„Der dritte Streich” – Widersetzen in Gießen und der Stand der Dinge.

Ein Interview mit Pressesprecherin Tony von Widersetzen und Studis gegen Rechts in dem es um die Bewegung an sich, die anstehende Reise nach Gießen und um aktuelle Hochschulpolitik geht. Geführt von Malina Schütz und Cedric Strehlow.

Ein Einblick in das Werbetreiben von SGR und Widersetzen.  Foto: Cedric Strehlow

Es ist vielleicht der prominenteste linke Protest unserer Zeit: Die „Widersetzen”-Bewegung ruft immer wieder dazu auf, große Treffen der AfD durch Sitzblockaden zu verhindern, und erfährt dabei eine umfangreiche Berichterstattung. 

Im vergangenen Januar verzögerte ein Sitzstreik der Initiative den AfD-Parteitag in Riesa um 2 Stunden. Das waren 90 Minuten mehr als 2024 in Essen herausgeholt werden konnten. Diesen Sonntag, den 29.11., ruft die Initiative zur dritten großen Aktion auf, dieses Mal geht es nach Gießen. Dort soll gegen die Neugründung der Jugendorganisation der AfD protestiert und vielleicht ein neuer Rekord aufgestellt werden. 

Wie die Gruppe ihre Rolle in der Gesellschaft sieht, wer ihre Vorbilder sind, warum sie sich für das Mittel der Blockade entschieden hat und wie das Ganze vonstatten geht, erzählt uns Tony, die auch an der FU studiert.

FURIOS: Hey Tony, schön, dass das geklappt hat. Wir wollen direkt einmal inhaltlich starten und wissen: Warum problematisiert ihr die Neugründung und Eingliederung dieses neuen AfD-Jugendverbandes so vehement?

Tony: Die AfD ist an sich erstmal eine Partei, die einfach rechtsextrem ist. Sie vertritt verschiedene faschistische Werte und will die Demokratie gezielt angreifen. Das sehen wir als große Gefahr. Die Situation ist jetzt, dass die AfD-Jugend sich am 29.11. in Gießen neu gründen will. Die hat sich im Januar aufgelöst, weil der Verfassungsschutz sie als gesichert rechtsextrem eingestuft hat. Besonders besorgniserregend ist, dass sich viele Parallelen zur NSDAP und der HJ ziehen lassen, wo die Jugendorganisation den gewaltbereiten Arm auf den Straßen gebildet hat. Es ist nämlich so, dass Menschen, die an der Gründung beteiligt sind, zum Beispiel Vorsitzende, die zum Teil Leute sind, die in der identitären Bewegung oder bei der Elblandrevolte aktiv waren. Das sind Menschen, die zutiefst nationalsozialistisch geprägte Werte vertreten und ein völkisches Weltbild propagieren. Das ist natürlich eine große Gefahr. Das wollen wir verhindern. Deshalb fahren wir am 29.11. alle nach Gießen.

FURIOS: Daran anschließend: Wie kam es zu eurer Gründung und was habt ihr bislang durchgeführt?

Tony: Wir haben uns nach den Correktivrecherchen im Januar 2024 gegründet. Wir, das sind die Bündnisse Widersetzen und Studis gegen Rechts, die eng miteinander zusammenhängen und ungefähr seit Februar 2024 gegen den Rechtsruck in der Gesellschaft und an den Hochschulen vorgehen. Das Ziel von Widersetzen ist es vor allem, durch Blockaden große, rechte Veranstaltungen zu blockieren. Beispielsweise haben wir die Parteitage der AfD in Essen und Riesa durch Sitzblockaden verzögert. Außerdem waren Widersetzungsmenschen jetzt schon dreimal in Jüterborg und haben da Parteitage der Berliner AfD gestört und verzögert. Wir haben auch schon große Naziaufmärsche verhindert.

FURIOS: Inwiefern versteht ihr euch als letztmöglichen Umgang mit der AfD, oder habt ihr auch Hoffnung oder Erwartungen für andere Aktionen und Umgangsmöglichkeiten?

Tony: Ich würde sagen, dass es eine von vielen Möglichkeiten ist, weil die Gesellschaft auf vielen Ebenen funktioniert und mitgestaltet wird.

Natürlich gibt es auch Diskussionen oder Konfrontationen mit der AfD in der Regierung oder so, aber neben den Diskussionen mit der AfD auf parteilicher und medialer Ebene verstehen wir uns als Gegner der AfD auf den Straßen. Es geht vor allem auch um ein Symbolbild.

FURIOS: Habt ihr für eure Aktionen sowas wie ein Vorbild oder wie kam es zu eurer Idee?

Tony: Blockaden von großen faschistischen Events haben durchaus eine Geschichte. Unser großes Vorbild ist Dresden Nazifrei 2010. In Dresden hätte der europaweit größte Aufmarsch von Rechtsextremen stattgefunden, der dann aber vom Bündnis Dresden Nazifrei verhindert wurde. Und zwar dadurch, dass ein ganz breites zivilgesellschaftliches Bündnis sich auf die Straße gesetzt hat und die Polizei das nicht mehr räumen konnte, weil das unverhältnismäßig gewesen wäre. Es saßen zu viele unterschiedliche Menschen auf der Straße und haben sich widersetzt. Genau das Gleiche haben wir auch im März geschafft. Da gab es in Berlin einen Naziaufmarsch in Friedrichshain, der aus dem gleichen Grund nicht stattfinden konnte, weil zu viele Menschen da waren. Ab einem gewissen Punkt kann die Polizei auch nicht mehr räumen, weil es nicht mehr tragbar ist, wenn sich so viele Menschen auf der Straße widersetzen. Deshalb setzen wir total auf Masse. Widersetzen ist nicht so ein Block von 20 vermummten Antifa, die irgendwie gewaltbereit sind, sondern eine Versammlung von friedlichen Demonstrierenden. Wir sind bunt und ein breites Bündnis von allen Altersklassen und allen Gesellschaftsschichten, um der breiten Masse zu zeigen: Das ist keine normale Partei, und sie darf nicht so eine Jugendorganisation gründen.

FURIOS: Wie angenommen fühlt ihr euch von der Gesellschaft? Das fragen wir gerade dich, die im Kontakt mit den Medien steht: Was für eine Resonanz erfahrt ihr aus den verschiedenen Lagern und was ist euer Gefühl, wie schätzt ihr eure aktuelle Situation ein?

Tony: Ich habe eigentlich ein sehr gutes Gefühl, weil wir durch unsere breite Zusammensetzung auch nicht so viel Angriffsfläche bieten und wir auch ein riesiges Bündnis sind, von dem nie eine Eskalation ausgeht. Deshalb habe ich eigentlich das Gefühl, dass es gerade ganz gut um uns steht.

Es kommt natürlich auch immer darauf an, in was für Kreisen man sich bewegt und Widersetzen arbeitet auch mit verschiedenen Gruppen zusammen. Zum Beispiel Azubis gegen Rechts, Omas gegen Rechts, Schüler gegen Rechts, es gibt mittlerweile sogar Eltern gegen Rechts. Ich kenne vor allem die Perspektive von Studis gegen Rechts und würde jetzt sagen, dass wir hier auf jeden Fall sehr gut angenommen werden, aber ich glaube auch, dass eine Uni in Berlin ein sehr, sehr dankbarer Ort für antifaschistische Arbeit ist, und das ist sicherlich nicht überall so. Ich glaube trotzdem, dass sehr viele Leute eine gewisse Notwendigkeit sehen.

FURIOS: Okay, dann wollten wir uns einmal zu einer ganz anderen Sache erkundigen. Ihr wolltet ja am 12.11. großangelegte Treffen an der HU, der FU und an der TU veranstalten, die dann jedoch am selben Tag von den Verantwortlichen an den Hochschulen abgesagt wurden. Zuerst einmal: Wie war das für euch, wie seid ihr damit umgegangen?

Tony: Es ging nicht um bloße Treffen, sondern um große Aktionskonferenzen, die wir geplant hatten. Die wurden vorher angemeldet, deshalb war das, auch für uns ein bisschen dramatisch, weil wir komplett im Vorbereitungsmodus waren und wussten: Wir haben jetzt in zwei Stunden eine große Veranstaltung. Wir haben letzte Sachen fertig gemacht, und dann kamen auf einmal die E-Mails. Erst kam circa eine Stunde vorher die Ansage, dass es an der TU nicht stattfinden kann, und dann eine Stunde später die von der HU und FU, weil sich die Präsident*innen der drei Unis zusammengesetzt und sich für diesen Umgang mit dem Druck der AfD entschieden haben. (Die AfD hatte durch ihre Anwälte deutsches Hochschulrecht geltend gemacht. Anm. d. Red.)   

Es wurde uns in der Form nicht so genau kommuniziert, und dann standen wir halt natürlich erst mal da. Letztendlich durfte das Ganze an der TU unter Auflagen stattfinden, da waren dann 800 Leute. Das war eine total krasse Erfahrung.

Im Nachhinein war das für mich, aber auch für uns alle total erschreckend. Ich glaube, in dem Moment haben wir das auch noch gar nicht so richtig realisiert. Erst später haben wir nochmal reflektiert: Was ist hier eigentlich gerade passiert? Da ist uns allen auf jeden Fall ganz anders geworden. Einfach, weil das ein krasser Eingriff von der AfD in die Hochschulautonomie ist.Ich bin selber seit über einem Jahr dabei, und das habe ich noch nie erlebt. Wir haben schon tausend große Veranstaltungen an der Uni gemacht und da gab es nie ein Problem. Zu sehen, dass die AfD sich bespricht und aktiv unsere Veranstaltung stört, hat uns sehr erschrocken. Vor allem, dass die Uni dann auch einknickt unter dem Druck. Wir sehen da auch den Punkt der Uni, und wir machen denen auch keinen Vorwurf. Wir halten die jetzt nicht für Faschisten. Aber zu sehen, dass wir nicht mehr einfach so unsere Veranstaltungen machen können, das ist einfach eine Veränderung. Und da merkt man einfach: Es geht alles weiter nach rechts in der Gesellschaft, und das ist schon unheimlich. Vor allem, weil man sich ja auch die Fragen stellen muss, dass es eben das Neutralitätsgebot an den Unis gibt, und da wollen wir uns auch mit den Verantwortlichen auseinandersetzen.

FURIOS: Da folgt jetzt natürlich die Anschlussfrage nach dem juristischen Kontext. Wie genau sieht jetzt eure Zukunft an den Universitäten aus, könnt ihr weiter eure Arbeit machen oder wird sich da etwas verändern?

Tony: Genau, wir sind da im Austausch mit den Universitätsleitungen und können bislang noch nichts Weiteres mitteilen. Grundsätzlich ist es juristisch so, dass das Neutralitätsgebot gilt (dieses besagt, dass es an Hochschulen keinen Raum für Debatten gegen oder für explizite Parteien geben darf. Anm. d. Red.). Da wir aber von einer Partei sprechen, die diese Demokratie aktiv angreift, müssen wir uns fragen: Zieht das da noch? Kann man da noch ein Neutralitätsgebot verteidigen, wenn es eben um eine Partei geht, die einfach die Demokratie aktiv angreift? In erster Linie ist die FU an sich politisch neutral, aber die FU ist auch eine wertebasierte Universität, und die AfD vertritt diese Werte nicht.

FURIOS: Es geht das Gerücht um, dass antifaschistische Demonstrierende von der Bundesregierung bezahlt werden. Ist da was dran? 


Tony: Das wäre natürlich sehr, sehr toll, aber das ist nicht so. Ich glaube, wenn man dafür bezahlt werden würde, dann wäre es auch viel beliebter, sich für Menschenrechte und eine vielfältigere Gesellschaft einzusetzen. Aber das passiert alles in der Freizeit. Wir haben alle sehr damit zu tun, Studium, Arbeit und alles Aktivistische unter einen Hut zu bekommen.

FURIOS: Dann jetzt eine Frage zur Reise nach Gießen, ganz konkret: Kannst du sagen, wie ihr das Ganze zurzeit plant und was ihr erwartet? 

Tony: Was ich sagen kann, ist, dass wir gerade noch ganz fleißig Tickets verkaufen. Die Polizei rechnet schon jetzt mit 40.000, 50.000 Menschen, die sich in Gießen widersetzen werden. Diverse Organisationen kümmern sich in ganz Deutschland darum, nach Gießen zu fahren, Busse zu organisieren und alles aufzubauen. Ich glaube, das wird auf jeden Fall ein sehr, sehr besonderer Tag. Unser Ziel ist es, dass wir so viele Menschen sind, dass es unverhältnismäßig wäre, uns zu räumen, und sich die AfD-Jugend dann tatsächlich nicht gründet.

FURIOS: Für die Gründung müsste die Jugend also erstmal lokal an diesem Ort zusammenkommen?

Tony: Genau, also so ist es erstmal geplant. Wenn die Halle dann eben leer ist und sie das nicht machen können, dann ist das erstmal ein großer Erfolg.

FURIOS: Welche Personen sind deiner oder eurer Meinung nach dafür geeignet, diese Reise anzutreten?

Tony: Mir fallen wenig Szenarien ein, wo ich einer Person davon abraten würde. Es ist ein total breites Bündnis, auch die Omas gegen Rechts fahren zum Beispiel mit. Verschiedene Altersklassen sind vertreten und wir haben auch barrierefreie Busse. Außerdem gibt es Aktionstrainings, mit denen man top vorbereitet wird. Ohne Aktionstraining nehmen wir auch quasi niemanden mit, weil da nochmal sehr viele wichtige Infos geteilt werden. Erstmal ist es für jede Person möglich, und dadurch, dass wir so viele Menschen sind, ist die Repressionsgefahr meiner Erfahrung nach auch eher gering.

FURIOS: Wie waren die letzten Aktionen für euch und was habt ihr daraus mitgenommen?

Tony: Es ist auf jeden Fall sehr aufregend für viele Menschen und Widersetzen hat auch schon große Erfolge gefeiert. Beispielsweise sind wir im Mai nach Demin gefahren und haben da einen sehr großen Naziaufmarsch verhindern können. Das war ein total großer Erfolg und dafür haben wir auch in der Stadt eine sehr breite Resonanz bekommen. Die haben sich total gefreut, dass wir da alle hingefahren sind, um diesen Naziaufmarsch zu verhindern. Da wohnen teilweise ältere Leute, die sich seit Jahren angucken müssen, wie Rechtsextreme durch ihre Stadt laufen.

FURIOS: Was würdest du Leuten raten, die noch unentschlossen sind, ob sie am 29.11. mitfahren sollten oder nicht?

Tony: Ich finde es immer schwierig, Druck zu machen, weil es trotzdem einfach eine Entscheidung ist, die jeder für sich selbst treffen muss. Aber es lohnt sich und es gibt eigentlich für jedes Problem eine Lösung. Daher würde ich sagen: sich informieren, beim Plenum vorbeikommen und zu Aktionstrainings kommen und da mit den Menschen quatschen. Da können euch Menschen nochmal viel besser im direkten Gespräch Tipps geben, Erfahrungen teilen und Angst nehmen. Und dann einfach mitfahren! Es ist natürlich ein wahnsinnig anstrengender Tag. Aber eine faschistische Regierung 2029 will ich auch nicht haben.

An diesem sympathischen Stand vor der Mensa II gibt es mehr zu erfahren. Foto: Cedric Strehlow

FURIOS: Wie könnten euch Leute unterstützen, die nicht mitfahren wollen oder nicht dazu bereit sind?

Tony: In Gießen gibt es auch angemeldete Kundgebungen, die man sich vorstellen kann, wie entspannte und friedliche Großdemonstrationen, bei denen man nichts machen muss. Das ist natürlich immer eine Möglichkeit! Ansonsten würde ich sagen: Der Faschismus wird nicht an diesem Tag final gestoppt. Also: sich weiter organisieren, sich engagieren und bei uns beim Plenum vorbeikommen oder bei anderen Orgas vorbeigucken. Einfach alles machen, außer schweigen und zugucken!

Einblick in die Großdemonstration in Riesa, Januar 2025. Foto: Kaja Schade

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1 Response

  1. Ein klasse Bericht! Ehrlich, authentisch, motivierend! Vielen Dank!

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