ADHS + Axolotl = ADHSOLOTL

„ADHSOLOTL“ ist eine autofiktionale Theaterperformance von jungen Menschen mit ADHS. Jasmin Pflugradt spricht mit den FU-Studierenden Luca Wetterau und Josefine (Josi) Meinecke, dem Regisseur und einer Schauspielerin des Stücks, darüber, wieso ADHS das Spotlight verdient.

Ein Einblick in eine von fünf Sphären aus „ADHSOLOTL“. Foto: Yunyoung Yang

ADHS auf der Bühne: Wie ist es dazu gekommen?

Luca: Ich habe eine ADHS-Diagnose, seit ich sechs bin. Nach meinem Umzug und zum Beginn des Studiums habe ich das Thema für mich neu entdeckt. Meine Symptomatik hat sich durch neue Alltagsschwierigkeiten verändert. Ich wollte unbedingt ein Theaterstück machen und dachte mir, das ist ein super Thema.

Wie habt ihr das Stück erarbeitet?

Luca: ADHS ist ein riesengroßes Thema. Um dem gerecht zu werden, hätte der Abend vier oder fünf Stunden lang sein müssen. Also haben wir entschieden, uns auf persönliche Geschichten zu konzentrieren. So haben sich Themen mit einem autobiographischen Ansatz ergeben.

Warum heißt das Stück „ADHSOLOTL“?

Luca: Ich habe ChatGPT gefragt: „Wenn ADHS ein Tier wäre, welches wäre es?“ Die Antwort war „Axolotl“. Ich fand das so interessant, dass ich recherchiert habe, und die Dinge haben sich gefügt. Wir haben das auch im Stück thematisiert. Unser Bühnenbild hat die Farben eines rosa Zucht-Axolotls. Das ist ein Tier, das man oft mit Weirdness, aber auch mit Cuteness verbindet.

Wie bist du dazu gekommen, mitzuspielen, Josi?

Josi: Ich wollte eine Theatergruppe finden und sah, dass das Stück einen neurodivergenten Fokus hat. Ich dachte mir: „Hey, ich habe Autismus und ein bisschen ADHS.“

Das Stück ist in „Sphären“ unterteilt. Was hat es damit auf sich?

Luca: Ich fand es wichtig, jeder persönlichen Geschichte einen Raum zu geben. Ich wollte einen stark pädagogisierenden, belehrenden Charakter vermeiden. Jede Sphäre hat ihre eigenen Regeln und Gesetze und ist vielmehr ein Nicht-Ort. Im Prinzip sind Sphären neurodivergente Momente.

Was waren für euch die größten Herausforderungen? Worauf seid ihr besonders stolz?

Josi: Dass ich autistisch bin, ist mir beim Schauspielen stark bewusst geworden. Sonst hieß es: Wir kriegen ein Skript, ich kriege eine Rolle, ich spiele das, was mir gesagt wird, dann bin ich fertig. Hier war es anders. Wir haben alles zusammen erarbeitet und sehr, sehr viel improvisiert. Ich habe gemerkt, dass das eine große Schwäche von mir ist, und hatte einige Meltdowns. Letztendlich habe ich es hinbekommen. Ich bin sehr stolz, dass ich das durchgezogen habe, und auf das, was wir auf die Beine gestellt haben.

Luca: Ich glaube, die größten Herausforderungen waren, unterschiedliche Bedürfnisse zu vereinen und die Stärken aller zu kultivieren. Ich bin sehr stolz, dass wir nicht an den Problemen gescheitert sind, die wir als neurodivergente Menschen im Alltag haben – zu spät kommen und unorganisiert sein. Ein Theaterstück ist ja krass strukturiert. 

Gibt es im deutschsprachigen Raum Theaterstücke, die sich mit ADHS auseinandersetzen? 

Luca: Ich habe sehr wenig dazu gefunden. Zum Beispiel „Relaxed Performances“: Diese richten sich an neurodivergente Menschen und sind inklusiver gestaltet. Theater ist dafür kein idealer Raum – mit Reizüberflutung und sonstigen Dingen. Ein Grund, warum ich so wenig gefunden habe, könnte sein, dass die Frage der Inklusion noch groß ist. Ich glaube, es gibt eine Diskrepanz zwischen der Präsenz der Thematik in der Öffentlichkeit, die zumindest in der digitalen Öffentlichkeit zunimmt, und der Repräsentation in anderen Gesellschaftsbereichen. Dazu gehören auch Kultur und Kunst. Aber auch dort springen unglaublich viele ADHS-People rum, die Kostüme nähen, krassen Scheiß machen und Teil dieses Ladens sind.

Ihr habt am Anfang des Stücks Fidget Toys verteilt. Habt ihr dazu Rückmeldungen bekommen?

Luca: Ein bisschen. Was ich persönlich cool fand: Eine Person hat während des ganzen Stücks richtig tolle Sachen gezeichnet. Auch in den Proben war der Gedanke: Nur weil jemand nicht hinschaut oder nebenher etwas macht, heißt das nicht, dass er weniger aufmerksam zuhört. Es ist wichtig, dieses stereotype Bild von Aufmerksamkeit, das wir in der Schule erlernen, zu brechen. Es ist mittlerweile sogar neurologisch erwiesen, dass solche Dinge vielen Menschen beim Zuhören helfen.

Josi: Ich habe mich dadurch während der Proben sehr wohlgefühlt. Es war eben nicht so, dass man die ganze Zeit hingucken, aufpassen, mitmachen und mitreden musste. Es war okay, wenn man an der Seite saß und mit einem Fidget Toy gespielt hat.

Was bedeutet es für euch, neurodivergent zu sein?

Luca: Neurodivergent zu sein bedeutet für mich, mit dem Wissen zu leben, dass ich gewisse Ansprüche, die die Gesellschaft an uns stellt, gar nicht umsetzen kann, weil diese neurotypisch strukturiert sind. Es bedeutet kreativ zu sein und mich für Sachen begeistern zu können. Lust zu haben, vieles auszuprobieren. Es ist Blessing und Curse zugleich. Manchmal könnte ich kotzen, wenn ich zum fünften Mal meinen Schlüssel oder mein Feuer verliere. Manchmal bin ich dankbar dafür, dass ich eigentlich was anderes machen wollte, aber gerade das mache, was ich tue, und dann was entsteht.

Josi: Für mich bedeutet es, anders zu sein in allen Bereichen meines Lebens. Im positiven und auch negativen Sinne. Ich bin eigentlich immer zu viel, aber das kann auch was Gutes sein. Neurodivergent sein heißt auch, mit anderen neurodivergenten Menschen leichter zu connecten. Es ist eine Community. Es ist etwas, was ich bin, womit ich lebe, und das ist okay.

Was wünscht ihr euch von neurotypischen Mitmenschen?

Josi: Verständnis. Geduld.

Luca: Verständnis und Geduld sind schön. Gleichzeitig stelle ich den Anspruch an mich selbst, dass ich akzeptiere, dass ich in einer neurotypischen Welt lebe und nicht alles ändern kann. Aber Sprache ist ein großes Thema. Wie oft „Oh mein Gott, ich habe ADHS“ inflationär benutzt wird … Das Gleiche gilt für Autismus. „Der Autismus kickt“ oder so. Da ist noch Luft nach oben. Miteinander reden und zuhören hilft.

Was nehmt ihr aus dieser Erfahrung mit?

Luca: Aus ADHS-Sicht: Ja, ich kann Projekte zu Ende bringen. Und dass ich auch beruflich in diese Richtung gehen und gerne meinen Beitrag dafür leisten möchte, dass solche Perspektiven auch öfter Repräsentation finden.

Josi: Ich wusste vorher, dass sich ADHS oder generell Neurodivergenz bei jeder Person sehr unterschiedlich zeigen. Aber ich hatte noch nicht so viele Real-Life-Erfahrungen damit. So viele verschiedene Arten davon zu sehen, war ein Reminder, dass wir alle so divers sind. Das hat mir klar gemacht, dass alle unterschiedliche Hilfestellungen brauchen.

Neugierig geworden? Wenn ihr euch „ADHSOLOTL“ nicht entgehen lassen wollt, könnt ihr euch das Stück am 13. und 14. März im Theatre Pool ansehen. Mehr Informationen findet ihr unter https://www.theatrepool.com/

Reihe oben von links nach rechts: Josefine Meinecke, Mila Baur, Lilli Rittner, Sofia Post Palacios, Michael Kaspar, Viktoria Neuschwander, An Klepel, Anni Schmidt, Aleyna Mutlu.
Reihe unten von links nach rechts: Louis Eberhardt Nguelemo, Ji-Hun Park, Luca Wetterau, Marion Bonsu. Foto: Yunyoung Yang

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