Was heißt Nähe?

Ganz nah kommt man den Porträtierten in der Ausstellung „Close Enough“, die Werke von zwölf Fotografinnen der Fotoagentur Magnum zeigt. Eine Rezension von Theresa Meier.

The Necklace, 1999 © Alessandra Sanguinetti/Magnum Photos

Seit Ende September präsentiert das C/O Berlin die Ausstellung „Close Enough – Perspectives by Women Photographers of Magnum“. Sie zeigt Werke von zwölf Fotografinnen der Agentur Magnum Photos. Ursprünglich wurde sie 2022 im International Center for Photography in New York eingeweiht. Nun erschien sie zum 25. Geburtstag des C/O Berlin in einer erweiterten Version, kuratorisch adaptiert von Boaz Levin.

Der Titel „Close Enough“ bezieht sich auf ein bekanntes Zitat des Magnum-Mitgründers Robert Capa: „If your pictures aren’t good enough, you’re not close enough.“ Dieses Zitat wird in der Ausstellung kritisch behandelt: Sie dreht sich nicht nur um örtliche Nähe, sondern vielmehr um emotionale, politische, gesellschaftliche Nähe.

Nah, näher, am nächsten

Gleich zu Beginn fällt der Blick der Besucher*innen auf eine Reihe von Fotos, die sich über eine ganze Wand erstreckt. Es sind nicht nur Fotografien zu sehen, auch Kommentare wurden mit Filzstift direkt auf die Fotos „geschmiert“. Bieke Depoorters erfasste private Momente des alltäglichen Lebens, von Kindern, die im Bett liegen, von dunklen Hauseingängen und Frauen am Esstisch. Zwischen 2011 und 2016 – zur Zeit des ägyptischen Volksaufstandes – entstanden zahlreiche Fotografien, die die Künstlerin 2017 von Ägypter*innen, die nicht auf den Bildern zu sehen sind, kommentieren ließ.

Al-Minya, Ägypten, September 2013 © Bieke Depoorter/Magnum Photos
Al-Minya, Ägypten, September 2013 © Bieke Depoorter/Magnum Photos

Die Bildreihe veranschaulicht, wie die ägyptische Bevölkerung mehr und mehr von Misstrauen gegenüber Außenstehenden geprägt wird. Vor allem die Kommentare auf den Bildern, geprägt von den unterschiedlichsten politischen Meinungen, zeigen eine vielschichtige ägyptische Bevölkerung.

Besonders faszinierend ist, wie nah die Fotografin den porträtierten Personen kam und alltägliche Vorkommnisse so passend in Szene setzte. Auch einer der Kommentare erfasst diese, eher selten zu sehende Art von Fotografie: „Intimacy. How did you make this picture? How did you reach this level of intimacy? It’s so impressive.“1

Alles dreht sich um die weibliche Perspektive

Der „female gaze“, also der weibliche Blickwinkel, den die Ausstellung in den Mittelpunkt stellt, kommt in diesem Projekt ganz gezielt zum Einsatz: Cristina de Middel, die Kund*innen von Sexarbeiter*innen porträtiert, war selbst Opfer sexuellen Missbrauchs. Die Künstlerin traf 99 Männer und eine Frau, um sie zu fotografieren und zu ihren Einstellungen zur Sexarbeit zu befragen. „[Prostitution,] that’s what women are made for“2, sagte einer der Männer. Er bezahle normalerweise nicht.

Die Bilder machen wütend und lassen meinen Respekt vor der Fotografin von Foto zu Foto wachsen. Zu selten sieht man diese Perspektive: eine weibliche, neutrale, die ohne Wertung ein emotional aufgeladenes Thema zeigt.

Looking for tenderness, Beirut, Libanon, 2018 © Myriam Boulos/Magnum Photos

„Close Enough“ bringt die Betrachter*innen nah ans Subjekt, manchmal unbequem, manchmal angenehm nah. Die vielfältige Ausstellung fasziniert mit jedem Projekt und jeder Künstlerin aufs Neue. Starke weibliche Perspektiven, gesellschaftspolitische Themen und der Ausdruck von Körperlichkeit sind durch jede Künstlerin individuell aufgerollt und ausgearbeitet. Die Fotografinnen stammen alle aus unterschiedlichen Ländern und Gegenden, fotografieren an Orten ihrer Kindheit und auf Reisen. Dabei begleitet man sie gerne.

Die Ausstellung „Close Enough“ im C/O Berlin ist noch bis zum 28. Januar 2026 zu sehen. Öffnungszeiten: Täglich 11 bis 20 Uhr, für Studierende kostet der Eintritt 6 Euro.

  1. Kommentar auf einem Bild von Bieke Depoorter/Magnum Photos ↩︎
  2. Aussage des porträtierten Hugo unter einem Foto von Cristina de Middel/Magnum Photos ↩︎

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