Wärme ist mehr als eine Decke

In Berlin sind Notunterkünfte rar. Deshalb ist das Team vom Obdachbus, besonders in der kalten Jahreszeit, täglich unterwegs. Unser Reporter Rafael Martini hat das Angebot einen Abend lang begleitet und zeigt, wie warme Getränke und menschliche Nähe der kalten Realität auf Berlins Straßen begegnen.

Das Team vom Obdachbus auf der täglichen Versorgungstour durch Steglitz. Foto: Houhannes Martirosyan

Man spürt ein Aufatmen in Berlin. Nach einer Woche mit Temperaturen von bis zu minus 14 Grad wird es milder und in Steglitz weicht der Schnee den grauen Straßen.

Es ist Donnerstagabend, 18 Uhr, und das Team vom Obdachbus des Roten Kreuzes geht seine gewohnte Runde entlang der Schloßstraße. Dana und Titus sind beladen mit zwei Rucksäcken, gefüllt mit Kaffee, Tee und 5-Minuten-Terrinen. In einer Hand halten sie jeweils eine große Isolierkanne mit heißem Wasser. Sie müssen nicht weit gehen, um vor einem Kaufhaus die erste Klientin des Abends zu treffen. Stefanie schaut hoch von ihrem Tetra Pak Weißwein und ein Lächeln huscht ihr über die Lippen. Die Frage, ob sie Kaffee und eine Suppe haben möchte, bejaht sie und während die Helfer*innen beides zubereiten, kommt man ins Gespräch. Sie sei froh, dass es nun wieder wärmer wird, aber trotzdem setze ihr die kalte Jahreszeit noch zu. Außerdem habe sie Schmerzen von einem Unfall, sei deswegen auch im Krankenhaus gewesen. Mehr Hilfe als Essen und Trinken will sie jedoch nicht.

Foto: Houhannes Martirosyan

„Wir kennen die meisten Obdachlosen hier und sie kennen uns“, erzählt Dana, beim Weitergehen. „Sie hat sich beim ersten Mal als Steffi und heroinsüchtig vorgestellt.“ Ein paar Meter weiter trifft das Team auf einen weiteren Betroffenen. Dieser möchte zwar nichts annehmen, führt die beiden aber zu einer Gruppe anderer Obdachloser, die an einem wärmeren Ort Unterschlupf gefunden haben. Es herrscht Feierlaune, eine kleine Musikbox steht auf dem Boden und es wird getrunken. Nachdem auch hier Kaffee und Suppe verteilt worden sind, bittet einer der Betroffenen um Decken für die Nacht. Dana verspricht später nochmals vorbeizukommen und diese mit dem Bus zu bringen.

Weit mehr als nur Kaffee verteilen

Das Angebot des Obdachbusses beschränkt sich jedoch nicht nur auf das Verteilen von warmen Getränken, Speisen und Decken, sondern nutzt diesen ersten Kontakt, um Vertrauen aufzubauen. „Anders als viele Projekte der Kältehilfe, die nur von November bis März agieren, arbeiten wir durch eine Förderung der EU ganzjährig,“ sagt Tom, der Leiter des Projekts ist und an der FU Sozial- und Kulturanthropologie studiert hat. „Wir verfolgen den Ansatz, durch unsere Arbeit den Menschen auch zu helfen, von der Straße wegzukommen. Wir bieten zum Beispiel Postadressen für die Betroffenen und unterstützen sie bei Behördengängen und der Weitervermittlung.“

In Steglitz haben Dana und Titus ihre Runde entlang der Schloßstraße beendet und rund zehn Obdachlose versorgt. Zurück im Büro des Roten Kreuzes wartet Mirel auf sie. Die ältere Dame sitzt gebückt mit zwei Tüten im Wartebereich des Gebäudes. Als sie die beiden sieht, sprudelt es nur so aus ihr heraus. Ihre alte Unterkunft sei von dem großen Stromausfall Anfang des Jahres betroffen gewesen. Seitdem fühle sie sich dort nicht mehr sicher. Das Team des Obdachbusses fährt sie deswegen zu einem Pilotprojekt, das in Zusammenarbeit mit der Bereitschaft des Roten Kreuzes entstanden ist. In einer Fahrzeughalle in der Nähe von Zehlendorf hat man eine provisorische Notunterkunft gebaut, um die letzte, besonders kalte Woche abzufedern. Das Equipment dafür stammt von einer Notunterkunft für Betroffene des Stromausfalls im Berliner Südwesten. Vor der Halle pusten zwei große Wärmeaggregate die erhitzte Luft ins Innere, es gibt 20 Feldbetten und eine Essensausgabe. Während Mirel ankommt und ihre Schlafstätte bezieht, geht Dana nach draußen und ruft bei der Notunterkunft im Steglitzer Kreisel an, um zwei Betten zu reservieren. Eines für Mirel und das andere für einen weiteren Gast, der ebenfalls in der Fahrzeughalle schlafen wird. Nach einer Woche ist heute der letzte Abend des Angebotes. Der große Ansturm blieb aus, durchschnittlich schliefen zwölf Betroffene pro Nacht in der Halle. „Da alle Notunterkünfte aufgestockt und zum Beispiel Isomatten ausgelegt haben, war es hier ruhiger“, erklärt Timo, der ebenfalls zum Team des Obdachbusses gehört. „Außerdem muss sich ein Angebot wie dieses erstmal herumsprechen, damit die Betroffenen kommen. Wäre die U9 regulär in Betrieb, wären mehr Obdachlose zum Steglitzer Kreisel gefahren. Dann hätten die uns wegen Überfüllung angerufen und hier wären alle Betten voll. Bei unserer Arbeit ist es manchmal wie in der freien Wirtschaft, alles bestimmt durch Angebot und Nachfrage.“

Keine Besserung in Sicht

Jedoch ist Berlin weit davon entfernt, der Nachfrage gerecht zu werden. Notunterkünfte sind Mangelware und so kommen auf 1.144 Bettenplätze rund 6.000 Obdachlose. Gleichzeitig steigt die Zahl der Obdach- und Wohnungslosen im Bundesgebiet und in Berlin, obwohl die Regierung unter Scholz sich als Ziel gesetzt hatte, Obdachlosigkeit bis 2030 zu beenden. Die neue Regierung unter Merz scheint diesen Plan nicht weiter aktiv zu verfolgen und zusätzlich warnen Expert*innen, dass die neue Bürgergeld-Reform das Problem nur verschlimmert. Und so hängt es an den gemeinnützigen Organisationen und deren Beschäftigten, für die Betroffenen da zu sein. In Steglitz-Zehlendorf sind das sechs hauptamtliche Mitarbeiter und acht ehrenamtliche.

Foto: Houhannes Martirosyan

Es ist 22 Uhr. Dana und Titus sitzen wieder im Obdachbus und sind auf dem Weg, die versprochenen Decken zu liefern. Doch beim Unterschlupf angekommen, ist die Gruppe nicht mehr aufzufinden, der Boden frisch gekehrt. Titus zuckt ratlos mit den Schultern: „Vermutlich wurden sie rausgeworfen.“ Auch in der näheren Umgebung sind sie nicht zu finden. Auf dem Weg zurück laufen die beiden an einer Bankfiliale vorbei, wo zwei Obdachlose Schutz gefunden haben und auf Isomatten schlafen. Dana nimmt sich zwei Decken vom Stapel und deckt die beiden zu, ohne sie zu wecken.

Zwischen Studium und Ehrenamt

Ein paar Tage später im Café Seitensprung. Titus, der Jura an der FU studiert und ehrenamtlich für den Obdachbus arbeitet, sitzt vor einer dampfenden Tasse Kaffee. Er kommt aus Berlin, ist in der Umgebung aufgewachsen und konnte bei der wachsenden Zahl der Obdachlosen in dem Gebiet irgendwann nicht mehr wegschauen. „Vor allem seit Corona habe ich einen stetigen Anstieg der Betroffenen bemerkt. Ich habe mich bei der Freiwilligenagentur Steglitz-Zehlendorf informiert, welche Hilfsangebote es in der Umgebung gibt, und wurde auf den Obdachbus verwiesen. Nach einem Erstgespräch und einer Probeschicht war ich dann dabei.“ Seitdem wird Titus flexibel als Springer eingesetzt und hilft bei Urlaubstagen, Krankheitsfällen und anderen Engpässen aus. Dabei arbeitet er entweder in der Frühschicht von 11 bis 17 Uhr oder in der Spätschicht von 16:30 bis 22:30 Uhr. Am Anfang war manches neu für ihn. „Es ist verständlich und hat mich doch zuerst stutzig gemacht, dass ein paar Betroffene keinen Kontakt mit uns wollten oder nur Kaffee und Suppe angenommen haben, statt mit in eine Notunterkunft zu fahren. Da habe ich auch gemerkt, wie viel bei der Arbeit auf Vertrauen aufgebaut ist. Man muss öfters auf die Betroffenen zugehen, bis sie wissen, dass sie sich auf einen verlassen können und weitere Hilfe annehmen. Wenn diese Ebene dann etabliert ist, verschwindet die Anonymität und die Menschen öffnen sich.“

Hinweise:

Der Obdachbus versorgt ebenfalls den Bereich der Universität. Falls du einen Obdachlosen siehst, der Hilfe braucht, kannst du das Angebot unter +49 (0)157 580 949 52 erreichen.

Wer Interesse hat, beim Obdachbus mitzumachen, kann sich auf der Website des Angebots informieren: https://www.drk-sz.de/angebote/mobil-im-bezirk/mobil-im-bezirk/obdachbus.html

Besonders dringend werden Ehrenamtliche mit osteuropäischen Sprachkenntnissen gesucht, die per Telefon als Übersetzer aushelfen wollen. Eine Liste mit benötigten Sachspenden ist ebenfalls auf der Website zu finden.

Die Namen der Obdachlosen wurden für den Artikel geändert.

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