Wer die OSI-Toiletten betritt, trifft auf eine Menge bunter Aufkleber und Schriftzüge. Unserer Autorin Hanna von Roschinsky sind diese ins Auge gefallen. Worum handelt es sich bei den Botschaften – Liebeserklärungen, Werbeanzeigen oder doch ein Ausdruck politischen Aktivismus?

Kein Toilettenpapier, verstopfte Toiletten und ausgeleierte Stoffhandtuchspender. Die Toiletten im Erdgeschoss des Otto-Suhr-Instituts (OSI) sind kein Ort, an dem ich länger als nötig verbringen will. Und dennoch musste ich in letzter Zeit immer öfter an sie denken. Grund dafür sind die vielen Sticker und Tags an den Innenwänden der WC-Kabinen. Seit meinem Studienbeginn vor ein paar Jahren kann ich mich an keinen Moment erinnern, an dem mir nicht die unzähligen bunten Aufkleber ins Auge fielen.
Doch worum handelt es sich bei diesen? Sind es Liebeserklärungen und Mobbingaufrufe, wie man sie aus amerikanischen Teenie-Filmen kennt? Werbeanzeigen und Memes? Oder doch politische Parolen und Protestaufrufe? Kurz gesagt: Wie politisch sind die Klos am OSI? Und warum wollen Leute an einem Ort ihre politischen Ansichten teilen und verbreiten, der von den wenigsten als angenehm empfunden wird?
SCHON IN POMPEJI WURDE GETAGGT
Historisch betrachtet ist die Bemalung von Wänden mit politischen Ideen tief in der menschlichen Geschichte verankert. So fanden Archäolog*innen bereits bei Ausgrabungen in Pompeji in Mauern geschriebene politische Botschaften. Auch deren Verwendung, um Unmut gegen die vorherrschenden politischen Verhältnisse auszudrücken, lässt sich bis ins Römische Reich zurückführen.
Das politische Graffiti und das Tagging entwickelten sich in den 1970er Jahren in den USA. Vor allem in den ärmeren Ostküstenstädten und der Hip-Hop-Szene diente es als Kennzeichnung von Machtpositionen in den Stadtvierteln. Dafür wurden vorrangig rudimentäre Hilfsmittel wie Marker und Spraydosen verwendet, da diese kostengünstig und leicht zu transportieren waren.
Heutzutage werden Graffiti und Tags häufig als unästhetisch wahrgenommen und strafrechtlich verfolgt. Doch genau in diesem ästhetischen und rechtlichen Verstoß sowie dem historischen Ursprung liegt dessen politische Kraft. Der öffentliche Raum kann auf eine neue Art erfahren werden, indem man bewusst die Idee einer gepflegten und geschützten Stadt aufbricht. Diese Öffentlichkeit ist ein konstitutives Merkmal von Graffiti. Die Dualismen von legal vs. illegal und Vandalismus vs. Kunst können durch die Aushandlung im öffentlichen Raum verdeutlicht werden und fordern eine Reaktion durch politische Akteur*innen heraus.
Darüber hinaus besitzt das politische Graffiti im Speziellen einen kollektiven Charakter, bei dem es Aktivist*innen und Bewegungen durch einen kreativen Zugang ermöglicht wird, die eigene Position deutlich zu machen. Besonders im Falle eingeschränkter Meinungsfreiheit stellt es so eine Möglichkeit dar, auf Unzufriedenheiten oder Ungerechtigkeiten aufmerksam zu machen.
DOCH KEIN SO STILLES ÖRTCHEN: POLITISCHE BOTSCHAFTEN IN DER OSI-TOILETTE
Gerade vor dem Hintergrund des Umgangs der FU mit der genozidalen Gewalt in Gaza und der deutschen Berichterstattung darüber, scheint es nicht verwunderlich, dass sich vermehrt politische Symbole wie Wassermelonen und Parolen wie „Free Palestine“ und „Free Gaza“ auf den Toiletten finden.

Die Tatsache, dass für das politische Graffiti nicht einmal eine Spraydose nötig ist, sondern ein Marker oder Sticker ausreicht, ermöglicht es Student*innen, niedrigschwellig und kostengünstig Aktivismus zu betreiben. Auf den Sanitäranlagen lassen sich neben simplen Worten und Parolen auch größere und ausgefallenere Tags ausmachen. So beispielsweise eine Parole, welche sich über die komplette Innenseite einer Toilettentür erstreckt: „Liebig 34 stays“. Sie thematisiert das queerfeministische Hausprojekt in der Liebigstraße 34 in Friedrichshain. 2018 lief der Gewerbemietvertrag aus und führte zur Räumung im Oktober 2020.

Diese Niedrigschwelligkeit kann gleichzeitig auch eine Schwäche sein, da Sticker entfernt oder Tags übermalt werden. Die daraus resultierende Flüchtigkeit und Unbeständigkeit dieser Protestform kann als unproduktiv empfunden werden, da sie kaum zu realen Veränderungen führt.
In einem Artikel von Amnesty International betont Lisa Bogerts vom Institut für Protest- und Bewegungsforschung in Berlin, dass gerade die Zensur und Unsichtbarmachung von Streetart das genaue Gegenteil bewirken kann, da somit die Angst der Machthaber vor der vermittelten Botschaft zum Ausdruck kommt. Im Falle der OSI-Toiletten könnte sich dies im Durchstreichen von Statements, Überkleben von Stickern oder gar dem Entfernen oder Verbieten dieser etwa durch die Universität äußern. Auch am OSI kann man feststellen, dass Sticker abgekratzt oder überklebt wurden und einige Tags durchgestrichen und mit neuen Statements versehen wurden. Vor allem ein Beispiel ist mir in Erinnerung geblieben: Unter dem Spruch „Free Gaza!“ findet man eine Art dialogen Austausch, bei dem verschiedene Meinungen vertreten werden. Aussagen wurden immer wieder übermalt oder durchgestrichen und anschließend durch neue Statements ersetzt.

ABER WIE POLITISCH SIND DIE OSI-KLOS NUN?
Vor dem Hintergrund der Geschichte und Funktion des Taggings in Kombination mit der aktuellen politischen Lage scheint es nicht verwunderlich, dass Toiletten als Protestraum kreativ wahrgenommen werden. Besonders die Lage in Gaza sowie lokale oder die Studierendenschaft betreffende Themen finden sich innerhalb der WC-Kabinen. Darüber hinaus lassen sich aber auch feministische und antifaschistische Positionen, Forderungen nach mehr Klimaschutz oder Aufrufe für bessere Arbeitsbedingungen erkennen.

Allerdings sollte man den politischen Gehalt der Tags und Sticker auf den Toiletten nicht überinterpretieren. So findet man hier und da lustige Sprüche, die keine aktivistische Message transportieren oder QR-Codes für die*den nächste*n aufstrebende*n Stick-and-Poke-Tätowierer*in. Dennoch hatte ich den Eindruck, dass der überwiegende Teil politische Botschaften vermittelt. Dies kann aber auch an meiner selektiven Wahrnehmung liegen, da ich als Studierende am OSI nun primär an diesem Institut bin und somit wenig Vergleich zu anderen Fakultäten habe. Deshalb komme ich zu dem Fazit: Ja, die Toiletten am OSI sind ein Ort, an dem auf künstlerische Weise politischer Aktivismus und Protest stattfindet. Ob man hier tatsächlich politischer pinkeln geht, bleibt fraglich. (Falls ihr noch andere voll getaggte FU-Toiletten kennt, könnt ihr sie gerne in den Kommentaren teilen :))
