Mit dem ersten Akkord in C-Dur, den das Orchester spielt, sitzt unsere Autorin Greta Kluge, nicht mehr in der Staatsoper unter den Linden, sondern vor einer weltpolitischen Bühne. Mit einem Crescendo schmettert die Staatskapelle Berlin unter der Leitung des Gastdirigenten Tomáš Netopil das Publikum in die Handlung von Madama Butterfly, die sinnbildlich für alles stehen könnte, was gerade in der globalen Politik schiefläuft.

Über dem Orchestergraben, auf einer klassisch japanisch gestalteten Bühne herrscht geschäftiges Treiben. Hier beginnt die Tragödie der jungen Cio-Cio San, in der englischen Übersetzung Madama Butterfly, die in einer arrangierten Ehe mit dem amerikanischen Marineoffizier Pinkerton ihre große Liebe sieht. Er hingegen betrachtet sie lediglich als exotisches Abenteuer. Kulturelle, emotionale und soziale Konflikte, die daraus entstehen, führen unausweichlich zu einer klassischen Operntragödie: Pinkerton verlässt Japan und heiratet eine Amerikanerin. Da in Opern unbedingt auch jemand sterben muss, endet alles in Madama Butterflys Selbstmord – nachdem noch ein Kind in die Welt gesetzt wird, das an die neue Frau Pinkertons abgeben werden muss, und viel Hoffnung in das Warten auf den geliebten Pinkerton verschwendet wird. Der seinerseits leidet am Ende doch darunter, eine unschuldige Frau in den Ruin getrieben zu haben.
Die Klänge von zwei Nationen und Schicksalen
Giacomo Puccini vertonte diese Tragedia Giapponese in einer Mischung typisch üppiger westlicher Opernharmonik, traditioneller japanischer Melodien und der japanischen sowie der amerikanischen Hymne. Dass Madama Butterfly heutzutage ein sehr beliebtes Stück ist, zeigt sich auch daran, dass zwei Berliner Opernhäuser, die Staatsoper und die Deutsche Oper, seit Jahren mit wiederaufgenommenen Inszenierungen konkurrieren. Das liegt nicht nur am Inhalt, sondern besonders an der hinreißenden Musik, die die ursprünglich auf einem Reisetagebuch basierende Geschichte auf ein ganz anderes Niveau hebt. Besonders das Ende des zweiten Aktes, der bekannte Coro a bocca chiusa wird von einer so bewegenden Musik dominiert, die Tomáš Netopil mit dem Orchester und dem summenden Chor so einfühlsam umsetzt, dass einem Tränen in die Augen schießen.
Das politische Potential von Madama Butterfly
Es macht Freude zu sehen, dass die Regie unter Eike Gramss mutmaßlich mit der Sprache des Librettos, also des Textes der Oper, spielt. In der Arie „Un bel di vedremo“, in der Cio-Cio San das von Pinkerton für seine Rückkehr gegebene Versprechen besingt, erwähnt sie Rotkehlchen, was der Kostüm- und Bühnenbildner Peter Sykora gekonnt für seine szenische Ausstattung nutzt. Den zarten Rotkehlchen setzt er einen Weißkopfseeadler auf dem Zwischenvorhang entgegen, der als amerikanisches Nationaltier über allem zu drohen und alles zu überwachen scheint. Man kommt bei Puccinis Oper kaum umhin, Madama Butterfly wie eine Satire auf westliche Außenpolitik zu lesen. Pinkertons Versprechen erinnert an die Rhetorik globaler Schutzmächte, deren Unterstützung endet, sobald es für sie unattraktiv wird. Madama Butterfly scheint geradezu den Gang der Weltpolitik zu verkörpern: ihr kurzer Aufstieg, das Prosperieren durch die ihr geschenkte Aufmerksamkeit seitens des prototypischen Yankees und schließlich ihr Niedergang, die mit dem Verlust seines Interesses entstehende Not und Verzweiflung.
Puccinis Operngeschichte erscheint geradezu wie eine dystopische Prognose für die Zukunft von westlichen Regierungen unterstützter Staaten. Nicht nur die USA, sondern auch Europa und Deutschland brechen Versprechen, lassen Menschen in Ländern wie beispielsweise Afghanistan in unvorstellbaren Nöten zurück.

Wie Puccini die Geschichte der beiden Figuren aus zwei gänzlich verschiedenen Kulturen vertont, spricht Bände: Die amerikanische Dominanz wird hervorgehoben durch Zuweisung fast ausnahmslos männlicher Stimmen. Dagegen wirkt die japanische Seite fragil durch die überwiegend weiblichen Stimmlagen. Durch das EInweben der amerikanischen Hymne an Stellen wo das Libretto besonders patriotische und angeberische Töne anschlägt, entsteht schon durch die Vertonung der Sprache eine feinsinnige Ironie. Doch gelingt es Eike Gramms’ Inszenierung von 1991 nicht unbedingt eine Gesellschaftskritik vom Orchestergraben auf die Bühne zu heben.
Es werden Stereotype reproduziert und das mit Vehemenz: Da wären die sehr präsente, wehende Amerikaflagge und Kriegsschiffe als Spielzeuge. Zudem lässt Eike Gramms in der damaligen Fassung von 1991, wie im Programmheft sichtbar, die Japanerinnen und Japaner weiß schminken und charakterisiert ihre Bewegungen durch kleinen Trippelschritte im Kontrast zu den ausladenden Schritten und wenig anmutigen Bewegungen der amerikanischen Figuren.
Man sitzt zwischen dem doch klischeehaft homogen älteren Publikum und hofft, dass genau diese Regieentscheidungen Überspitzungen von Klischees sein sollen, sicher sein kann man sich allerdings nicht. Es ist eine sehr klassische Inszenierung, die einem bestimmten Klientel gefallen soll, die in die 90er Jahre passt und nicht sehr reflektiv wirkt. Puccinis Werk liefert eigentlich eine perfekte Grundlage, um die Themen Rassismus, Frauenfeindlichkeit und Kolonialismus zu beleuchten. Stattdessen scheint es, Eike Gramss möchte den Zuschauenden einen möglichst unspektakulären Opernabend bieten. Skurrilerweise scheint also Puccinis Musik aus dem Jahr 1904 moderner und spannungsvoller zu sein als Eike Gramss Inszenierung von 1991.

Madama Butterfly von Eike Gramss – mit Berechtigung eine Wiederaufnahme?
Bleibt noch die Frage: Könnte diese Inszenierung auch ein jüngeres, diverseres Publikum begeistern? Das bleibt durch die sehr klassische, sehr erwartbare Interpretation des Stückes fraglich – was schade ist. Die Stoffe vieler Opern sind ein solcher Schatz für Interpretation, Gesellschaftskritik sowie eine Auseinandersetzung mit Sprache, Kultur und Menschsein, dass es ein herber Verlust wäre, wenn das Genre Oper noch mehr an Bedeutung verliert. Die Inszenierung, die in der Staatsoper gezeigt wird, versteckt diesen Schatz. Dabei könnte man die Musik und das Libretto so gut für sich sprechen lassen und aktuelle Themen damit verweben. Denn was will man mehr als junger Mensch, wenn nicht von einem Gesamtkunstwerk aus Musik, Gesang, Kostüm, Szenerie und einer wunderschönen Spielstätte mitgerissen und zum Denken angeregt zu werden?
Es ist eine Frage der Interpretation, wie Madama Butterfly musikalisch endet: Puccini setzt keine klare Schlusskadenz, sondern vereint Dur- und Moll-assoziierte Intervalle. Ähnlich lässt sich die Frage stellen, was die Zukunft der Oper an sich betrifft. Es wäre wünschenswert, wenn die Oper eine Zukunft in Dur vor sich hätte und nicht in einem Mollakkord verklingt. Ob das mit einer solchen Inszenierung gelingt, bleibt ungewiss. Man verlässt die Aufführung nichtsdestotrotz tief berührt, schwebt mollartig aus der von Kronleuchtern erhellten Staatsoper in die Kälte einer Berliner Winternacht.
