doch, anstatt dass sich eine Tür öffnet, bricht mit einem Mal ein Sturm aus. Binnen einer Sekunde löst sich die vorher so sorgfältig geformte Schlange, der Anspruch auf einen Platz in der Reihe verschwindet und 50 Leute drängeln sich auf einem halben Quadratmeter vor einer schweren alten verzierten Holztür, die einzige Fläche weit und breit, die uns halbwegs vor dem starken Regen schützt.
Die Hoffnung darauf, in den Palast zu kommen, ist noch nicht ganz erloschen. Man möchte, umringt von Menschen in Abendkleidern, nun einmal auch nicht verschwitzt und nass sein, das scheint allen irgendwie unhöflich, und markiert uns, die wir in der tropfenden Minderheit sind, draußen vor der schweren Tür, wohl noch weiter als Menschen zweiter Klasse. 20 Meter entfernt werden auch diejenigen durchnässt, die seit zwölf Stunden vor dem roten Teppich warten, mitunter Leitern mitgebracht haben, um besser sehen zu können, und irgendetwas war in mir drin, das sich von ihnen abgrenzen wollte. Das signalisieren möchte, liebe Stars, eure Unterschrift ist mir egal, ihr seid mir nicht so wichtig, ich bin hier für den Film, lasst mich rein. Aber der Regen durchnässt uns so oder so gleichermaßen. Das Gute an dem vom Himmel fallenden Wasser ist, dass sich nun also die Schlange auflöste, und dass ich mich, ohne es beabsichtigt zu haben, plötzlich fast ganz vorne befand. 

Die große schwere Tür, wie man sie sich an einem eleganten Ort vorstellt, öffnet sich dreimal. Ein Mann in schwarzem Anzug raunt uns zu, leise zu sein. Drinnen täten sie alles, was sie können, sie zählen die Plätze, wir müssen uns gedulden. Noch ist nichts verloren, meint er. Beim zweiten Mal bittet er wieder um Geduld. Es könne ja nicht wahr sein, dass da draußen etliche nasse Hände die schwere Holztür berühren, und wir hier drinnen für die Misere draußen verantwortlich gemacht werden. Wir arbeiten schließlich auch nur. Unmöglich. So funktioniere der Klassenkampf nicht, wir seien auch nur Schrauben in der Maschinerie. 

Beim dritten Mal ist es so weit. Sechs Menschen, vielleicht auch sieben, vielleicht auch acht, dürfen in den Kinosaal. Ich bin die letzte Person, die hereingelassen wird. Wir Außerirdischen stehen klitschnass im eleganten Vorraum des Kinos, verloren in quasireligiöser Andacht. Ein Mann führt uns mit schnellem Schritt die Treppe hoch in den ersten Rang.

Bugonias offizielles Filmposter.  © Focus Features

Abtauchen in eine Welt zwischen Verschwörungen und Logik

Bugonia ist einer meiner liebsten Filme, den ich auf dem Festival gesehen habe. Regie führte Giorgos Lanthimos, und, wie schon in den beiden Filmen Poor Things und Kinds of Kindness, wurde die Hauptrolle mit Emma Stone besetzt. Ihr Kinds of Kindness Co-Darsteller Jesse Plemons war ebenfalls wieder an ihrer Seite. Stone spielt Michelle Fuller, die CEO einer Firma, die experimentelle Medikamente herstellt.

Plemons’ Charakter Teddy ist überzeugt, dass sie ein Alien ist, die Invasion bevorsteht, ihre Spezies für den bevorstehenden Tod des Planeten verantwortlich ist, und den Menschen – synonym für die Arbeiterklasse – und Bienen, die er in seiner Freizeit züchtet – auch synonym für die Arbeiterklasse – unterdrückt und auslöschen möchte. Die einzig logische Entscheidung in so einer Situation, in der die Menschheit, die Erde und die Bienen auf dem Spiel stehen, ist, Fuller zu entführen und den Kontakt mit den Außerirdischen zu erzwingen. 

Bugonia schafft es, sowohl in der Kinematografie als auch in seiner narrativen Struktur wunderbar, das Ende nicht vorwegzunehmen. Die Möglichkeit, dass Fuller ein Alien ist, scheint genauso plausibel wie das Gegenteil. Klar, Lanthimos macht fantastische Filme, gar filmreife Filme, in denen alles möglich ist. Gleichzeitig kennt er sein Filmregister in- und auswendig, und wir wissen, dass er sich diesen Erwartungen bewusst ist und sie ebenso unterwandern kann. Für die komplette Dauer des Films, über zwei Stunden, ist alles möglich. Ich fand mich buchstäblich an der Kante meines Sitzes, so aufregend war es, immer wieder hin- und hergerissen zwischen Rationalität und Verschwörungstheorienlogik zu sein. Verloren in einem Weltbild, das ich normalerweise belächle, gerahmt von einem Film eines Regisseurs, der alles möglich macht. Ich möchte die Theorien gar selbst verinnerlichen und finde mich in einem kleinen Moment, in dem ich von oben herabschaue und mich wundere, was ich da gerade glaube, und wie leicht es eigentlich war, an diesem Punkt anzugelangen. Und die Frage kristallisiert sich immer wieder: Wie mit Verschwörungstheoretiker:innen reden? Was tun, wenn das Verständnis von Wahrheit unvereinbar ist? Es geht um Leben und Tod.

Das allgegenwärtige Bewusstsein des Geschlechts

Der Film ist eine Adaption des südkoreanischen Films Save the Planet aus 2003, den ich, ehrlicherweise, nicht gesehen habe. Ein bedeutender Unterschied zwischen den Versionen, der für mich unglaublich gut funktionierte und den Film noch spannender machte, war, den Chef der 2003-Version mit Emma Stone zu besetzen. Ihre Rolle ist Teil der reichsten 1% und hat mehr Macht als wir alle. Dennoch birgt es noch eine andere Gefahr, als Frau entführt zu werden: Der Schatten des sexuellen Übergriffs — niemals wirklich explizit, nie an- und ausgesprochen – hängt in der Luft, die Machtungleichheit zwischen einer im Keller eingesperrten Frau und ihrer zwei männlichen Entführern. Ich fühle mich ebenso hilflos wie Michelle, wenn ich beobachte, wie die beiden darauf beharren, dass Aliens die Erde infiltriert haben. Ein beruhigender Spoiler: Zu einem gefürchteten Übergriff kommt es nicht. Die Dynamik erinnert an Get Out, in dem es einen schwebenden Moment gibt, in dem der Schwarze Protagonist Chris von der Polizei gefunden wird, gerade als er die weiße Antagonistin Rose erwürgt. Für einen beinahe endlosen Moment ist man damit konfrontiert, dass jetzt gleich ein:e weiße:r Polizist:in aus dem Polizeiwagen steigt und Chris wegen Mord verhaftet oder gleich selbst ermordet. Nach einer gefühlten Ewigkeit ist es aber Chris’ bester Freund, der auf dem Bildschirm erscheint. Aber die unausgesprochene Angst bleibt bestehen.

Was habe ich mit einer Milliardärin gemeinsam?

Gleichzeitig ist auch die Frustration Teddys nachvollziehbar und durchaus vertraut. Er besitzt keine wirkliche Macht und fühlt sich von Fuller und einer allzu ominösen Elite ausgenutzt. Der Bienenzüchter verspürt eine Hilflosigkeit gegenüber des Klimawandels und einer drohenden Umweltkatastrophe. Wir, als Individuen und Zuschauer:innen, wissen ebenso, dass wir tun und lassen können, was wir wollen — im Blick auf Großkonzerne und deren CO2-Emissionen sind unsere alltäglichen Entscheidungen quasi nicht existent.

Ich habe, genau wie Teddy, eigentlich nichts mit Michelle Fuller gemeinsam. Genauso wie ich, das muss ich nun zugeben, Kim Kardashian oder auch Jeff Bezos nicht als wirkliche oder echte Menschen wahrnehme. Wie ich auch zuvor Emma Stone nicht als echten Mensch wahrgenommen habe. Lanthimos ist all dies bewusst und, auch wenn Teddys Verschwörungstheorie, dass die 1% wirkliche Aliens sind, absurd scheint, ist es letztendlich doch nicht so abwegig, sich auf dieses Narrativ einzulassen. Ich fühlte mich während des Films immer wieder wie der Mensch, der draußen vor der Tür im Regen wartet, voller Vorfreude, Neugier, aber auch Skepsis, was in dem Sala Grande wirklich vor sich geht — möglicherweise ja auch eine Alienvollversammlung? 

Davor habe ich noch nie einen Hollywood-Star gesehen, sie waren für mich Nicht-Menschen, surreal und perfekt. Konstant inszenierte Charaktere, mit denen man sich nun mal nicht vergleichen darf, sie sind ja keine echten Menschen. Sie sind optimiert, überlegen und haben alle Ressourcen auf der Welt, um jung, schön und erfolgreich zu bleiben. Es ist unfair, den Anspruch der Ähnlichkeit zu erheben. Sowieso sind sie immer retuschiert. Man muss sich also meine Verwunderung vorstellen, als Emma Stone vor mir stand und im Gegensatz zu dem, was ich sonst immer hörte, wirklich so aussah wie auch im Fernsehen.


Lanthimos weiß all das und hat die Themen in Bugonia so gekonnt umgesetzt und miteinander verwoben, dass die zwei Stunden nicht nur im Flug vergehen, sondern sich auch zu einem einzigartigen und allzu relevanten Film zusammensetzen.

Bugonia erhielt eine Standing Ovation von sechs Minuten. Foto: Antonia Wunderlich

Ein Epilog

Ich beende diese Rezension nun noch mit einer kleinen Anekdote. Venedig ist eine Touristenstadt, immer mehr Einwohner:innen ziehen weg, da die Miete zu teuer wird. Der Stadt droht der buchstäbliche Untergang. Am Abend zuvor lief ich über Giudecca, eine etwas abgelegene Insel, auf der auf einer Seite Luxushotels sind und auf der anderen – geografisch und rhetorisch – noch Venezianer:innen leben. Die Gassen waren leer. Ich sah ein Graffiti: „Fanculo la Biennale“ (Fick die Biennale). Und überall hingen halb abgerissene Flyer, die über die Kundgebung und Demonstration gegen Jeff Bezos’ Hochzeit informierten: Im Juni dieses Jahres heiratete der Milliardär in Venedig. Am Wochenende wurde die Stadt nahezu lahmgelegt, Promis wurden eingeflogen und historische Denkmäler geschlossen. Lokale und auch internationale Aktivist:innen demonstrierten gegen das Event und beschuldigten Bezos zu Recht, Venedig als Requisite oder Spielplatz zu benutzen. Wo also besser Bugonia der Öffentlichkeit präsentieren, als in Venedig, einer Stadt, die Themen von Ungleichheit und Umweltkatastrophen in ihren Knochen trägt?

Der Film erscheint am 30. Oktober 2025 in den deutschen Kinos und die Autorin empfiehlt allen Leser:innen, den Film zu schauen. Sie prognostiziert auch zahlreiche Oscarnominierungen.



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