Wenn ein Film mit den Worten „Wir sind ziemlich naiv, uns wird immer erst zu spät bewusst, dass wir Angst haben sollten“ anfängt, liegt die Schlussfolgerung nahe, man befinde sich in den ersten Minuten eines Action- oder Horrorfilms. Stattdessen ist Greta Kluge auf eine zutiefst mitreißende Dokumentation über den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine gestoßen: Cuba & Alaska von Regisseur Yegor Troyanovsky.

Was dabei herauskommt, wenn das Drehbuch „Krieg“ heißt
Der im dritten Kriegsjahr des russischen Angriffskriegs erschienene Dokumentarfilm begleitet zwei Krankenschwestern, die als Frontmedics im ukrainischen Militär dienen. Cuba & Alaska zeichnet sich insbesondere durch seine unmittelbare Berichterstattung vom Kriegsgeschehen aus. Er bietet ein Kontrastprogramm zum Nachrichtenhagel über die Ukraine, bei dem sich schnell vergisst, dass man keinen blassen Schimmer hat, wie der Krieg für die, auf deren Schultern er lastet, konkret aussieht.
Genauso unvermittelt, wie der Krieg die Ukrainer*innen traf, wirft der Film sein Publikum direkt in einen Einsatz. Body-Cam-Material und Handyvideos zeigen, wie Yuliia – Deckname „Cuba“ – und Oleksandra – Deckname „Alaska“ – unter Beschuss einen Verletzten bergen. Schon in diesen ersten Minuten wird klar: Die beiden Frauen begegnen dem Grauen mit einer Kombination aus Schlagfertigkeit und Humor, sie tragen sich durch die unermesslich bittere Realität mit der gegenseitigen Rückendeckung ihrer Freundschaft.
Über 90 Minuten hinweg führt der mit belgischen und französischen Partnern entstandene Film durch alle Facetten des Alltags der beiden Frauen. Es ist unnötig, an dieser Stelle eine Spoilerwarnung einzubauen, denn es passiert alles, was man mit einem Leben im Krieg in Verbindung bringt: Verletzungen, Tod, Beerdigungen, düstere Nachrichten, Sorgen umeinander, ein Leben im Exil. Über allem schwebt ein großes Trotzdem. Es werden trotz des Krieges Geburtstage gefeiert, es wird viel gelacht, es wird geliebt und es werden Träume verwirklicht. Ohne Übergänge schneidet der Regisseur diese kontrastreichen Momente direkt aneinander. Gerade pustet Cuba noch die Kerzen auf dem Geburtstagskuchen aus, da sitzen sie und Alaska scherzend auf einem Pick-up und drehen eine Snapchat-artige Sequenz, wie sie zu einem Einsatz fahren. Nichts wird ausgelassen, weder Brutalität noch Galgenhumor. Allerdings unterscheidet sich der Film von anderen Dokumentationen in einem Aspekt: Es gibt keine politische Einordnung, keine Expert*innenstimmen, keine erklärenden Voiceover-Passagen. Im Mittelpunkt steht das Leben derer, die die Ukraine verteidigen. Dadurch wird Cuba & Alaska auf eine gewisse Art zeitlos und erhält den so direkten, kinematischen Charakter.
So vielschichtig wie der Krieg selbst – Drohnenangriffe, klassische Gefechte oder Angriffe auf die Energieversorgung – so facettenreich schöpft auch Troyanovsky die gesamte Bandbreite filmischer Ausdrucksmittel aus: von Handyvideos, über Go-Pro-Aufnahmen und Einblendungen von Textnachrichten bis hin zu klassischer Kameraführung. Das führt dazu, dass man ab und an den Eindruck bekommt, einem fiktionalen Drehbuch zu folgen. Hin- und hergerissen, ob das bei diesem Stoff ein gelungener Schachzug ist, überwiegt die Stärke der Aufnahmen und der Ereignisse, die Einblick in die schwersten Momente und tiefsten Gedankengänge der beiden Frauen ermöglichen.
Es herrscht nicht der Krieg, es herrscht die Freundschaft
Schnell merkt man, Cuba und Alaska retten nicht nur Menschen- und ab und zu auch Tierleben, sondern oft auch die Stimmung an den Orten, wo sie eingesetzt werden. Dabei scheint ihre Freundschaft wie ein Hafen, umgeben von einem Bataillon voller Männer.
Dabei steht beiden stets Erschöpfung ins Gesicht geschrieben, zugleich geht der Hauch eines Lachens und eine große Zugewandtheit nie verloren. Cuba & Alaska hat keinen nüchternen Dokumentationscharakter, im Gegenteil: Es entsteht eine emotionale Nähe zu den Protagonistinnen. Die Dokumentation hat so die skurrile Wirkung, dass man einerseits undenkbar froh ist, so weit weg vor dem Laptop in seinem Berliner Zimmer zu sitzen und aber doch das Bedürfnis verspürt, teilzuhaben an der so engen Verbindung zwischen Cuba, Alaska und ihren Kameraden. Das ist das Schöne an der Art und Weise, wie Yegor Troyanosky Nicht-Ukrainer*innen in die Kriegsrealität mitnimmt. Es geht nicht nur um Kampf und Leiden, es geht auch um Zusammenhalt, Freundschaft und den Wunsch nach einem glücklichen Leben. Letzteres ist auch das, was Alaska antreibt, warum sie sich immer wieder für den Einsatz entscheidet. Sie mache das nicht aus Liebe zur Ukraine, sondern in erster Linie aus „Egoismus“, aus dem Wunsch heraus, dass „in dem Land, in dem sie gerne lebt, alles gut ist“. In allen Aspekten des Films steckt die Hoffnung, dass sich alles zum Positiven wendet, die „Weicheier“, wie sie die Russ*innen oft nennen, die Ukraine nicht zugrunde richten. Genährt wird diese Hoffnung auch durch die Erinnerung an gute Zeiten, Schweres wird mit Gutem verknüpft, Krieg und Träume gehen nahtlos ineinander über, schöne Momente verweben sich mit der Kriegsrealität. Cubas Deckname beispielsweise stammt von einem Spitznamen, der ihr auf einem ukrainischen Musikfestival verliehen wurde. Es wirkt, als wäre eine der größten Aufgaben, sich nicht durch den Kriegsalltag abstumpfen zu lassen, sondern trotz allem an menschlichen Bedürfnissen nach Liebe, Freundschaft und Träumen festzuhalten.
Es gibt nichts, was ich am Ende dieses Textes lieber spoilern würde, als dass alles gut wird. Aber das geht, wie allgemein bekannt, leider nicht. Putin führt seit dem 24. Februar 2022 bis heute einen brutalen Krieg gegen die Ukraine.
Meine dringende Empfehlung ist, den Film zu schauen. Das geht bis zum 1. August kostenlos auf der ARTE Mediathek, ausgestrahlt wird Cuba & Alaska vom Sender am 27. Februar.
