„It’s Britney, Bitch“ hat in seiner 123. Aufführung eine Schlussszene dazugewonnen. Sie beginnt, genial von Lena Brasch inszeniert, erst nach dem Applaus. Die Darsteller*innen? Sind wir alle. Von Luca Klander.

Noch ein letztes Mal erklingt Oops!…I Did It Again, die Schauspielerin Sina Martens performt im roten Latex, jede Pose des ikonischen Musikvideos sorgfältig nachahmend. Playback natürlich. Schön aussehen, das muss sie. Den Rest traut man ihr nicht zu.
Dann abrupte Dunkelheit, das Stück ist vorbei. Als das Licht zurückkehrt, folgt die gewohnte Choreografie von Applaus und Runden der Verbeugung. Doch diesmal ist etwas anders: Unter den Beifall im ausverkauften großen Haus des Berliner Ensembles mischen sich Buhrufe eines älteren Mannes. Immer wieder setzt er zum lautstarken Protest an und erntet zunehmend irritierte oder beschämte Blicke.
Ich bin häufig im Theater. Ich habe erlebt, dass beträchtliche Teile des Publikums nicht oder leise klatschen, dass auf einzelne Aussagen während der Aufführung Zwischenrufe aus dem Saal kommen. Auch dass Besucher*innen aufstehen und den Saal verlassen, mal gebeugt und bemüht, nicht aufzufallen, mal billigend in Kauf nehmend, dass sich die ganze Sitzreihe erheben muss. Aber das sind eher Kommentare und kein Protest (als Selbstzweck).
Der Idealist im Parkett?
Es braucht Beharrlichkeit, bis zum Ende dazubleiben, und Mut, gegen die klatschende Menge anzubuhen. Diese herablassende Intervention hat schon lautmalerisch etwas Primitives. Man kann das langgezogene Buh aber auch als Ausdruck einer ungemeinen Theaterliebe verstehen: Zu dieser Kunstform, die so sehr von der Resonanz des Publikums lebt. Gebührt dem (alten weißen) Mann also Dank? Als Defibrillator dieser prüden Menschenmenge, die auch klatschen würde, wenn sie der einsetzende Applaus aus dem Schlaf gerissen hätte? Vielleicht ist er ein gekränkter Idealist, der diesem epischen Theaterhaus etwas Interaktion erbringen will. Vielleicht sollte man den Spieß einfach umdrehen und auch das Publikum mit einem Applaus bewerten lassen. Wie hat es performt? Mitgemacht? An den richtigen Stellen gelacht? Interessiert geschaut, den direkten Blicken standgehalten? Nicht auf Handy geschaut, den Harndrang unterdrückt? Aber wir sind hier nun mal nicht bei Handkes Publikumsbeschimpfung.

Applaus als Trinkgeld
Was rechtfertigt einen Buhruf? Diskreditierende Geschmacklosigkeiten, antiliberale Tabubrüche? Dann doch am besten als Zwischenruf und sofortiges Korrektiv. Ein inszenatorischer oder darstellerischer Dissens, gar Langeweile? Hier kommt es wohl darauf an, was man als Negativextremum begreift. Wenn das Essen schlecht gewürzt ist oder fade schmeckt, schreie ich aber auch nicht den Koch oder die Köchin an. Ich bezahle und komme nie wieder. Der tosende Applaus bleibt das freiwillige Trinkgeld für die Schauspielerin.
Oder sind wir zu empfindlich geworden? Im Globe Theater wurde noch mit Obst geworfen, heute geht es in den Spielstätten zivilisierter zu. Schauspieler*innen müssen Missbilligungen ihrer Darstellung aushalten können, geht es beim Applaus in seinen Abstufungen doch darum, die Qualität der Darbietung zu beurteilen, nicht die Person. Doch auch wenn Sina Martens sich hier nicht als Privatperson verbeugt, ist die Rolle der Britney Spears schon halb aus ihrem Körper entwichen und der Realitätsbruch nicht mehr ganz gegeben.
Patriarchale Kontrolle im Glanz des Showbusiness
In der Situation spiegelt sich groteskerweise auch die Thematik des Stückes. Spears, die als Kinderpopstar der 2000er den invasiven Journalistenfragen ebenso alleine ausgeliefert war wie der ausbeuterischen Vormundschaft ihres eigenen Vaters, dient hier eher als Prisma. Brasch verhandelt grundsätzlich den Voyeurismus des patriarchal durchtränkten Showbusiness und toxische Abhängigkeitsverhältnisse unter dem Deckmantel bedingungsloser Liebe. Männer und Väter sind in diesem Stück daher mindestens genauso gut aufgehoben wie die Mehrheit an jungen Frauen im Saal, die in der Zeit, in der Britney, die Rebellin mit Kippe und kahlgeschorenem Kopf, jedes Bravo-Cover zierte, noch Kleinkinder waren.

„Ich liebe dich“, sagt Mertens im Stück zum Publikum. „Was macht das mit Ihnen? Verstehen Sie das als Aufforderung zur Erwiderung? Wie ist es, wenn ich sage: ,Lieb mich!‘? Das ist schon anders, oder?“ Das Buh wird zur Verweigerung des Erwiderungsreflexes. Es bricht die freundliche Symmetrie zwischen Bühne und Publikum. Vielleicht beginnt an diesem Punkt das eigentliche Stück. Denn dann passiert etwas Erstaunliches: Menschen im ganzen Saal stehen auf. Standing Ovations als visuelle Reaktion auf die akustische Vereinnahmung. Ein seltener Moment, in dem Theater aufhört, Darstellung zu sein, und sich selbst beobachtet.
