Dream Together – Eine Ausstellung von Yoko Ono in Berlin

„Du nervst noch mehr als Yoko Ono”, sangen die Ärzte. Viele kennen sie nur deswegen, weil sie verhasst ist. Sehr wahrscheinlich steckt dahinter Misogynie. Die Ausstellung Dream Together umfasst Werke aus allen Phasen von Onos Karriere, eignet sich also, um sich ein eigenes Bild zu machen. Eine Rezension von Marla Engelschalk.

Eine Runde Schach gefällig? Welche Farbe willst du sein? Bei Play it by Trust sind Besucher*innen eingeladen das Konfliktspiel mal in anderen Farben zu sehen. Foto: Marla Engelschalk


Ist das nicht die Frau von John Lennon?
„Du nervst noch mehr als Yoko Ono”, sangen die Ärzte. Viele kennen sie nur deswegen, weil sie verhasst ist. Sehr wahrscheinlich steckt dahinter Misogynie. Die Ausstellung Dream Together1 umfasst Werke aus allen Phasen von Onos Karriere, eignet sich also, um sich ein eigenes Bild zu machen. Ono war schon lange bevor sie auf Lennon traf, interdisziplinäre Künstlerin und Friedensaktivistin. Im Augenblick denken sowieso schon alle über Krieg und Frieden nach. Die Frage ist, ob Onos Ausstellung eine neue Perspektive oder wenigstens Hoffnung geben kann.

Wichtige Fakten vorab: Yoko Ono wurde 1933 in Tokio in eine Familie gehobenen Standes geboren. Sie erlebte den Zweiten Weltkrieg als Zivilistin mit und wurde später als erste weibliche Studentin an der Gakushuin Universität im Fach Philosophie aufgenommen. Später erarbeitete sie sich eine Schlüsselrolle als Künstlerin in der Fluxus-Szene2 in New York. 1964 präsentierte sie in Tokio ihr berühmtes Performance-Kunstwerk Cut Piece, wo Besucher*innen ihr die Kleidung vom Leib schneiden konnten, um die Objektifizierung von Frauen zu thematisieren. Erst 1971 heiratete sie John Lennon. Sie lebt bis heute in New York. 

Eine Ausstellung der anderen Art
Seit April ist die Sonderausstellung Dream Together in der neuen Nationalgalerie von Berlin zu sehen. In der Eingangshalle wird man begrüßt von mehreren kleinen Flächen mit dunkelgrauen Steinen, die sich wunderbar zum Flitschen eignen würden. Wie an einem reißenden Fluss, ist es vor allem laut, weil auch die Museumskassen und die Eingänge zu anderen Ausstellungen, Garderoben und WCs hier sind. Dabei sollte Cleaning Piece eigentlich zu einer meditativen Tätigkeit auffordern: Die Steine sollen gestapelt werden, während die eigenen Emotionen dabei beobachtet werden. Transformation durch Handlung, wie die Infotafel es beschreibt. 

Am Rand der Halle befinden sich Tische, auf denen sich weiße Origami-Kraniche häufen. Hier nehmen schon sichtbar mehr Besucher*innen teil. Eine alte japanische Legende besagt, dass einer Person, die tausend Kraniche faltet, ein Wunsch gewährt wird.3

Am eigentlichen Beginn der Ausstellung befindet sich das interaktive Mend Piece, erstmals 1966 in London ausgestellt. Es ist ein vollkommen weißer Raum. Darin steht in der Mitte ein großer Esstisch mit sechs Stühlen, Regale hängen an den Wänden und auf dem Tisch sind unzählige Scherben verstreut. Die monochrome Farbgestaltung verhindert, dass man automatisch an Chaos oder Zerstörung denkt, stattdessen steht das Werk für Onos Verständnis von unvollendeter Kunst. Durch die Beteiligung der Betrachter*innen wird es erst komplett, ein Kernmerkmal der Fluxus-Bewegung. Ono ruft die Besucher*innen nämlich dazu auf, die japanische Tradition des Kintsugi anzuwenden: Bei dem Kunsthandwerk wird zerbrochenes Porzellan mit Gold gekittet. Der Begriff wird in der Popkultur oft als Metapher verwendet, um auszudrücken, dass auch Fehler das Leben bereichern. (Wer ist ganz aus Gold?) 

Den Besucher*innen wird allerdings nur Klebeband und Schnur zur Verfügung gestellt. So fühlt es sich an, wenn man versucht, Dinge zu reparieren, die man im Kapitalismus eigentlich nachkaufen soll. Auf die Frage an den Herren von der Security, ob er persönlich jeden Morgen eine Kiste Porzellan für die Besucher mit einem Hammer zerstört, lacht er: “Nee, wir machen keen’ Polterabend”. Stattdessen werden die Kunstwerke des Vortags wieder auseinandergebaut.  

An dieser Station haben meine Kommilitonin und ich uns am längsten aufgehalten. Man fühlt sich überraschend schnell so, als säße man am Essenstisch mit der Familie an einem hektischen Feiertag. Die Teilnehmer*innen wirken, als sähen sie diese scheinbar sinnlose Aufgabe als einen wichtigen Beitrag für den Frieden. Die Hektik kommt nicht vom Kunstwerk selbst, sondern daher, dass die Ausstellung überraschend gut besucht war für einen Mittwochmittag. Einige starren nur, andere bauen abstrakte Konstruktionen. Wieder andere versuchen, etwas wie eine Tasse zu bauen, die zwar nicht dicht ist, aber von Weitem wie eine aussieht. Einige versuchen, krampfhaft nur die ursprünglichen Scherben zu finden und wieder zusammenzusetzen. Aber im Regal sieht man: Nicht eine Tasse wurde eins zu eins wieder rekonstruiert. Ein Highlight ist, die anderen zu beobachten. Die Art und Weise, wie jemand an eine Aufgabe herangeht, kann viel über ihn oder sie verraten.

Schach ist Konflikt, eine Seite gegen die andere. Mittig in der Ausstellung erstreckt sich eine lange weiße Tafel. Auf dieser reihen sich Schachbretter mit Figuren – alles ganz in Weiß. Die Stühle mit hoher Lehne geben der ganzen Szene eine futuristische und diplomatische Ausstrahlung. Play it by trust ist erstmals 1966 in London ausgestellt worden. Auch hier sind die Besucher*innen wieder eingeladen mitzumachen: Ziel ist es, eine Partie mit dem Gegenüber so lange zu spielen, bis man sich nicht mehr merken kann, welche Figuren zu welcher Seite gehören. Die weiße Farbe beider Seiten steht für Pazifismus. Der visuelle Unterschied, also der einzige Unterschied, wird aufgehoben. Das passiert meistens an dem Punkt, wo man sich schon richtig auf das Spiel eingelassen hat, und der Spaß beginnt. Obwohl die Ausstellung gut besucht war, probierten nur Wenige das Schachspiel aus. Möglicherweise, weil ein Blick reicht, um die Idee von Ono zu verstehen. Doch selbst teilzunehmen und die Vision auch zu erleben ist nochmal ein anderes Gefühl. Es ist schon irgendwie sinnlos, gewinnen zu wollen. Warum wollte ich überhaupt gewinnen? Was bringt mir das? Die meisten Besucher*innen würden sich ohnehin schon als Pazifist*innen bezeichnen, wie ich, aber Play it by trust hat mir geholfen, das auch mal tiefer zu fühlen. 

Kunst, die wirkt
Auch die berühmten Zeitungsannoncen ab 1969, die Yoko Ono für Aktivismus genutzt hat, sind ausgestellt: „War is over, if you want it”, und andere prägnante Aussagen wurden in den Massenmedien an verschiedenen Orten der Welt veröffentlicht. Auf den ersten Blick kann das performativ wirken. Wer wünscht sich denn keinen Frieden? Sollten nicht eher die Autoritäten daran erinnert werden, statt die normale Zeitungsleser*in? Doch meine Kommilitonin meint, dass die Annoncen vor allem vereinend sind, da ihnen faktisch niemand widersprechen kann. Denn wer wünscht sich denn keinen Weltfrieden.

Es ist im Hinterkopf zu behalten, wie alt diese Kunstwerke bereits sind. Trotzdem haben sie nicht an Relevanz verloren und fühlen sich doch tröstlich an, ohne dabei kitschig zu wirken. Ihre Werke sind auf eine Kernaussage reduziert und damit disruptiv für das eigene Weltbild, ohne überfordernd zu sein. Die Ausstellung fühlt sich kurzweilig an, hat in dieser Kürze aber Eindruck hinterlassen. Wer sich Zeit nimmt und sich traut, an den interaktiven Kunstwerken mitzuwirken, kann in der Ausstellung Dream Together den eigenen Horizont erweitern, auch oder gerade wenn man sich für Aktivismus interessiert. 

Wir sitzen danach noch am Museum, auf dem großen, grauen Vorplatz. Dort steht auch der kleine Wish Tree von 1996. Stunden von Gesprächen vergehen und meine Kommilitonin ermutigt mich, noch einen Wunsch an den Baum zu hängen, doch dafür sind die Blätter leider aus. Zum Glück drehen sich am Baum im Wind schon viele mit der Aufschrift „Peace and Love for everyone”. So hängt mein Wunsch also schon da und einige Besucher*innen haben gemeinsam geträumt. Der Wunschbaum ist kleiner als erwartet, doch seine Präsenz spürbar, geradezu prophetisch, neben der lauten Baustelle in der Potsdamer Straße. 

  1. Die folgenden Informationen, wenn nicht anders dargestellt, entstammen den Infotafeln der Ausstellung. ↩︎
  2. Avantgardistische und interdisziplinäre Kunstbewegung der 1960er Jahre mit Einbeziehung von Zufall und Beteiligung des Publikums am Werk: https://www.swr.de/swrkultur/kunst-und-ausstellung/kunst-fuer-alle-was-hat-es-mit-der-kunstrichtung-fluxus-auf-sich-100.html [abgerufen am 22.08.2025]. ↩︎
  3. Die Geschichte dahinter: https://www.linz.at/kultur/92627.php#:~:text=Die%20Geschichte%20von%20Sadako,deshalb%20faltete%20sie%201000%20Papierkraniche [abgerufen am 22.08.2025]. ↩︎

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