Music is Medicine

„I would like a ring, I would like a ring, I would like a diamond ring on my wedding finger…“ ertönt es in rasender Geschwindigkeit in den letzten Monaten immer wieder auf Social Media. Tea Lerch schreibt darüber, wie es Raye zu ihrem internationalen Erfolg geschafft hat und warum sie als Role Model unserer Generation gelten kann. 

Raye performt ihren Hit Where is my Husband, Uber Arena, Berlin. Foto: Tea Lerch 

Mit ihrer Single Escapism feierte sie im Jahr 2022 ihren internationalen Durchbruch und gewann für ihr Album My 21st Century Blues (2023) gleich sechs BRIT Awards, ein neuer Rekord. Jedoch macht Raye, die mit bürgerlichem Namen Rachel Agatha Keen heißt, bereits seit 2014 Musik. Wir kennen ihre Stimme aus Songs wie You don’t know me (Jax Jones, 2016) oder BED (Another Friday Night, 2023). Auch schrieb sie zuvor Songs für eine Reihe bekannter Musiker*innen wie Beyoncé, John Legend oder Ellie Goulding. Mit anderen Songwritern war sie unter anderem an der Komposition des  Songs Capital Letters gesungen von Hailee Steinfeld, bekannt aus dem Film Fifty Shades Freed (2018), beteiligt. 

Ein Neuanfang, gekrönt von internationalem Erfolg 

Dass sie erst jetzt so richtig bekannt ist, hat eine Vorgeschichte. Kurz vor ihrem Album-Release My 21st Century Blues wurde öffentlich, dass sich Raye von ihrem langjährigen Label Polydor Records trennte. Anstatt sie dabei zu unterstützen, ihre eigenen musikalischen Ideen zu verwirklichen, habe das Label sie stattdessen in das enge Korsett eines Pop-Sternchens pressen wollen. In dem Zeitraum  entwickelte sie zudem eine Drogenabhängigkeit, welche nach eigenen Angaben „ziemlich tief und wirklich gefährlich“ wurde. In ihrem Album wird neben der großen Bandbreite an unterschiedlichen Sounds – von R&B, Rap, Pop bis zu Jazz-Elementen – für alle deutlich: Sie macht von nun an ihr eigenes Ding. Im Oktober 2023 veröffentlichte sie außerdem eine Live-Version ihres Albums aus der Royal Albert Hall, in Zusammenarbeit mit dem Heritage Orchestra, wodurch ihr Repertoire um eine klassische Komponente ergänzt wurde. 

Eine Künstlerin, die Tabus bricht 

Neben ihrem musikalischen Talent, das Raye unter anderem in ihrer Grammy-Performance 2025 mit ihrem Song Oscar Winning Tears ein für alle Mal klarstellte, bezieht sie öffentlich für wichtige Themen Stellung. Mental Health ist für sie ein sehr zentrales Thema, das sie in ihrer Musik immer wieder adressiert. So unter anderem in dem Song Genesis, in dem es heißt: „Bang-bang, that’s depression at the door again. You know he’ll beat the door down ’til you let him in the room.“ Auch spricht sie sich öffentlich gegen sexuellen Missbrauch in der Musikindustrie aus und geht in ihrem Song Ice Cream Man auf ihre eigenen Erfahrungen ein. Sie beendet den Song mit den Worten: „And I’ll be damned if I let a man ruin. I’m a very fucking brave strong woman“ und vermittelt damit ein Gefühl von Empowerment, sich aus der Opferrolle zu holen und stattdessen auf die eigene innere Stärke zu besinnen.

In ihrem Song Body Dismorphia geht sie radikal ehrlich auf die Ablehnung des eigenen Körpers ein, befeuert durch unrealistische Schönheitsideale. „I hate the way my face is square. I hate my arms inside these sleeves. For this hourglass we all desire. I wear three corsets underneath.“ Sie schreckt vor den schweren Themen nicht zurück und schafft es, Tabus zu brechen. 

Der Party-Moment des Abends, begleitet von den Songs Prada und Secrets, Uber Arena, Berlin. Foto: Tea Lerch

This Tour May Contain New Music

Auf dem zweiten Konzert ihrer aktuellen Tour This Tour May Contain New Music in Berlin wandte sich Raye mit einer emotionalen Ansprache an ihr Publikum. Für sie sei Musik wie Medizin, die ihr Halt gebe und Menschen miteinander verbinde. Im Laufe des Abends interagierte sie immer wieder mit dem Publikum. So äußerte sie sich erfreut darüber, dass auch ältere Zuschauer*innen in der Altersgruppe von 50 bis 60 an ihrem Konzert teilnahmen. Etwas später erkannte sie in erster Reihe einen Fan, die bereits seit 2018 ihre Konzerte besucht: „Since when have you been around? Since I opened up for Halsey? Damn, that’s a long time ago!“ Mit Interaktionen wie diesen vermittelt sie den Fans das Gefühl, gesehen zu werden. Sie unterstrich ihre Dankbarkeit, heute in Arenen wie diesen auftreten zu dürfen, und erzählte davon, bereits mit 17 Jahren in dieser Arena gestanden zu haben und damals davon geträumt zu haben, eines Tages solche Arenen zu füllen. Das kann man erfolgreiche Manifestation nennen. Mehrfach holte sie aus und erzählte Anekdoten aus ihrem Leben.

Im emotionalsten Moment des Abends sprach sie ihre Fans direkt an und gab zu, dass das Leben „tough“ sein kann. Mit ihrem nächsten Song würde sie sich nun an alle wenden, die gerade eine dunkle Phase durchmachen. Anschließend sang sie den unveröffentlichten Song I know you’re hurting. Die gesamte Arena war still, einigen flossen Tränen über das Gesicht und wieder andere schlossen ihre Augen, um den Moment zu genießen, der das gesamte Publikum miteinander verband. Abschließend wünschte sich Raye, dass die Zuschauer*innen ihr Konzert mit weniger Gepäck verlassen, als sie vielleicht gekommen waren. 

Raye performt Ice Cream Man aus ihrem Album My 21st Century Blues, Uber Arena, Berlin. Foto: Tea Lerch

Ein Vorbild in düsteren Zeiten 

Es leiden so viele junge Menschen wie selten zuvor an psychischen Problemen wie Depressionen, sozialen Ängsten oder Essstörungen und auch die Welt scheint sich zunehmend in eine wahrgewordene Dystopie zu verwandeln. Da kommt eine Künstlerin wie Raye, die sich für wichtige Themen stark macht, Unabhängigkeit verkörpert und die Botschaft vermittelt, dass trotz schwieriger Phasen am Ende alles gut wird, genau zum richtigen Zeitpunkt. Letzteres ist für sie nicht bloß eine Phrase, vielmehr geht sie offen mit ihrer eigenen Geschichte um und dient somit als großes Vorbild einer ganzen Generation. Und so überrascht der Titel ihres nächsten Albums auch nicht, das am 27. März 2026 veröffentlicht wird: This Music May Contain Hope.  

Autor*in

Ähnliche Artikel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert