„Warum schalten wir nicht live nach Gaza?” – Die Legitimitätskrise der deutschen Medien

Bei der Podiumsdiskussion „Gaza und die deutschen Medien: Ein- und Aussichten” an der FU Berlin haben Nadia Zaboura, Alena Jabarine und Jouanna Hassoun über die Rolle der deutschen Medien im Nahostdiskurs gesprochen. Unsere Autorin Nadia Darmiche war vor Ort und berichtet über die Veranstaltung. 

Podiumsdiskussion mit Nadia Zaboura, Alena Jabarine und Jouanna Hassoun als Referentinnen. © Nadia Darmiche

Die deutsche Berichterstattung zum Nahostdiskurs steht seit dem 7. Oktober 2023 unter ständiger und massiver Kritik. Wer einen Blick in die Kommentarspalte der Tagesschau auf Instagram wirft, erkennt schnell weitverbreitete Frustrationen über die fehlende Einordnung von Geschehnissen im Rahmen der israelischen Kriegsführung in Gaza. In der Folge wenden sich Menschen vermehrt alternativen Plattformen zu oder übernehmen sogar selbst die Rolle von Journalist*innen, unter anderem, um von Ungerechtigkeiten zu berichten, die sie in etablierten Medien kaum beobachten würden (z. B. @lucas.febraro auf Instagram und @localwinemom auf TikTok). Vor dem Hintergrund dieses öffentlich ausgedrückten Medienmisstrauens stellt sich die Frage, ob die deutschen Leitmedien mit einer zunehmenden Legitimitätskrise konfrontiert sind.

In der Podiumsdiskussion „Gaza und die deutschen Medien: Ein- und Aussichten”, die am 4. Dezember an der FU Berlin stattfand, wurden die Kernprobleme herausgearbeitet, die die Referentinnen aktuell in der deutschen Medienlandschaft beobachten können. Anwesend waren Nadia Zaboura (Kommunikationswissenschaftlerin, Medienkritikerin und Publizistin), Alena Jabarine (Journalistin und Autorin des Buches „Der Letzte Himmel. Meine Suche nach Palästina”) und Jouanna Hassoun (Bildungsreferentin und Geschäftsführerin von Transaidency e.V.). Gemeinsam zeichneten sie ein Bild eines medialen Klimas, das von Selbstzensur unter Journalist*innen, mangelnder Kontextualisierung sowie fehlender Initiative zum Aufgreifen marginalisierter Perspektiven geprägt ist. Moderiert wurde die Veranstaltung von Prof. Dr. Carola Richter (Freie Universität Berlin), Professorin am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft mit dem Schwerpunkt internationale Mediensysteme.

Mangelnde Rechenschaftspflicht in den deutschen Medien

Die Art und Weise, wie mit dem Konflikt in den Leitmedien umgegangen wird, führt zu einem spürbaren Missvertrauen gegenüber den Medien, erklärte Nadia Zaboura zu Beginn der Diskussion. Als Resultat fehle ein gemeinsamer Verständigungsraum, da „Fakten zur Meinungssache verbogen” werden würden. Dies blockiere eine produktive Diskussion zu der Thematik. Die Probleme seien dabei bereits vor dem 7. Oktober sichtbar gewesen, so Alena Jabarine. Jabarine schilderte einen Fall eines Tagesschau-Posts, in dem die Golanhöhen fälschlicherweise als israelisches Gebiet gekennzeichnet wurden. Dies stelle eine klare Misinformation dar, da die Golanhöhen völkerrechtlich zu Syrien gehören. Anstatt diesen Fehler zu korrigieren, blieb der Beitrag unverändert online. Jabarine sieht in einem solchen Umgang mit Fehlern eine mangelnde Rechenschaftspflicht im deutschen Journalismus. Fehler dürfen im Journalismus gemacht werden, aber diese müssen im Nachgang reflektiert werden, erklärte die Autorin. Qualitätsmedien hätten durch „Journalistic Malpractice” demnach an Vertrauenswürdigkeit verloren. Des Weiteren führte Jabarine als Beispiel einer unvollständigen Berichterstattung an, dass bei den Überlieferungen der getöteten Geiseln von Gaza nach Israel, im Gegenzug nicht von den überlieferten Leichen von Palästinenser*innen von Israel nach Gaza berichtet wurden. „Journalismus hat Regeln”, so schließlich die Autorin, „die Berichterstattung würde anders aussehen, wenn diese befolgt werden würden.”

Angst vor Hetze führt zu Selbstzensur

Der Nahostdiskurs geht mitunter oft einher mit Antisemitismusdebatten, die den eigentlichen Konflikt als solchen überschatten. Aus Angst, selbst des Antisemitismus beschuldigt zu werden, würden deutsche Journalist*innen oft zur Selbstzensur greifen. Jabarine berichtete, dass Redaktionen Beschwerdewellen möglichst vermeiden wollen, da diese im öffentlichen Rundfunk beantwortet werden müssten. Die Springerpresse und die AfD wurden ebenfalls als Akteure hervorgehoben, die den öffentlichen Rundfunk unter anderem durch Hetzkampagnen versuchen unter Druck zu setzen. Jabarine äußerte, dass Redaktionen in solchen Fällen häufiger standhaft hinter den eigenen Mitarbeiter*innen hätten stehen sollen. Es existiere kein „revolutionärer Gedanke” in Medienhäusern, so Jabarine, dass etwas strukturell schieflaufe, wenn eine allgemeine Angst herrsche, über ein bestimmtes Thema zu berichten. Stattdessen würden Redaktionen den „Weg des geringen Widerstands” wählen.

Der Konflikt über den Konflikt

Jouanna Hassoun problematisierte diese Übervorsichtigkeit, die im schlimmsten Fall in antipalästinensischen Rassismus übergehen kann. Schon die bloße Benennung von Kriegsverbrechen führe zu Antisemitismusvorwürfen. Zaboura fügte hinzu, dass es sich zwar um einen Auslandskonflikt handele, dieser jedoch die Inlandsberichterstattung massiv beeinflusse. Die innere Psychologie einer Nation, die mit dem „nie wieder” aufgewachsen ist, spiele in diesem Fall eine bedeutende Rolle. Der Diskurs im deutschen Kontext sei von einer Unerbittlichkeit geprägt, die als Spiegel der eigenen Historie fungiere. Hassoun stimmte dem zu und warf die Frage in den Raum, was „nie wieder” eigentlich bedeutet. Eine Täterbenennung sei in jedem Fall notwendig: Man müsse benennen, dass Israel der Täter in Gaza und die Hamas der Täter am 7. Oktober war.

„Warum schalten wir nicht live nach Gaza?”

Und wie sieht es mit der Auslandsberichterstattung vor Ort aus? Jabarine erklärte, dass die  Auslandskorrespondent*innen der ARD für Israel und die palästinensischen Gebiete in Tel Aviv leben, weit entfernt vom Alltagsleben im Westjordanland – etwa im Flüchtlingslager in Jenin. Eine authentische Berichterstattung der Lebensrealität der Palästinenser*innen könne unter diesen Bedingungen nicht gewährleistet werden, da es an direkten Interaktionen mit Palästinenser*innen in den von Israel besetzten Gebieten mangelte. Des Weiteren verweigere Israel ausländischen Journalist*innen den Eintritt nach Gaza, sodass vor Ort nur palästinensische Stimmen vom Kriegsgeschehen berichten können. Hassoun fügte hinzu, dass wir ohne die sozialen Medien nie erfahren hätten, was die Menschen dort durchlebt haben. „Warum schalten wir nicht live nach Gaza?”, fragte Jabarine. Diese scheinbar simple Frage wurde mit einem spontanen Applaus des Publikums begrüßt. Jabarine geht darauf ein, dass darüber reflektiert werden müsse, warum Israel internationale Journalist*innen ausschließe. Palästinensische Stimmen werden in der Regel diskreditiert, weswegen der Anspruch an die Auslandskorrespondent*innen vor Ort sein sollte, diese möglichst zu entlasten.

Transparenz statt Neutralität

Die Referentinnen äußerten in der Fragerunde wenig Hoffnung auf einen baldigen Gewissenswandel in den traditionellen Medien. Das machtkritische Rollenverständnis von Journalist*innen wird durch die zu beobachtende Bequemlichkeit als nicht erfüllt gewertet; es fehle hierfür zu sehr an journalistischer Analysearbeit. Neutralität gebe es in diesem Konflikt in den Medienhäusern ohnehin nicht; so seien beispielsweise „I stand with Israel”-Sticker an Redaktionstüren angebracht worden, und die israelische Botschaft habe Redaktionen zu Sichtungen von Rohmaterial vom 7. Oktober eingeladen. Der Vorwurf, voreingenommen zu sein, treffe rassifizierte Journalist*innen dennoch besonders hart. Statt Neutralität äußerten die Referentinnen den Wunsch nach Transparenz im Umgang mit dem Konflikt und im Journalismus allgemein. Auf diese Weise könnten Rezipient*innen die Berichterstattung  zumindest besser einordnen.

Autor*in

Ähnliche Artikel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert