Der Traum: eine WG mit guten Freund*innen, von Essen über Geschichten, alles miteinander teilen. Doch insbesondere städtischer Wohnraum ist knapp und umkämpft, sodass für viele nur die Möglichkeit der Zweck-WG bleibt. Sie haben nichts Eigenes, aber wohnen doch manchmal einsam. Emilia Portwich fragt sich: Wer sind diese Menschen, die zwar nebeneinander, aber nicht miteinander wohnen?

Fabi, 23
»Es war richtig ungemütlich.«
Ich wurde spontan in Berlin fürs Studium angenommen. Die Zweck-WG war das Einzige, was sich ergeben hat. Ich habe mit einem Pärchen zusammengelebt und mein Zimmer war wie ein Abstellraum. Ich habe mich gar nicht zu Hause gefühlt. Es war richtig ungemütlich. Ich war wirklich sehr selten in dieser Wohnung.
Man kam rein, sagte »Hallo« und dann kam fast nichts zurück. Ich bin eine Super-Social-Person und ich finde es richtig nervig, wenn man mit jemandem zusammenlebt und die Person nicht kennt. Vor dem Umzug nach Berlin hatte ich voll die gute WG und dann zu sowas zu kommen, ist halt übel pain. Ich kannte ja noch kaum Leute.
Wir hatten eine Küche, die mit dem Wohnzimmer verbunden war. Ich habe das Pärchen oft beim Streiten gehört und der eine Partner hat die ganze Zeit im Wohnzimmer gepennt. Dadurch bin ich morgens nicht in die Küche gekommen, weil ich ihn nicht wecken wollte. Ich hatte ein paar Sachen gekauft, die ich einfach in meinem Zimmer hatte, damit ich die morgens essen konnte, zum Beispiel Müsli und Hafermilch, halt ungekühlt.
Der Haushalt war gar nicht geregelt und ich bin eine Person, die super sauber ist. Ich habe da nur zwei Monate gewohnt und bin dann ganz schnell raus. Das einzig Positive an einer Zweck-WG ist, dass du schneller etwas findest. Es ist nicht mal günstiger. Ich habe mehr gezahlt als jetzt für meine eigene Wohnung. In einem Auslandssemester wäre ich fine damit, aber ich würde nie im Leben in eine Zweck-WG ohne ein Ablaufdatum ziehen.
Magdalena, 22
»Du kennst die Personen, mit denen du einziehst, davor gar nicht.«
Ich habe kurzfristig nach einer Wohnung in Berlin gesucht und online über Habyt ein Zimmer in einer gemeinsamen Wohnung gefunden. Das ist so studierendenwohnheim-mäßig angepriesen worden.
Die Wohnung ist voll ok. Ein Zimmer hat sogar ein eigenes Bad, die anderen teilen sich eins. Es gibt eine Mindestmietdauer von vier Monaten. Länger habe ich auch nicht vor hier zu wohnen. Grund ist erstens die hohe Miete und zweitens mein Mitbewohner. Du kennst die Personen, mit denen du einziehst, davor gar nicht.
Als ich eingezogen bin, hatte ich nur einen Mitbewohner, aber der war sehr anstrengend, laut und messy. Die Küche war immer unordentlich, nachdem er gekocht hat. Wir haben sogar einen Geschirrspüler, den er aber nie verwendet hat. Irgendwann meinte er, dass er noch nie einen Geschirrspüler benutzt und auch generell noch nie allein gewohnt hat, man solle ein wenig Patience mit ihm haben. Aber ich kann ihm nicht erklären, wie man alleine wohnt, ich bin nicht seine Mutter. Dadurch, dass wir sonst wenig Kontakt hatten, hatte ich viel Privatsphäre, das war ein bisschen wie alleine wohnen, ganz nett.
Er hatte die Angewohnheit, nachts laut in der Küche zu telefonieren oder zu kochen, teilweise um vier Uhr morgens. Ich bin sehr schlecht darin, bei sowas die Konfrontation zu suchen. Wenn er mich in der Nacht aufgeweckt hat, habe ich natürlich etwas gesagt, aber das hat so semi funktioniert.
Dann ist unsere dritte Mitbewohnerin eingezogen und sie war konfrontativer. Sie war wirklich hartnäckig und der Support hat ihm dann geschrieben, dass er sein Verhalten ändern muss. Er war dann sehr pissed auf uns und das Zusammenleben war richtig unangenehm. Wenn wir in der Küche waren, er aus seinem Zimmer kam und uns dann gesehen hat, ist er wieder gegangen. Mit der Mitbewohnerin verstehe ich mich gut. Das ist schon eher dieses WG-Feeling, anders als mit ihm. In eine reine Zweck-WG, wo man nicht mal weiß, wer da wohnt, würde ich wahrscheinlich nicht mehr ziehen.
Elise, 24
»Ein Kumpel meinte: ›Immerhin ist es keine Nudist*innen-WG.‹«
Ich habe über WG-Gesucht geschaut und viele Anzeigen angeschrieben, aber von den meisten nichts gehört. In meinem ersten WG-Gespräch habe ich direkt eine Zusage bekommen und musste mich bis Ende des nächsten Tages entscheiden. Das ist Berlin, da sage ich jetzt nicht: »Nein, ich hoffe, dass noch etwas Besseres kommt.« Mein Vertrag läuft nur sechs Monate, danach darf ich mich wieder in die Suche stürzen.
Ich glaube, am ehesten trifft ›Wirtin-Verhältnis‹ meine Wohnsituation, wie in den 50er, 60er Jahren. Da hat man sich als Student*in meist bei älteren Frauen eingemietet, die ein Zimmer frei hatten. Wir sind keine Mitbewohnerinnen, denn wir sind nicht gleichberechtigt in der Wohnung. Ich zahle vermutlich auch mehr als die Hälfte der Miete. Meine Vermieterin ist 80 Jahre alt, aber sie macht das schon lange. Es gab schon mindestens zehn Mieter*innen vor mir.
Mein Zimmer ist relativ groß und von ihr eingerichtet. Wir verstehen uns eigentlich gut und reden oft nett. Aber ich fühle mich schon eher wie ein Gast. Man merkt das in so kleinen Dingen wie der Küchennutzung. Letztens bin ich von der Uni gekommen, um mir Mittag zu kochen. Sie saß in der Küche und alles war voll mit ihren Aktenordnern. Ich meinte: »Ich würde jetzt gern Mittagessen kochen«, dann meinte sie: »Ja, das geht nicht.« Sie hat dann gnädigerweise die Unordnung beiseitegeschoben.
Eine Freundin fragte, ob sie bei mir übernachten kann und ich meinte: »Klar, bring dir eine Luftmatratze und einen Schlafsack mit.« Dann habe ich meiner Vermieterin die Situation erklärt. Sie meinte: »Sicher, ich nehme pro Nacht 15 Euro für Strom, Wasserverbrauch und Abnutzung. Das ist ja auch billiger als jedes Hotel.« Ich war schockiert und sprachlos. Ich biete das jetzt niemandem mehr an, weil ich das meinen Freund*innen nicht zumuten will.
Im Kühlschrank hat sie drei Fächer, ich eins. Für trockene Sachen hat sie mir ein halbes Regal freigemacht, aber das ist sehr schmal und über dem Kühlschrank. Ich habe in meinem Zimmer eine Schublade, da lagere ich jetzt Lebensmittel. Sie hat bei allem das letzte Wort, ich habe kein Mitspracherecht. Das ist anstrengend.
Dadurch, dass es keine klassische WG ist, gibt es aber weniger Druck, miteinander klarzukommen. Ich kann auch einfacher Dinge anmerken, die ich nicht so gut finde. Es ist sauber, es ist ordentlich, sie ist lieb. Es ist schon angenehmer mit ihr zu wohnen als mit einem Möchtegern-DJ, der bis drei Uhr morgens Party macht. Dafür weiß ich mehr über ihre medizinischen Probleme als ich möchte. Sie ist einsam und redet halt gern.
Ich würde gern hier raus. Es ist nicht schlimm, aber ich habe insgesamt die Schnauze voll vom WG-Leben. Idealerweise würde ich gerne meine eigene Wohnung haben. Ein Kumpel meinte: »Immerhin ist es keine Nudist*innen-WG.«
