Wir unterstellen Schweigenden oft, dass sie abwesend sind. Dabei soll Stille uns erst dazu befähigen, uns selbst wahrzunehmen. Wie die vermeintliche Antinomie unser Leben prägt.

Von physischer Unbeweglichkeit über akustische Leere – sei es Schweigen, Meditation, oder seelisches Innehalten – bis hin zur Verborgenheit, wie bei einem Geheimnis. Stille lässt sich als Ruhe bis zu existentieller Starre erklären.
Die An- und Abwesenheit der Stille prägt unsere Existenz von der Geburt bis zum letzten Atemzug. In erster Linie vollzieht sich dieser Zusammenhang in der Kommunikation, etwa in Redewendungen wie »Stille Wasser sind tief« oder »In der Stille liegt die Kraft«. Wörter existieren überhaupt erst durch die Verarbeitung des Gehirns. Der Philosoph Martin Heidegger spricht von einem langsamen, stillen Prozess, der die Sprache nicht oberflächlich bearbeitet, sondern in ihrem Wesen berührt und formt. Für ihn ist Denken kein schnelles Reflektieren, sondern Innehalten – der Prozess, der dem Formulieren von Worten vorausgeht. Infolgedessen frage ich mich: Wann entsteht Stille? Beim Nachdenken oder erst bei Heideggers stillem Prozess?
Sobald man beginnt, über das Gehirn zu sprechen, öffnet sich ein Feld neuer Überlegungen: Existiert Stille in unserem Gehirn überhaupt? Bezieht sich die Stille per definitionem auf das Nichts? Descartes’ Postulat Cogito ergo sum – »Ich denke, also bin ich« – hat das Fundament unserer Weltanschauung gelegt. Ergo: Denken ist der Beweis unserer Existenz. Deshalb frage ich mich: Wenn wir denken, wie kann sich Stille herausbilden?
»Experimente belegen, dass selbst unbewusst wahrgenommene Stimuli neuronale Aktivität in sensorischen Arealen induzieren. Somit entschlüsselt unser Gehirn selbst die akustische Leere – die Stille – fast wie einen Reiz.«
Der Hirnforscher Gerhard Roth hingegen veranschaulicht das Bewusstsein als »den Zustand, wie es sich anfühlt, irgendetwas zu sehen, zu hören«. Dabei versteht er unter »irgendetwas« »Inhalte des Wahrnehmens, Denkens, Vorstellens, Erinnerns, auch der Handlungsplanung und der Gefühle« versteht. Er unterscheidet zwischen dem Strom des Bewusstseins, der Abfolge bewusster Inhalte wie Wahrnehmungen, Gedanken und Gefühle sowie dem Hintergrundbewusstsein, dem Identitätsempfinden, Körpererleben und Verortung in Raum und Zeit. Laut Roth kann belegt werden, dass selbst unbewusst wahrgenommene Stimuli neuronale Aktivität in unserem Gehirn auslösen. Unser Gehirn entschlüsselt selbst die akustische Leere – die Stille – wie einen Reiz. Es ergebe sich daher ein interaktiver Dualismus: das Gehirn als Instrument zur materiellen Verwirklichung des immateriellen Geistes. Während Descartes den Geist (res cogitans) als unabhängig von Körper und Gehirn begreift, lehnt Roth die Vorstellung eines reinen Geistes ab, der unabhängig vom Gehirn denkt oder entscheidet. Gedanken, Wille und Gefühle werden für ihn von neuronalen Prozessen hervorgebracht, die nie aufhören, selbst wenn keine äußeren Reize vorhanden sind. Beide Intellektuellen sind sich jedoch in einem Punkt einig: Stille existiert nicht – weder im Zusammenspiel mit einem äußeren Geist, noch wenn das Gehirn den Geist im Körper birgt.
Darüber hinaus entfaltet sich ein weiterer Aspekt: die Wirkung des Gehirns auf den Körper. In diesem Sinne wird Stille als Ressource gegen Erkrankungen verstanden. Sie dient der Genesung. Wir streben unbewusst diese Form des Wohlbefindens an, wenn wir ruhige Orte aufsuchen – Bibliotheken, Klöster oder Gärten. Im wissenschaftlichen Bereich findet Stille vor allem in der Psychotherapie Anwendung. Eine der bekanntesten Heilanwendungen, in der Stille im Mittelpunkt steht, ist shinrin-yoku (森林浴). Die Praxis bezeichnet das Waldbaden und stammt aus Japan. Shinrin-yoku beruht auf der positiven Wirkung der Phytonzide, die wissenschaftlich bestätigt ist. Diese Pflanzenwirkstoffe, die Bäume abgeben, fördern gemeinsam mit der Stille des Waldes die Regeneration von Gehirn und Körper.
Die paradoxe Natur der Stille in Kombination mit unserem Gehirn muss uns nicht überraschen. Schon Platon diskutierte in den Nomoi das Konzept der Stille: »Lieber Fremder, steht denn alles still und bewegt sich gar nichts? Oder ist das genaue Gegenteil davon der Fall?« Platons Figuren untermauern die Theorie, dass Bewegung und Ruhe miteinander verbunden sein können. Er illustriert dies anhand des Bildes eines sich drehenden Kreises, dessen Mittelpunkt unbewegt bleibt.
Abschließend dünkt uns das lebendige – und somit bewegliche – Gehirn vergleichbar mit dem unbeweglichen Mittelpunkt in Platons drehendem Kreis: In ihm ist Stille keine bloße Abwesenheit oder ein geläufiges Element, sondern eine wichtige Grundlage, die uns zum Hören, Denken und Selbstwahrnehmung befähigt.
