Wer schaufelt jetzt die Scheiße weg?

Das Geschenk, der neue Roman von Gaea Schoeters, ist platt, kitschig, eindimensional und das Ende ziemlich absehbar. I love it… Eine Rezension von Malte Larssen

Foto: Malte Larssen

In Gaea Schoeters’ neuem Roman stürmt eine Elefantenhorde die deutsche Hauptstadt. Ausgedacht hat sich Schoeters dieses Gedankenexperiment nicht: 2024 schlägt der Präsident Botswanas vor, einen Teil der botswanischen Elefantenpopulation an Deutschland abzutreten. Wo das Ganze herkommt? Die deutsche Regierung hatte sich zuvor für die Verschärfung von Abschussgesetzen eingesetzt. Die Message von Mokgweetsi Masisi: Lebt ihr mal mit 130.000 wilden Tieren zusammen, die eure Häuser und Felder zerstören. Was von deutschen Medien belächelt wird, nimmt Gaea Schoeters für bare Münze und stellt sich die Frage: Was würde passieren, wenn Botswana Ernst macht?

Das Geschenk ist Gaea Schoeters zweiter Roman, der ins Deutsche übersetzt wurde und lehnt sich ästhetisch, zumindest beim Cover, stark an ihren Erfolgstitel Trophäe an. Wer den Klappentext nicht gelesen hat, mag glauben, es handle sich hier um eine Fortsetzung. Nach einigen Seiten merkt man jedoch, dass diese Geschichte zwar auch mit Wildtieren zu tun hat, jedoch in einem ganz anderen Universum spielt als Trophäe. Detailliert wird zu Beginn beschrieben, wie ein Elefantenbulle morgens aus der Spree steigt und sich im Morgenlicht badet. Das Schauspiel beobachten ein betrunkener Politiker und ein frierender Obdachloser. Die Verwirrung kann man als Leser*in gut nachvollziehen, denn erklärt wird hier erstmal nichts. Zusammen mit den zentralen Figuren werden wir in Schoeters’ Gedankenexperiment geworfen. Und zusammen findet man auch heraus, wie die Elefanten überhaupt in den Hauptstadtfluss gekommen sind. Die Einstiegsszene stimmt uns auf allerlei Kuriositäten ein, mit welchen wir im weiteren Verlauf noch konfrontiert werden. So detailliert wie auf diesen ersten Seiten wird die Erzählung nicht mehr – zwischendurch wirken Szenen fast hastig – viel Platz für ausgeschmückte Dialoge oder komplexe Figuren gibt es auf 144 Seiten ohnehin nicht.

Das Geschenk ist kein klassischer Bestseller. Der Roman spricht in Klischees, Kitsch und Anspielungen. Die wenigen Figuren, die wir als Leser*innen kennenlernen, wirken oft wie Abziehbilder realer Personen. So finden sich zwischendurch Sätze wie „Wir schaffen das“ aus dem Mund einer resignierten Kanzlerin oder wir beobachten einen aufstrebenden Rechtspopulisten, der sich die Wut verzweifelter Landwirt*innen zu Nutze macht. Um dem Ganzen noch die Sahnehaube aufzusetzen, wird die drohende Katastrophe mit einer innigen Sexszene eingeleitet, in der Kanzler Winkler zwischen den Schenkeln seiner Frau das wilde Europa findet. Natürlich verlieben sich dann zufällig auch noch zwei Hauptfiguren off-page. Zeitweise fühlt sich Das Geschenk an, als wäre der Love Island-Cast für eine Staffel ins politische Berlin gezogen. Wer versucht, die Dialoge auf einer Meta-Ebene zu lesen, wird schnell merken, dass da nichts zu holen ist. Das Intime der Gattin als Dschungel zu beschreiben, ist ein unglaublich platter Vergleich. Daran ändern auch diverse Literaturpreise nichts. Diese fehlende Tiefe kann abschreckend wirken, ist aber gleichzeitig der größte Trumpf des Romans. Wer sich über den Moment der Irritation und die Vorstellung „anspruchsvoller“ Literatur hinwegsetzen kann, wird mit Das Geschenk viel Spaß haben.

So schafft Schoeters es auf wenigen Seiten, die Irritation, Kühle und Entfremdung, die man gelegentlich beim Beobachten politischer Prozesse und dem zugehörigen Medienrummel verspürt, auf sarkastische Weise einzufangen. In diesem Kontext sind die Love Island-Vergleiche schon fast wieder angebracht. Ganz nach dem Motto: Ach, natürlich passiert das jetzt auch noch! Wir begleiten ein Kammerspiel politischer Entscheidungsträger*innen, die sich mit Bergen an Elefantenscheiße konfrontiert sehen und sich die Verantwortung für diese gegenseitig zuschieben. Gleichzeitig versinkt Berlin immer weiter im Chaos. Da kommt auch auf übertragener Ebene die Frage auf: Wer schaufelt jetzt die Scheiße weg? Subtil werden Themen wie Patriarchat, Kolonialismus, Klasse und Machthunger – die auch heute noch politische Prozesse dominieren – abgehandelt.

Gaea Schoeters neues Buch deckt keine brandneuen politischen Mechanismen auf und liest sich auch nicht wie ein emotionales Feuerwerk. Es ist vielmehr die schemenhafte Darstellung einer oft als deprimierend wahrgenommenen Welt, wobei wir im Gegensatz zu vielen anderen Texten tatsächlich über das Erzählte schmunzeln können. Das Geschenk ist ein schneller, unterhaltsamer Read und spricht sicherlich all die Leser*innen an, die auch etwas mit der Scheißeschaufeln-Metapher anfangen können. 

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