Buchstaben gegen Zahlencodes

Es gibt einen neuen Stern am Himmel der Zeitungsbranche: die Onlinezeitung. Nicht nur finanziell, sondern auch in den Beliebtheitswerten zeigt sich, dass der Stern Onlinezeitung mittlerweile deutlich heller strahlt als das klassische Printangebot. Immer mehr Zeitungsverlage setzen auf digitale Formate und entsagen nach und nach der Printzeitung. Ein Kommentar von Greta Kluge zu den Hintergründen und der Bedeutung dieser Entwicklung.

Online und Print vereint. Bleiben beide nebeneinander bestehen? Foto: Greta Kluge

Ich bekenne mich zur Zeitungsleserin, mehr noch: ich will als solche erkannt und geschätzt werden. Was gehört dazu? Die Vertrautheit des Geraschels beim Umblättern der Seiten, eigentlich nervige Riesenformate, die man umständlich zusammenfaltet, um sie dann zerknittert und mit leicht verschmierter Druckertinte aus der Tasche zu holen. 

Eine Zeitung ist für mich Statement-Piece, manchmal Dekorationsobjekt, eine Unterlage für sämtliche Handwerksaktionen und vor allem: ein treuer Begleiter. All das wird mir immer mehr zum Verhängnis, denn meine treue Begleitung verändert sich zunehmend, und ich bekomme Verlustängste. 

Warum setzen sich digitale Angebote so rasant durch?

Es scheint, als wäre ich in unserer Generation allein auf weiter Flur. Im Jahr 2024 lasen 11,1 Mio. Menschen zwischen 14 und 29 Zeitung, davon griffen allerdings nur 4,1 Mio. auf das Printangebot der Medien zurück. Die beträchtliche Mehrheit hält sich also über den Bildschirm auf dem Laufenden. Das ist nicht nur in der jungen Generation der Fall, sondern ist überraschenderweise ein gesamtgesellschaftlicher Trend. Zeitungsverlage können ihre Reichweite in allen Altersklassen steigern, wenn sie digitale Angebote anbieten. Das führt dazu, dass auch in der Zeitungsbranche skurrile deutsch-bürokratische Wortneuschöpfungen angekommen sind: Die Doppelnutzung. 41,7 Prozent der Zeitungsleser*innen können sich nicht entscheiden und wollen beides.  Die gleichzeitige Verfügbarkeit zahlreicher Angebote und die damit verbundene Tendenz, sich nicht entscheiden und festlegen zu können, ist fast schon ein Störungsbild typisch für unsere Altersgruppe. Es wird uns auch in dieser Hinsicht nicht unbedingt leicht gemacht. Große Verlage, wie beispielsweise DIE ZEIT, bieten in ihrem klassischen Printangebot und der Onlineredaktion unterschiedliche Artikel. Hat man das Abonnement für die Printausgabe, heißt das noch lange nicht, dass man die Onlineartikel lesen kann, vice versa. Das ist für die Verlage eine grandiose Möglichkeit, zusätzliche Einnahmen zu erzielen, die in Zeitungsverlagen – vor allem in kleineren, lokalen Blättern – hoch umkämpft sind. 

Die Hardfacts regeln: Es ist für Zeitungen mittlerweile deutlich profitabler, digital zu publizieren. Olaf Scholz wäre begeistert, auch in der Zeitungsbranche gab es 2024 eine „Zeitenwende“: Erstmals lasen mehr Menschen digital als gedruckt. Neben der reinen Befriedigung der Lesenden spielen bei der zunehmenden Umstellung auf digital noch andere ökonomische Faktoren eine Rolle. Material- und Distributionskosten sind eklatant gestiegen, für Papier und Lieferung muss so viel Geld aufgebracht werden, dass sich manche Zeitungen, darunter der Londoner Evening Standard, Lokalausgaben der Märkischen Allgemeinen Zeitung oder die Tageszeitung der taz dazu entschieden haben die Printausgabe einzustellen. Das geschieht oft zum Leidwesen der älteren Leserschaft, die sich noch nicht mit der Verschiebung ins Digitale zurechtfindet und die sich, im Vergleich zu jüngeren Abonent*innen noch nicht für die digitalen Angebote begeistern kann. Resultat ist, dass Redaktionen wie der Tagesspiegel Schulungen anbieten, bei denen Anleitungen bereitgestellt werden. Denn auch das muss bei der Umstellung mitgedacht werden: Auf die ältere Leserschaft stützen sich die größten Verkaufszahlen. 

Ein Generationenkonflikt, der sich zwischen Druckertinte und Zahlencodes abspielt. Zunehmend fällt auf, dass sich an dieser Front auch Vorurteile verschärfen. Schaut ein junger Mensch in der Bahn aufs Handy, gehe selbst ich nicht davon aus, dass gerade eine Onlineausgabe einer Zeitung auf dem Bildschirm geöffnet ist. Älteren Menschen wird es ähnlich ergehen. Von außen bleibt unsichtbar was konsumiert wird. Anders ist es bei Zeitungen. Da ist manchmal sehr offensichtlich, was die Person vor einem interessiert. Ich würde behaupten, auch hier trifft man schnell seine Urteile. Man kategorisiert doch sehr leicht, von welchem Schlag Mensch jemand ist, der gerade einen Wirtschaftsartikel der WELT liest, im Gegensatz zu jemandem, der gerade einen Kulturartikel in der taz überfliegt. Steile These, aber vielleicht ist gerade das ein Grund für die Beliebtheit der Onlineangebote. Alles wird politischer, Anfeindungen häufiger, böse Blicke allemal, will ich da, dass jeder weiß, was ich medientechnisch konsumiere?

Was steckt hinter digitalen Angeboten?

Um nicht allzu sehr in Pessimismus abzurutschen, gebe ich zu, dass es schon auch schöne Seiten an digitalen Artikeln gibt, die eine Printausgabe so nicht liefern kann. Ein Punkt leuchtet dabei besonders ein: Printmedien bieten keine Möglichkeit zur Interaktion, man kann weder reagieren, noch teilhaben oder diskutieren. Dabei ist unmittelbares Feedback zum Standard geworden, INTERAKTIVITÄT wird großgeschrieben und zur Messlatte jeden Angebotes, das irgendwie in der Öffentlichkeit stattfindet. Leserbriefe klingen da für viele Ohren unattraktiv: zu langsam, zu wenig direkt, zu viel Aufwand. Schaut man sich Befragungen an, steht in puncto Beliebtheit ein Aspekt immer ganz oben mit dabei: Flexibilität. Man hat das Handy sowieso immer in der Tasche, kann mal für ein-zwei Minuten kurz über einen Artikel fliegen und sich an jedem Ort über Aktuelles informieren. Das verstehe ich aber ehrlicherweise nicht ganz. Wenn ich mich dazu entscheide, lesend Zeit in Nachrichten und nicht Podcast hörend, was noch einmal eine andere Debatte wäre, dann will ich die Inhalte verstehen. Ich will in der Lage sein, mit anderen darüber sprechen zu können. Studien zeigen immer wieder, dass Inhalte digital deutlich schlechter aufgenommen werden. Vor allem bei Informationstexten ist dies der Fall – das hat eine Forschergruppe aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen im Zuge der “Stavanger Erklärung“ bestätigt. Das ist vor allem im Bezug auf Zeitungsartikel auch kein großes Wunder, denn man hat ja nicht nur die Buchstaben schwarz auf weiß vor Augen, sondern mindestens genauso viele Anzeigen, Werbebanner, Links auf weitere Informationen und private Nachrichten, die gerade im Hintergrund so hereingeflogen gekommen. Man kann sich nicht mehr darauf konzentrieren, den Text und die Arbeit der Journalist*innen zu würdigen, sondern schlittert wortwörtlich zwischen den Zeilen hin und her.

Was wird also nun aus meiner treuen Begleitung, der Zeitung? 

Hoffnung habe ich: Es gibt ein Gesetz, benannt nach Wolfgang Riepl, das sich seit 1913 bewährt hat. Das Riepl’sche Gesetz besagt, dass in Zeiten von Medienumbrüchen „alte“ Medien nie gänzlich durch „neue“ ersetzt oder verdrängt werden. Einmal eingeführte Medien bleiben, sie sterben nicht aus. Schallplatten und Kassetten sind dafür ein gutes Beispiel. Menschen, die diese Medien liebgewonnen haben, lassen nicht einfach so von ihnen ab. So wird es auch mir ergehen. Wahrscheinlich werde ich in einer guten alten Dreierbeziehung enden, liiert mit und eingeklemmt zwischen Print und Online.

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